Das Schnelltest-Wirrwarr

Schulen, Unternehmen, Kitas: Das ist der Corona-Test-Stand in München - ein Überblick

Löwenfigur der Residenz in der Münchner Innenstadt -vor einem Schild mit der Aufschrift "Corona-Teststation"
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Löwenfigur der Residenz in der Münchner Innenstadt -vor einem Schild mit der Aufschrift «Corona-Teststation».

Testen, testen, testen – das soll bei der Eindämmung der Corona-Pandemie helfen. Die Theorie ist klar, doch die Praxis sieht in München ganz anders aus. Wir erklären die Lage.

München - Schnell- und Selbsttests wird bei der Bekämpfung der dritten Pandemie-Welle eine wichtige Rolle zugeschrieben. Doch in München* noch hakt es an allen Ecken und Enden. Hier ein Überblick, wie der Stand bei Kitas, Schulen, Unternehmen und den Test-Zentren zurzeit ist:

„Bei uns ist noch nichts angekommen“, sagt Melanie Keihl, Geschäftsführerin der Neue Kinder Fan GmbH sowie Leiterin von drei Kindertagesstätten in Oberföhring und Schwabing. Auf Corona-Schnelltests vom Bund warten die Erzieher hier bisher vergeblich. „Wir haben uns selber welche besorgt“, erzählt Keihl. Damit alle 34 Mitarbeiter zumindest einmal getestet werden konnten.

Münchner Kitas: Zwischen Ankündigung und Umsetzung klafft eine große Lücke

Für Keihl passt das ins Bild: „Erst wird in den Medien groß etwas angekündigt, aber an der Umsetzung hapert es dann.“ In Sachen Selbsttests hat sie ohnehin noch Zweifel. „Man steckt sich das Stäbchen sicher nicht so weit rein, bis die Augen brennen oder man würgen muss“, sagt sie. Und, wenn das Ergebnis dann falsch positiv sei, müsse die gesamte Gruppe für zehn Tage in Quarantäne. Keihl hat Fragen: „Was macht man, wenn das Ergebnis falsch ist? Reicht ein negativer Test, um wieder zurückzukommen?“ Antworten gibt es bisher nicht. Genauso geht es Keihls Kollegen im Dachverband Bayerischer Träger für Kindertageseinrichtungen (DBTK). Mittlerweile, sagt sie, habe sie die Info erhalten, dass sich eine Spedition um die Auslieferung kümmere.

Besserung soll zumindest für die 450 städtischen Kitas in Sicht sein. Rund 37.800 Selbsttests hat die Stadt in zwei Teillieferungen bisher vom Freistaat bekommen. „Das entspricht rund 40 Prozent des gemeldeten Bedarfs für fünf Wochen bei jeweils zwei Tests pro Beschäftigtem pro Woche“, teilt eine Sprecherin des Referats für Bildung und Sport (RBS) mit. Weitere Teillieferungen sollen zeitnah folgen. Die Selbsttests wurden im Verwaltungsgebäude umgepackt und adressiert und vor zwölf Tagen von der Branddirektion an 40 sogenannte Verteilerkitas geliefert. Dort können die anderen städtischen Kitas ihre Tests abholen. „Alle städtischen Kitas werden die Tests zeitnah vor Ort haben“, verspricht das RBS.

Schulen in München: Debatte über Schnelltests - Viele Menschen zweifeln

Dieser Bereich ist besonders umstritten. Die Idee des Kultusministeriums, Schnelltests an den Schulen durchzuführen, stößt auf Widerstand. OB Dieter Reiter (SPD)* hat einen Brief an Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) und Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) geschrieben. Er findet: Schnelltests für Kinder sollten daheim stattfinden – dann passiert’s auch nicht, dass ein positiv Getesteter durch die Stadt fahren muss.

Das sieht auch Martin Schmid so. Schulen seien keine Testzentren, sagt er in seiner Funktion als Vorsitzender des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (MLLV). Er sieht den Staat in der Fürsorgepflicht und bekommt prominente Unterstützung.

Max Uthoff, Kabarettist und Gastgeber der ZDF-Sendung „Die Anstalt“*, ist Vater von zwei Kindern. Er hält es für einen falschen Ansatz, die Kinder in den Schulen zu testen. Uthoff fordert mehr Solidarität für die Lehrkräfte, „die seit einem Jahr an der Belastungsgrenze sind“. Er will wissen: „Wenn die Lehrer und Lehrerinnen sagen, sie können nicht mehr – wer sind wir denn, dies infrage zu stellen? Und was bedeutet es für ein Kind, das in der Schule positiv getestet wird, sofort als ansteckend etikettiert und isoliert wird?“ Das sei ein Nährboden für Persönlichkeitsrechtsverletzungen und für Mobbing, findet der Kabarettist. Daher bittet er andere Eltern, auch als Zeichen der Solidarität gegenüber Lehrern und Lehrerinnen die Einverständniserklärung zum Selbsttesten in der Schule nicht zu unterschreiben.

