Besonderer Ansatz

München: Corona-Studie könnte Kampf gegen Virus revolutionieren

Andreas Wieser doziert
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Dr. Andreas Wieser erklärt die Ergebnisse der Studie des LMU-Tropeninstituts.

Sind Corona-Schnelltests in Kürze nicht mehr kostenfrei, könnte eine Studie aus München weiter in den Fokus rücken. Ein Wissenschaftler erklärt die Ergebnisse.

München - Bringt Abwasser neuen Schwung in den Kampf gegen Corona? Seit März 2020 hat ein Forschungsteam um Dr. Andreas Wieser vom Tropeninstitut der LMU und verschiedenen anderen Instituten das Abwasser an sechs Stellen im Münchner Stadtgebiet in Bezug auf das Coronavirus* untersucht. Dabei kamen die Wissenschaftler auf spannende Ergebnisse, die nun in der Fachzeitschrift „Science of the Total Environment“ vorgestellt wurden. Im Interview erklärt Wieser, welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen kann.

Corona-Studie aus München: Inzidenz drei Wochen vor lokalen Behörden ermittelt

Herr Wieser, was hat die Studie ergeben?

Dr. Andreas Wieser: Wir konnten den Konzentrationsanstieg des neuartigen Coronavirus im Abwasser feststellen, bevor sich das in den offiziellen Meldezahlen widergespiegelt hat. Durch die im Abwasser gemessene Viruslast haben wir die lokale Inzidenz für die Verbreitung von SARS-CoV-2 bereits etwa drei Wochen früher festgestellt als in den Meldezahlen der Behörden, die auf der Analyse von Atemwegsabstrichen basieren. Zudem konnten wir die zunehmende Ausbreitung der Virusvariante B.1.1.7 (Alpha) in der Münchner Bevölkerung bereits Anfang Januar 2021 nachweisen, Wochen bevor diese durch die Sequenzierung von Abstrich-Proben von Patienten in München in relevanter Zahl festgestellt werden konnte. Als der bekannte Anteil bei den Nasenabstrichen noch unter einem Prozent war, ergaben die Sequenzierungen des Abwassers teils schon einen Anteil der Alpha-Variante von 50 Prozent.

Welcher Wert ist der entscheidende Anhaltspunkt?

Entscheidend ist die Messung der Konzentration an Virus-Genomen. Es ist uns aufgefallen, dass die Konzentration an SARS-CoV-2 im Abwasser erstaunlich hoch ist. Dabei ist zu beachten, dass das Abwasser nicht durch beispielsweise starke Regenfälle kurz vor der Probenahme verdünnt werden kann.

Corona in München: „Abwasser-Überwachung kann wertvollen Beitrag leisten“

Was bedeutet das Ergebnis für die Zukunft?

Um einen Überblick über die epidemische Lage zu bekommen, kommen verschiedene Datenquellen zum Einsatz. Die Abwasser-Überwachung kann hier einen wertvollen Beitrag leisten. Nicht nur weil sich hier Anstiege der Fallzahlen rascher manifestieren, sondern auch weil die Technik unabhängig von vielen anderen Störgrößen ist. Nehmen wir als Beispiel die kostenlosen Testmöglichkeiten: Werden diese abgeschafft oder die Definition der Meldepflicht geändert, werden manche Fälle nicht mehr entdeckt. Dann verschiebt sich die Statistik und die Werte können mit denen davor nicht mehr so einfach verglichen werden. Da jedoch jeder Mensch in München regelmäßig auf die Toilette geht, ist die Virenkonzentration im Abwasser davon nicht betroffen. Zudem ist die Anzahl der genommenen Proben vergleichsweise gering, was diese Technik zu einer sehr kosteneffizienten Überwachungsart macht.

Nehmen wir als Beispiel die kostenlosen Testmöglichkeiten: Werden diese abgeschafft oder die Definition der Meldepflicht geändert, werden manche Fälle nicht mehr entdeckt. 

Dr. Andreas Wieser über mögliche Potenziale der LMU-Studie

Wird das Abwasser-Monitoring nun ausgebaut?

Das hoffen wir sehr, denn es ist eine gute Technik, die komplementäre Vor- und Nachteile im Vergleich mit den derzeit eingesetzten Überwachungsmaßnahmen hat. Insbesondere wäre gut, wenn die Beprobung auf automatisierte, gekühlte Probenehmer umgestellt werden könnte. Das würde eine deutliche Steigerung der Datenqualität bedeuten. Es darf auch nicht vergessen werden, dass eine Abwasser-Überwachung nicht nur für SARSCoV-2 verwendet werden kann, und der Aufbau einer solchen Infrastruktur eine gute Investition in die Zukunft wäre. Weltweit gibt es andere Städte, die auf diesem Gebiet bereits weiter sind. Hier könnte sich München* als Hochtechnologiestandort schon auch gut aufstellen. (Interview: Phillip Plesch) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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