„Immer wieder mit Impfskepsis konfrontiert“

Vierte Corona-Welle: Dreimal mehr Patienten als vor einem Jahr - Münchner Kliniken schlagen Alarm

Ein Intensivpflegernimmt auf der Intensivstation einer an Covid-19 erkrankten Patientin Blut ab.
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In Münchens Krankenhäusern füllen sich die Betten mit Corona-Patienten (Symbolbild).

Münchner Kliniken rufen zum Impfen auf. Die aktuelle Situation bereitet ihnen Sorge, zunehmend füllen sich die Betten mit Corona-Patienten.

München - Die vierte Corona-Welle hat auch die Landeshauptstadt München erreicht – schneller und stärker als von Medizinern befürchtet. In den großen Kliniken der Isar-Metropole füllen sich die Betten zunehmend mit Corona-Patienten, sowohl auf den Normal- als auch auf den Intensivstationen. Die entsprechende Entwicklung bestätigten die beiden Münchner Krankenhaus-Koordinatoren Viktoria Bogner-Flatz und Dominik Hinzmann gegenüber der tz. Sie bezeichnen die steigenden Belegungszahlen als „alarmierend“ und sprechen von einer „besorgniserregenden Entwicklung“.

Zahlreiche Corona-Patienten in Münchner Kliniken: „Inzwischen drei Mal so viele wie exakt vor einem Jahr“

Auffällig dabei: Die vierte Welle ist bereits zwei Monate früher angerollt als die zweite Welle im letzten Herbst – dazwischen lag die dritte Welle im Frühjahr. „Inzwischen müssen bereits drei Mal so viele Corona-Patienten in Münchner Kliniken behandelt werden wie exakt vor einem Jahr. Und das, obwohl heuer anders als im letzten Sommer eine Impfung gegen das Virus zur Verfügung steht“, analysieren Bogner-Flatz und Hinzmann.

Genaue Belegungszahlen und Details zur Patientenverteilung auf die einzelnen Krankenhäuser nannten die Corona-Koordinatoren nicht, nach Informationen unserer Zeitung sollen mittlerweile bereits etwa 100 Patienten vornehmlich in den großen Unikliniken und in der München Klinik behandelt werden. Am 31. August 2020 waren es nur etwa 30 gewesen. In ganz Deutschland liegen laut der medizinischen Fachgesellschaft DIVI erstmals seit dem 18. Juni wieder mehr als 1000 Covid-Patienten auf Intensivstationen.

Corona in München: Experten befürchten, dass sich Lage zum Jahresende verschärfen könnte

Vor diesem Hintergrund befürchten Experten eine Verschärfung der Corona-Lage im kommenden Herbst und vor allem im Winter. Ob die vierte Welle weiter an Wucht gewinnt, dürfte vor allem davon abhängen, ob die derzeit stagnierende Impfquote von etwa 60 Prozent in den nächsten Wochen deutlich gesteigert werden kann. Denn schon jetzt kristallisiert sich klar heraus, dass fast alle Corona-Patienten in Münchens Kliniken keinen Impfschutz haben. „Geimpfte Patienten sind extreme Ausnahmen. Dabei handelt es sich meist um Menschen, die bereits vor ihrer Infektion schwer krank waren und ein geschwächtes Immunsystems hatten“, berichtet Bogner-Flatz, Leiterin der Notaufnahme der neuen Portalklinik des LMU-Klinikums in der Innenstadt.

Deshalb appelliert die erfahrene Notfallmedizinerin erneut an alle – auch an jüngere mit einem vermeintlich geringen Risikoprofil –, sich gegen Corona impfen zu lassen. „Der Weg aus dieser Pandemie führt nur über die Impfung. Wenn wir die Impfquote nicht steigern, wird uns die Pandemie noch wesentlich länger begleiten, als wir alle hoffen. Wir müssen es schaffen, mehr Menschen vom großen Nutzen der Impfung zu überzeugen“, sagt Bogner-Flatz. Sie räumt allerdings zugleich ein, dass diese Überzeugungsarbeit in manchen Fällen nur schwer zu leisten ist. „In der täglichen Praxis sind wir immer wieder mit Impfskepsis oder Ausreden konfrontiert. Sie klingen zwar mitunter absurd, halten sich aber in zu vielen Köpfen leider ziemlich hartnäckig.“

„Gerade zum Ferienende ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen“

Auch deshalb warnen Experten davor, dass Corona in Kürze mit ungeahnter Stärke wieder aufflammen könnte. „Gerade zum Ferienende, wenn die Reiserückkehrer-Welle ihren Höhepunkt erreicht, ist mit einem weiteren Anstieg der Erkrankungszahlen zu rechnen“, prophezeit die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin. Zumal die dominante Delta-Variante hochansteckend ist – laut US-Gesundheitsbehörde sogar genauso infektiös wie Windpocken. Die gute Nachricht dazu: „Auch bei der Delta-Variante senkt die Impfung das Infektionsrisiko um das Zehnfache und das Risiko eines schweren Verlaufs um mehr als das Hundertfache“, betont Markus Lerch, Chef des LMU-Klinikums. Sein Rat: „Impfe sich, wer kann!“

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