MLLV-Chef Schmid hat außerdem Bedenken in Sachen „Datenschutz“ und bemängelt, dass durch die Tests viel Unterrichtszeit verloren gehe. Vor den Ferien stellte sich dieses Problem noch nicht. Es gab viel zu wenige Tests. „Im Ankündigen Weltklasse, in der Umsetzung Kreisklasse“, lautet sein Urteil für die Politik. Das soll sich ändern. Laut Gesundheitsministerium sollten bis Ende vergangener Woche 9,5 Millionen Selbsttests an die Kreisverwaltungsbehörden ausgeliefert werden. Bleibt die Frage, wie viele Kinder nach Ostern überhaupt in die Schule dürfen.

München: Große Unternehmen leiten selbst Schnelltest-Verfahren in die Wege

Zumindest die Münchner Unternehmen sind schon fleißig am testen, haben sich aber größtenteils selbst darum gekümmert. Eine gesetzliche Testpflicht gibt es nicht. Genau das fordern Bayern-SPD und Verdi Bayern nun. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft spricht sich strikt gegen eine solche Pflicht aus.

Bei Siemens beispielsweise werden Tests seit Beginn der Pandemie angeboten, bei BMW und MAN seit Herbst und bei der Amgen Research GmbH seit November. Dort können sich seit Montag alle Mitarbeiter freiwillig auch mehr als einmal pro Woche vom Betriebsarzt testen lassen. Das gilt auch für Haushaltsmitglieder. „Unsere Mitarbeitenden reagieren sehr positiv auf dieses Angebot, sich freiwillig testen zu lassen, und nehmen regelmäßig an einer Testung teil“, sagt Geschäftsführer Prof. Dr. Peter Kufer. Externe Besucher bekommen nur Zugang zu den Geschäftsräumen, wenn der vorher am Standort durchgeführte Antigen-Schnelltest negativ ist.

BMW verteilt nach Ostern mehr als eine halbe Million Schnelltests. Zudem soll der Belegschaft ein Impfangebot gemacht werden. „Unsere Betriebsärzte sind bereit. Wir haben die notwendige Infrastruktur aufgebaut – und sobald wir die zugelassenen Impfstoffe bekommen, legen wir los”, sagt Arbeitsdirektorin Ilka Horstmeier. Auch bei MAN denkt man schon übers Impfen nach. Das Impfmobil ist bereits im Einsatz. Sobald Impfstoff fürs Personal da ist, beginnt Werksarzt Dr. Oliver Breitkopf mit den Impfungen.

Seit vorigem Montag werden bei Paulaner allen Mitarbeitern Tests angeboten, die nicht im Homeoffice arbeiten können. „Wir haben uns eigenverantwortlich um Schnelltests gekümmert“, berichtet eine Sprecherin. Die in Präsenz Beschäftigten der Stadt München haben ab sofort die Möglichkeit, einmal pro Woche einen kostenlosen Schnelltest zu machen – in einer der staatlichen Testeinrichtungen oder einer Apotheke. Für den Test bekommen sie Arbeits- beziehungsweise Dienstbefreiung.

Test-Zentren in München: Am Dienstag eröffnet ein weiteres im Osten der Stadt

Ein Schnelltest-Experte ist auch Dr. Gerald Heigis. Der Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie betreibt zwölf Corona-Testzentren in München und der Umgebung. Eines eröffnet am Dienstag in Haar, zwei weitere sind in Planung. Mittlerweile ist er auch mit in die Bürgertests eingebunden, seine bestehenden Testzentren wurden umgewandelt. Hier gibt es eine Übersicht der kostenlosen Corona-Schnelltest-Möglichkeiten in München.

Außerdem wird er auch zu Kitas, Schulen, Kulturbetrieben und Unternehmen gerufen. Seit Mitte Februar testen Heigis und sein Team beispielsweise die Mitarbeiter von Lokomotion, einer Tochtergesellschaft der DB. Die Lokführer im Güterverkehr, die teilweise auch regelmäßig die Grenze zu Österreich überqueren, können sich rund um die Uhr testen lassen. In zwei Teststationen in München-Ost und -Nord arbeiten je vier Mitarbeiter von Heigis im Schichtbetrieb. Wenn es stressfrei ablaufe, schaffe ein Mitarbeiter pro Stunde rund 50 Tests. Dabei handle es sich um Antigenschnelltests mit hoher Sensitivität und Spezifität. Nach zehn Minuten ist das Ergebnis da. Übrigens: Ein Bürgertest pro Woche ist kostenfrei, jede weitere kostet 30 Euro.

Beim TSV Großhadern an der Heiglhofstraße 25 eröffnet am Dienstag ein Schnelltestzentrum. Auf Initiative des Vereinsmitglieds und Medizinstudenten Samuel Scholl können sich Bürger hier montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 18 Uhr kostenlos testen lassen. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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