Flaucherfranzl blickt zurück

Lange vor Corona: So rauschend waren die Party-Nächte im „Willenlos“ - Erlebnisprotokoll sorgt für Wehmut

Willenlos am Ostbahnhof
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Im „Willenlos“ erlebte der Flaucherfranzl bemerkenswerte Abende.

Was waren das für Zeiten: Lange bevor Corona zu Clubschließungen führte, erlebte der Flaucherfranzl unvergessliche Nächte im „Willenlos“. Nun kramt er sein denkwürdiges Erlebnisprotokoll hervor.

Schon die Anreise im 55er-Stadtbus hielt magische Erlebnisse bereit. Zwischen Perlach und Ramersdorf warben findige Versicherungsmakler um Kunden. Amateurfußballer wechselten den Verein, Fahrgäste fanden die Liebe ihres Lebens oder trennten sich von ihr.

Es war im Jahre 2014: Der Flaucherfranzl, durch geisteswissenschaftliche Studien noch an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) gebunden, hatte eine Partylocation in der Grafinger Straße als regelmäßiges Ausflugsziel erkoren: das „Willenlos“, jenseits der Stadtgrenzen auch als „P1 des Ostens“ bekannt.

Münchner Party-Nächte vor Corona: „Willenlos“-Besuche folgten turbulenter Chronologie

Unweit des Ostbahnhofs war ein unvergesslicher Abend die Regel, wie der Flaucherfranzl damals in seinem Erlebnisprotokoll festhielt: „Die Terrasse wie immer sehr gut gefüllt, viele bekannte Gesichter, die man schon ewig (nicht) unbedingt mal wiedersehen wollte.“

Die anschließenden Stunden folgten meist einer turbulenten Chronologie. Auf den „gewöhnungsbedürftigen Dampf“ auf der Tanzfläche und die „obligatorische Massenkeilerei“, die meist gegen drei Uhr erfolgte, hätte der Flaucherfranzl schon damals verzichten können.

Knapp sieben Jahre später stimmen ihn seine Zeilen dennoch wehmütig. Nicht, weil es ihn heute noch reizen würde, sich „mit feierwütigen Vorstadtproleten auf den Weg Richtung Ostbahnhof zu machen“. Sondern weil ihm allmählich klar wird, was sinnsuchende Jung-Münchner während der Pandemie verpasst haben. Immerhin: Inzwischen hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei einem seiner Corona-Statements angekündigt, dass Clubs und Diskotheken im Oktober wieder öffnen dürfen.

Erlebnisprotokoll aus dem Jahre 2014: So erlebte der Flaucherfranzl seine Besuche im „Willenlos“

„Freitagabend, 23 Uhr. Der 55er-Stadtbus macht sich voll besetzt mit feierwütigen Vorstadtproleten auf den Weg Richtung Ostbahnhof. Es wird gelacht und gegrölt; aus der letzten Reihe hört man Kid Cudi „All the crazy shit, i did tonight“ intonieren.

Adelholzener-Flaschen mit Cowboyschorlen, deren Mischverhältnis Charlie Sheen stolz machen würde, werden herumgereicht. Natürlich hat niemand eine Fahrkarte. Ein gewisses Vertrauen in die Menschheit wird man doch noch haben dürfen. Ziel der ausgelassenen Horde, ist das Willenlos, auch als „P1 des Ostens“ bekannt.

Bevor der In-Schuppen betreten wird, bleibt ein Großteil beim zuvorkommenden Kebaphändler am Ostbahnhof hängen. Bei seinen Geschäftszahlen hat der sich wohl gerade seine zweite Jugendstil-Villa an der Schwarzmeerküste finanziert. Wer noch in der Lage ist, bestellt sich seinen Dürüm ohne Zwiebeln.

Die Bodybuilder tanken an der Boxbirne am Eingang der Kultfabrik noch etwas Selbstbewusstsein und stählen die Diskomuskeln mit ein paar Liegestützen. Nach einer kurzen Pöbelpause vor der Mondscheinbar steht die Meute nun endlich in der schier endlosen Schlange vorm Willenlos. Gottseidank sind die Türsteher heute wieder kulant und so finden auch die Trainingshosen- und Rosenkranzträger Einlass.

Vorbei an der Kasse geht es sofort ran die Bar. Garniert man den Spottpreis für seinen Long Island Ice Tea mit einem saftigen Trinkgeld, legen auch die Barkeeperinnen schnell ihre Eisprinzessinen-Attitüde ab. Die Terrasse ist wie immer sehr gut gefüllt und schon bald entdeckt man viele bekannte Gesichter, die man schon ewig (nicht) unbedingt mal wiedersehen wollte. Wer schlau genug ist, bleibt an der frischen Luft und setzt sich nicht den tropischen Temperaturen im Club aus. Leider ist heute mal wieder die Klimaanlage ausgefallen und so schlägt einem auf der Tanzfläche ein gewöhnungsbedürftiger Dampf entgegen.

So um eins verabschieden sich die ersten Luftpumpen, die am nächsten Tag „früh rausmüssen“. Etwa um drei Uhr folgt dann die obligatorische Massenkeilerei, Glaswurf und Morddrohungen inklusive. Da das hervorragend geschulte Willenlos-Personal rasch deeskalierend eingreift, ist die Aufregung jedoch schon bald verflogen. Kurze Zeit später gehen schließlich auch die Amateurfußballer, die „in sieben Stunden ein wichtiges Spiel“ haben.

Wenn um kurz nach sechs schon wieder Avicii aus den Boxen dröhnt, ist nur noch der harte Willenlos-Kern auf der Terrasse versammelt und bestellt einen letzten Longdrink, um wenig später in Richtung Bushaltestelle zu wanken. Dort trifft man auch endlich den seit drei Stunden verschollenen Freund wieder. Manch müder Krieger muss dann doch der intensiven Nacht Tribut zollen und dreht friedlich auf dem Sitz vor sich hindösend die ein oder andere Ehrenrunde. Und endlich legt sich Stille über den 55er ...“

In unregelmäßigen Abständen beleuchtet tz.de-Kolumnist Flaucherfranzl gesellschaftliche Entwicklungen in der Landeshauptstadt auf tz.de/muenchen. Warum es immer noch so viele Leute aufs Sommer-Tollwood zieht, kann er zum Beispiel gar nicht nachvollziehen.

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