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Corona-Schnelltests verunsichern Münchner: Jeder fünfte unbrauchbar - Experte klärt auf

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Von: Andreas Beez

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CovPass-App mit Schnelltest
Corona-Schnelltestes sind nicht immer fehlerfrei. © IMAGO / Eibner

Bei den Schnelltests gibt es enorme Qualitätsunterschiede, wie eine wissenschaftliche Untersuchung ergab. Jeder fünfte fiel bei dem Test durch - Münchner sind daher verunsichert.

München - Im Kampf gegen Corona gelten Antigen-Schnelltests als wichtige Waffe. Doch bei den Produkten gibt es enorme Qualitätsunterschiede. Dies kristallisierte sich bei einer wissenschaftlichen Untersuchung heraus: Von 122 überprüften Schnelltests fielen 26 durch – unterm Strich etwa jeder Fünfte. Unsere Redaktion veröffentlicht die Liste der Rohrkrepierer.

Vier Tests mit einer Erkennungsrate von 0,0 Prozent

Bei diesen Rohrkrepierern lag die Erkennungsrate – in der Fachsprache Sensitivität genannt – bei unter 75 Prozent. Das bedeutet: Ihnen entgeht jede vierte Infektion. Vier Tests schlugen überhaupt nicht an, ihre Sensitivität betrug 0,0 Prozent. Umgekehrt fallen auch erstaunlich viele Schnelltests falsch-positiv aus.

In beiden Fällen jagen die Pannen den Betroffenen einen gehörigen Schrecken ein: „So ein Corona-Befund lässt einen ja nicht kalt“, erzählt Susanne (40), die irrtümlich ein positives Ergebnis bekommen hat. „Schließlich sterben nach wie vor Menschen an Covid-19 – auch jüngere.“ Erst ein negativer PCR-Test verschaffte der Münchnerin nach einigen bangen Stunden Erleichterung.

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Testchaos beschert 27-Jähriger Achterbahnfahrt der Gefühle

Marie erging es ähnlich, ein heilloses Testchaos bescherte ihr eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Wegen eines Schnupfens testete sich die 27-Jährige zu Hause selbst – positiv. „Zur Sicherheit habe ich gleich noch einen Test gemacht, der war negativ. Und dann noch einen dritten: wieder positiv“, erinnert sich die Grafikerin aus Kempten. Verunsichert eilte Marie in ein Testzen­trum. Dort fiel ihr Schnelltest wieder negativ aus. Deshalb ließ sie im fünften Anlauf auch noch einen PCR-Test machen – positiv! „Seitdem sitze ich ratlos zu Hause in Quarantäne und warte ab, bis das Chaos endlich vorbei ist.“

Wie groß das Ausmaß der Testpannen ist, deckte die wissenschaftliche Überprüfung auf. Federführend war das Paul-Ehrlich-Institut, eine Bundesbehörde unterm Dach des Gesundheitsministeriums. Dessen Wissenschaftler legten sogenannte CT- bzw. CQ-Werte zugrunde. „Je geringer diese Werte sind, desto höher ist die vermutete Viruslast“, erklärt der Virologe und Corona-Experte Professor Klaus Stöhr. Das wiederum bedeutet: „Menschen mit einem CQ- bzw- CT-Wert unter 25 sind wahrscheinlich ansteckend – je geringer der Wert ist, desto mehr.“ Diese Infizierten sollte der Schnelltest eigentlich besonders gut erkennen. Doch sogar in dieser Katagorie versagten bei der Prüfung 26 von 122 untersuchten Schnelltests – nach Einschätzung von Experten ein bedenklich hoher Anteil.

Virologe Stöhr: Schnelltests nur eingeschränkt geeignet

Top-Virologe Professor Dr. Klaus Stöhr
Top-Virologe Professor Dr. Klaus Stöhr © privat

Neben der Sensitivität zählt ein weiteres Qualitätsmerkmal: die Spezifität. „Sie gibt – vereinfacht erklärt – die Fehlerquote an und beschreibt, wie viel Gesunde fälschlicherweise doch als infiziert bewertet werden“, erläutert Stöhr. Eine Spezifität von 95 Prozent bedeutet, dass fünf von 100 Getesteten irrtümlich ein positives Ergebnis erhalten. Zudem schlagen Antigen-Schnelltests mitunter nicht an, wenn die Virenlast – also die Menge der Viren im Körper – vergleichsweise gering ist.

