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München: Schock-Nachricht aus Kliniken – „Spirale der Eskalation“

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Von: Andreas Beez

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Corona in München
In München ringen Mediziner um freie Intensivbetten. (Symbolfoto) © Christoph Reichwein/Imago Images

In Anbetracht der steigenden Zahl schwerer Corona-Erkrankungen warnen Münchner Intensivmediziner vor einem Kollaps des Gesundheitssystems. Erste OPs werden abgesagt.

München – In Münchens Kliniken stehen die Krisenmanager mit dem Rücken zur Wand: Sie müssen OP-Patienten zum Teil bereits auf April vertrösten, um weitere Corona-Intensivbetten zu schaffen. Laut einer brisanten Prognose der Uni Freiburg im Auftrag des Robert-Koch-Instituts* könnte die Zahl der Corona-Intensivpatienten in Bayern bis 4. Dezember auf 1750 steigen. Das wären mehr als doppelt so viele wie am 14. November. An diesem Tag waren die Vergleichsdaten für die Drei-Wochen-Vorhersage mit der Abkürzung SPoCK erhoben worden.

Corona in München: Intensivmediziner appellieren an Ungeimpfte

In München liegen derzeit etwa 120 Corona-Patienten auf Intensivstationen. Wie ernst die Situation bereits ist, lässt der Lagebericht der Münchner Krankenhaus-Koordinatoren erahnen: „Wir kämpfen um jedes freie Bett - und zwar an jedem einzelnen Tag“, erläutern Privatdozentin Viktoria Bogner-Flatz und Dr. Dominik Hinzmann.

Beide neigen nicht zum Alarmismus, umso bedrohlicher wirkt ihr Appell: „Der Kollaps unseres Gesundheitssystems ist keine theoretische, sondern eine ganz reale Gefahr. Auch die Kraft der vielen leistungsstarken Münchner Kliniken ist nicht unendlich. Das müssen wir alle – und vor allem die Ungeimpften - endlich begreifen.“

Die Ärztlichen Krisenmanager wissen bereits, dass eine weitere Corona-Eskalation nicht mehr zu verhindern ist. Dazu reicht ein Blick auf die täglichen Infektionszahlen: Ein bestimmter Prozentsatz von denjenigen, die sich heute anstecken, landet in etwa zwei bis drei Wochen auf den Intensivstationen. „Selbst wenn es eine gute Fee gäbe, die die Pandemie sofort ausknipst, würde sich die Lage erst mal weiter verschärfen. Jetzt geht es nur noch darum, die Spirale der Eskalation zu stoppen.“

Corona: Intensivstationen in München ausgelastet – Operationen werden verschoben

Wenn das nicht gelingt, werden nicht nur viele weitere Corona-Patienten unnötig sterben, sondern auch andere schwer kranke Menschen. In Sachsen bereiten sich die Mediziner bereits auf Triage vor. Das bedeutet: Sie müssen dann entscheiden, welche Patienten behandelt werden können und welche zum Sterben verdammt sind. Auch in München könnte dieses Szenario eintreten.

Derzeit werden geplante Operationen verschoben, um freie Intensivbetten zu schaffen. In den großen Münchner Kliniken gilt bereits praktisch ein OP-Stopp, nur noch Notfälle landen sofort unterm Messer. „Wir müssen vielen Patienten sagen, dass wir sie erst im April operieren können“, berichtet Professor Christian Stief vom Uniklinikum Großhadern. Dies betreffe beispielsweise Patienten mit gutartigen Prostatavergrößerungen, mit endgradiger Arthrose an den Gelenken oder mit bestimmten Herzklappen-Erkrankungen.

München: Versorgung der Corona-Patienten auf Intensivstationen aufwendig

Auch im Uniklinikum rechts der Isar werden derzeit OP-Termine abgesagt. „Um insbesondere weitere Kapazitäten auf den Intensivstationen zu schaffen, ist die Verschiebung größerer Eingriffe und Operationen notwendig“, bestätigt Klinikchef Dr. Martin Siess der tz.

Bei der Schließung der Operationssäle geht es vor allem um personelle Umschichtungen. Anästhesisten, OP-Schwestern und andere Spezialisten können dann auf die Intesivstationen abkommandiert werden. Dort liegen inzwischen bereits zwischen 30 und 40 Prozent Corona-Patienten – ein viel zu hoher Anteil. „Ihre Behandlung ist extrem aufwendig“, erklären Bogner-Flatz und Hinzmann. Umso wichtiger erscheint es aus Sicht der Experten, die sprunghaft steigenden Klinikeinweisungen einzudämmen.

Ein neues Antikörper-Medikament könnte dabei helfen. Es soll verhindern, dass manche Corona-Patienten überhaupt ins Krankenhaus müssen. „Wir greifen nach jedem Strohhalm, um die Situation zu entschärfen.“ (bez) *Merkur.de und tz.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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