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Corona-Lage weiter angespannt: Auffrischungsimpfung für alle sinnvoll? Münchner Experte wird deutlich

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Von: Wolfgang Hauskrecht

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Aktuell passiert genau das, was Experten seit Wochen vorhersagen: Die Inzidenzen steigen rasant an. Im Interview erklärt der Münchner Infektiologe Dr. Christoph Spinner, wie die Lage einzuordnen ist.

München - Dr. Christoph Spinner ist Infektiologe und Pandemiebeauftragter des Universitätsklinikums rechts der Isar in München. Im Interview äußert er sich zu den erneut steigenden Infektionszahlen in der Corona-Pandemie und den Folgen für die Kliniken.

Dr. Christoph Spinner steht vor einer Klinik und hat die Arme verschränkt
Der Blick geht auf die Hospitalisierungszahl: Der Infektiologe Dr. Christoph Spinner ordnet die Corona-Situation ein. © Astrid Schmidhuber

Herr Dr. Spinner, die Inzidenzen steigen wieder deutlich. Müssen wir uns Sorgen machen?

Spinner: Eine Zunahme der Neuinfektions-Inzidenz in den Wintermonaten war zu erwarten und ist daher alleine noch kein Grund zur Sorge. Um vermeidbare schwere Covid-19-Verläufe abzuwenden, kommt es jetzt vor allem auf eine hohe Impfquote an.

Mit welchen Inzidenzen müssen wir im Winter rechnen?

Spinner: Das lässt sich meiner Ansicht nach schwer vorhersagen, zumal es von vielen Faktoren abhängt. Dazu gehören etwa die Impfquote, aber auch das Verhalten der Menschen. Hier ist insbesondere die Einhaltung der AHA-Regeln zu nennen. Als Arzt achte ich schon seit einigen Monaten sehr viel mehr auf die Hospitalisierungszahl, also auf die Zahl der Krankenhaus-Einweisungen. Aber auch hier werden wir sicherlich einen weiteren Anstieg sehen.

Schlagen die Zahlen voll auf die Intensivstationen durch oder gibt es einen abnehmenden Zusammenhang mehr zwischen Belegung und Inzidenz?

Spinner: Inzidenz und Klinikaufnahmen sind nicht mehr so stark gekoppelt wie in den ersten Wellen, aber natürlich gibt es hier auch weiterhin einen Zusammenhang: Eine höhere Inzidenz bedeutet mehr Infektionen und damit wächst auch die statistische Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe - vor allem bei den Ungeimpften.

Ist die Lage trotzdem anders als vor einem Jahr?

Spinner: Da insbesondere Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf - das sind vor allem ältere und chronisch Kranke - die Möglichkeit zu einer Schutzimpfung hatten, werden viele Krankenhaus- und Intensivaufnahmen vermieden. In den Kliniken sehen wir derzeit mehrheitlich Ungeimpfte oder auch Geimpfte, deren Immunsystem etwa aufgrund eines schweren Immundefekts schlecht auf die Impfung angesprochen hat.

Es gibt vermehrt Impfdurchbrüche. Gerade hat es Julian Nagelsmann vom FC Bayern erwischt.

Spinner: Wichtig ist zunächst, zwischen einem Impfdurchbruch und einem fehlenden Ansprechen des Immunsystems auf die Impfung zu unterscheiden. Mit einem Impfdurchbruch ist gemeint, dass es trotz Impfung und nachfolgend erfolgreich aufgebauter Immunität zu einer Infektion gekommen ist. Ein fehlendes Impfansprechen meint wiederum, dass trotz Impfung keine oder nur eine geringe Immunität aufgebaut worden ist. Das kann zum Beispiel bei chronisch kranken Menschen der Fall sein, die an einer Krebserkrankung wie etwa einer Leukämie leiden oder sich einer Dialyse unterziehen müssen.

Wäre eine Auffrischimpfung für alle jetzt sinnvoll oder ist der Impfschutz bei gesunden Menschen noch ausreichend?

Spinner: Alle Covid-19-Impfungen schützen wirksam vor schweren Verläufen - darauf kommt es an. Derzeit gibt es leider noch keine guten laborchemischen Messwerte, mit denen sich zuverlässig bestimmen lässt, ob noch eine ausreichende Immunität vorliegt. Der Impfschutz nimmt außerdem nicht bei allen gleich schnell ab. Bei Menschen unter 60 bis 70 Jahren, die ein gesundes Immunsystem haben, ist noch von einem ausreichenden Impfschutz auszugehen. Daher sollten derzeit nur über 70-Jährige mit Immundefekterkrankungen und/oder chronischen Erkrankungen sowie Mitarbeitende im Gesundheitswesen geboostert werden, also eine Auffrischungs-Impfung erhalten. Bei Letzteren geht es übrigens vor allem darum, das Risiko einer Übertragung auf Patienten noch weiter zu reduzieren.

Interview: Wolfang Hauskrecht

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