Wenn man sich noch in der Inkubationszeit befindet (in der Ausbruchsphase der Erkrankung) kann das Ergebnis fälschlicherweise negativ ausfallen. Aber schon am nächsten Tag kann es ganz anders aussehen. „Man darf auch nicht vergessen, dass diese Tests eigentlich für erkrankte Personen gedacht sind. Auch deshalb sind sie für massenhafte Testungen bei asymptomatischen Personen nur eingeschränkt geeignet“, erklärt Stöhr. „Trotzdem können Schnelltests sinnvoll sein, etwa als zusätzliche Sicherheitsschwelle beim Besuch im Alten- und Pflegeheim oder von anderen vulnerablen Menschen.“

Bei diesen Tests bleiben viele Infektionen unentdeckt

Diese Tests fielen bei der Überprüfung durch Wissenschaftler des Paul-Ehrlich-Instituts durch - jeweils zuerst der Herstellername (fettgedruckt) und dann der Produktname sowie die Sensitivität (Erkennungsrate):

Acro Biotech Inc/COVID-19 Antigen-Schnelltest 16,7%

Aikang Diagnostics/SARS-CoV-2 Antigen-Testkit (Immunochromatograpie): 11,8%

Beijing Savant Biotechnology/Neues Coronavirus (SARS-CoV-2) N Protein-Nachweis-Kit (Fluorescence Immunchromatographie): 0,0%

CertestT Biotec/CerTest SARS-CoV-2 Ag-Test: 29,4%

Coris Bioconcept/COVID-19 Ag Respi-Strip: 33,3%

Hangzhou AllTest Biotech/COVID-19 AG AllTest: 16,7%

Hangzhou Biotest/Lumiratek SARS-CoV-2-AG-Test: 29,4%

Hangzhou Genesis Biocontrol/Ag-Schnelltest: 52,9%

Hangzhou Realy Tech/Neues Coronavirus (SARS-Cov-2) Ag-Schnelltest-Kassette (Abstrich): 58,8%

Inzek International Trading/Biozek medical COVID-19 Antigen Schnelltest-Kassette: 52,9%

Joinstar Biomedical/COVID-19 Ag-Test (Latex) 0,0%

Joysbio (Tianjin) Biotechnology Co., Ltd./Joysbio SARS-CoV-2 Antigen-Schnelltest (Kolloidales Gold): 47,1%

Lionex GmbH/Lionex COVID-19 Ag Schnelltest: 0,0%

Medicon Co./Trueline COVID-19 Ag Schnelltes: 58,8%

Mexacare Heidelberg/COVID-19 Ag-Schnelltest: 52,9%

nal von minden/dedicio COVID-19 Ag plus Test: 35,3%

Rapigen/Biocredit COVID-19 Ag: 16,7%

Servoprax/Klartest Corona-Antigen: 66,7%

Spring Healthcare/Antigen-Schnelltest (Abstrich): 29,4%

SureScreen Diagnostics/COVID-19 Ag-Schnelltest: 52,9%

TaiDoc/FORA COVID-19 ANTIGEN SCHNELLTEST: 27,8%

Unioninvest/COVID-19 Antigen-Schnelltest: 0,0%

VivaChek/VivaDiag SARS-CoV-2 Ag-Schnelltest: 50,0%

VivaChek/VivaDiag Pro SARS-CoV-2 Ag-Schnelltest: 64,7%

WHPM/Erster SIGN SARS-CoV-2 Antigen-Test: 47,1%

Xiamen Zhongsheng/Covid-19 Antigen-Test 11,8%Acro Biotech Inc/COVID-19 Antigen-Schnelltest: 16,7%

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