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Neue Corona-Regeln für München: Bürgermeister verschärft die Maßnahmen

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Von: Klaus Vick

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OB Reiter spricht zur dramatischen Corona-Lage.
OB Reiter spricht zur dramatischen Corona-Lage. © Marcus Schlaf

Münchens Kliniken stehen vor einem Kollaps bei der Notfallversorgung. Daher verschärft OB Dieter Reiter die Corona-Regeln für München.

München - Draußen vor dem Rathaus standen am Donnerstagmittag um die 100 Leute in einer Warteschlange. Die Menschen reihten sich entlang der bereits für den Christkindlmarkt aufgestellten Buden. Am Impfzentrum auf der Theresienwiese sah es am Donnerstag genauso aus. Hunderte nehmen es inkauf, sich zwei bis drei Stunden für einen Piks anzustellen. Sei es für die Erst- oder für die Booster-Impfung. Die Signale sind jedenfalls eindeutig: In München entwickelt sich eine neue Impfdynamik – weil das Coronavirus* erbarmungslos zuschlägt.

Zur selben Zeit saß OB Dieter Reiter* (SPD) am Donnerstagmittag im kleinen Sitzungssaal des Rathauses. Mit ernster Miene. Neben ihm hatten Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek (SPD) sowie der Geschäftsführer der München Klinik, Axel Fischer, und der Chef-Infektiologe des Klinikums Schwabing, Clemens Wendtner, Platz genommen. An der Konstellation des Podiums bei dieser Pressekonferenz lässt sich schon erahnen: Die Corona-Lage in der Stadt ist besorgniserregend.

München vor Klinik-Kollaps: Operationen müssen verschoben werden

Sowohl Reiter als auch die beiden Mediziner warnen angesichts der explodierenden Zahl der Neuinfektionen vor einem Kollaps der Notfallversorgung. Fischer schildert an einem aktuellen Beispiel, wie dramatisch die Lage ist. So habe am Mittwoch ein ungeimpfter 81-jähriger Patient auf die Intensivstation verlegt, die Herz-OP eines anderen Patienten dafür verschoben werden müssen.

In den fünf Häusern der München Klinik seien bereits 50 Prozent der planbaren Operationen zurückgefahren worden. Wendtner warnt vor einem „schleichenden Prozess der Triage“, wenn jetzt nicht gegengesteuert werde und die Impfquote sich rasch erhöhe. „Es ist fünf nach zwölf.“ Triage bedeutet, dass in Krankenhäusern nach ethischen Gesichtspunkten entschieden word, wem geholfen wird und wem mangels Kapazität nicht.

Überlastung der Kliniken: Mangel an Pflegekräften

Verschärft wird die Lage durch den Mangel an Pflegekräften in den Kliniken. Laut Fischer können um ein Drittel weniger Intensivbetten genutzt werden als zu Beginn der Corona-Krise. Quarantänevorschriften, Krankheiten oder die Flucht aus dem Beruf haben die Personaldecke ausgedünnt. „Unsere Leute sind physisch und psychisch ausgelaugt“, berichtet Fischer. Der Puffer an freien Betten schmelze unaufhörlich dahin. Und täglich steige die Zahl neuer Corona-Patienten.

Wendtner betont: „Impfen ist die einzige Waffe, die uns durch die Pandemie hilft.“ Er glaubt, dass eine Impfquote von 85 Prozent für die Gesamtbevölkerung (also ab null Jahren) nötig sein wird, um die Corona-Lage medizinisch in den Griff zu bekommen. In München liegt diese Quote aktuell bei lediglich 62,5 Prozent. Wie dynamisch sich die Zahl der Infizierten entwickelt, erklärt Gesundheitsreferentin Zurek an einem Beispiel: So seien vor einem Jahr zehn positive Fälle pro Tag an den Schulen registriert worden, nun 170.

Stadt reagiert: 2G-Regel in der Gastronomie

Die Stadt werde auf die angespannte Lage mit einem Sofortmaßnahmenpaket reagieren, kündigt Reiter am Donnerstag an: „Wir können nicht tatenlos zusehen, wenn es einen derartigen Alarmruf der Intensivmediziner gibt.“ So soll in München ab der kommenden Woche in der gesamten Gastronomie eine 2G-Regelung im Innen- und Außenbereich gelten.

Nur Geimpfte und Genesene dürfen dann noch in Restaurants, Wirtshäuser oder Bars (siehe weiterer Bericht). Eine Ausnahme wird laut Reiter für Zwölf- bis 18-Jährige gemacht. Personal und Besucher von Pflege-und Altenheimen müssen getestet sein, auch wenn sie geimpft sind. Die Kapazität des Impfzentrums Riem wird wieder ausgebaut, das Corona-Service-Telefon personell aufgestockt.

München mit Schwierigkeiten der Kontakt-Nachverfolgung

Dasselbe gilt für die Nachverfolgung von Kontaktpersonen von Corona-Infizierten. Reiter zufolge wird diese Aufgabe entweder an ein Privatunternehmen ausgelagert oder die Stadtverwaltung um 100 bis 200 Stellen aufgestockt. In den vergangenen Tagen hatte die Stadt erhebliche Schwierigkeiten, alle neuen Fälle zu registrieren, weshalb inzwischen 50 Bundeswehrkräfte mithelfen. Die Inzidenz in München liegt daher auch laut Gesundheitsreferentin Zurek vermutlich bei um die 300 – und nicht wie gestern vom RKI offiziell mit 93,3 ausgewiesen.

Nach Auskunfts Zureks dürfte es noch rund eine Woche dauern, bis die Stadt den Meldeverzug wieder aufgeholt hat Gestern wurde ein neuer Höchststand gemeldet: 814 neue Fälle an einem Tag. Auf den Personalmangel im Pflegebereich will die Stadt ebenfalls spontan reagieren. Reiter und Fischer kündigen an, dass ab Dezember eine Extra-Zulage gezahlt werden soll. Konkrete Details werden gestern noch nicht verraten.

Christkindlmarkt am Marienplatz vor Absage?

Der Christkindlmarkt steht unterdessen womöglich vor einer Absage. Reiter erklärt am Donnerstag: „Ich kann keine Garantie geben, dass er stattfindet.“ Der OB wirbt dafür, dass München* und Nürnberg für ihre Christkindlmärkte eine einheitliche Lösung finden. Falls er stattfindet, will Reiter eine Maskenpflicht und eine 2G-Regel für die Gastro-Inseln.

Und er wirbt dafür, dass die Landkreise um München und in ganz Oberbayern dem Beispiel der Landeshauptstadt folgen und eine 2G-Regelung für die Gastronomie einführen. Reiter: „Ich will keinen Gastro-Tourismus.“ Am Ende seiner Ausführungen appelliert der OB eindringlich: „Man kann herumdiskutieren, wie man will: Geimpfte kommen auf alle Fälle besser durch die Krise. Und es geht letztlich auch um den Schutz anderer Menschen.“ (kv) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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