Brutaler Stress durch Corona

Münchner Klinik-Mitarbeiter arbeitete bis zum Blackout - Hotline für Corona-Helfer rettet ihn

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Das Gesundheitssystem in Deutschland ist wegen Corona stark belastet (Symbolfoto).

Corona treibt das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen - und besonders die Mitarbeiter darin. Ein Fachpfleger aus München schildert, wie es bei ihm zum Blackout kam.

  • Corona* hat die Stadt München weiter fest im Griff.
  • Mitarbeiter des Gesundheitswesens stehen seit Monaten wegen des Virus enorm unter Stress.
  • Ein Fachpfleger, der bis zum Blackout arbeitete, schildert, wie er eine neue Sicht gewann - wegen einer Hotline für Helfer.

München - Nach 25 Jahren Berufserfahrung schien Armin H. (46) nichts mehr aus der Bahn werfen zu können. Er arbeitet in einem Münchner* Krankenhaus als Fachpfleger für Anästhesie- und Intensivmedizin auf einer Covid-19-Station, schien selbst extremsten Belastungen immer gewachsen zu sein. Bis ihn mitten im Dienst der Blackout umwarf. Voller Scham und dem Gefühl des Versagens wählte er die Helpline des Vereines PSU Akut e.V. Das Ergebnis überraschte ihn. Denn am Ende des Gespräches fand er die Kraft weiterzumachen – mit einer neuen Sicht auf sich selbst:

„Diese Menschen sind so krank, wie ich es in 25 Jahren nie sah. Es sind Bilder, die sich einbrennen.“

Es war der 1. Dezember, der elfte Arbeitstag in Folge für Armin H. Das Team chronisch unterbesetzt, die Stimmung im Keller. Der extreme Lärmpegel der ständig Alarm schlagenden Beatmungs- und Dialysegeräte tat Armin H. geradezu körperlich weh. Drei schwerstkranke und instabile Covid-19-Patienten hatte er in seiner Obhut. „Diese Menschen sind so krank, wie ich es in 25 Jahren nie sah. Es sind Bilder, die sich einbrennen.“

Dreieinhalb Stunden lang hetzt Armin H. an diesem Tag in voller Schutz-Montur schweißgebadet von Alarm zu Alarm: „Auf einmal drehte sich der ganze Raum um mich. Mir war extrem schwindelig, der Kopf leer.“ Er wankt auf den Flur, lehnt sich an die Wand. Die Kollegin sagt: „Du siehst ja furchtbar aus. Mach mal Pause.“ Armin geht in den Gemeinschaftsraum, stürzt einen Liter Wasser hinunter, schließt sich im Klo ein – und weint bitterlich: „Ich hatte keine Kraft mehr, konnte nicht mehr klar denken. Ich fühlte mich so hilflos und hatte Angst, das alles nicht mehr zu schaffen. Obwohl ich meinen Beruf doch liebe und weiß, dass ich es kann.“

„Ich hatte mich nicht mehr im Griff“ - dann hilft ihm die Helfer-Hotline

Spät abends kommt er heim. Seine Frau fragt, wie der Tag war. Und wieder verliert er die Fassung. „Ich hatte mich nicht mehr im Griff.“ In dieser Nacht schläft er kaum. Er geht trotzdem zur Arbeit, quält sich durch den Dienst. Eine Ärztin gibt ihm die Nummer der PSU-Helpline. „Ich bin doch kein Psycho“, denkt er. Aber dann ruft er doch an. Am anderen Ende: Kerstin Strebe, seit 2017 aktiv bei PSU, selbst Pflegerin für Intensiv- und Anästhesiepflege. Eine Frau vom Fach, die Armins Belastungen kennt und versteht. Und dann sprudelt es aus Armin heraus. „Mir war nicht klar gewesen, was sich in mir alles angestaut hatte.“

Die verstörenden Bilder todkranker und sterbender Menschen. Die Überlebenden, die mit schweren Folgeschäden leben müssen. Die Verzweiflung der Angehörigen. Die Wut auf Corona-Leugner und niedergelassene Ärzte, die erkrankte Mitarbeiter von Intensivstationen nicht behandeln wollen. Seine Mutter, die ihn anflehte: „Bitte kündige!“ Bekannte, die ihn nicht mehr treffen wollen. Nachbarn, die im Treppenhaus vor ihm fliehen. Und auch die eigene, begründete Angst vor der Infektion: „Ich habe wie viele von uns einen Desinfektionszwang. Und oft Herzklopfen, wenn ich die Klinik betrete.“

Nach diesem langen Telefonat fühlte sich Armin wie befreit. Er ist Kerstins Rat gefolgt und hat einiges verändert. Keine Katastrophenzahlen mehr schon morgens im Bett. Die Familie hat wieder Priorität. Und es gelingt ihm wieder mühelos, auch mit den beatmeten Patienten zu sprechen, sie zu trösten und ihnen die Hand zu halten. „Das konnte ich zuletzt nicht mehr. Ich war unbewusst auf Distanz gegangen und hatte mich sehr dafür geschämt.“ Seitdem Armin geimpft ist, ist auch die Angst fast weg: „Bald bin ich wieder frei.“ - Dorita Plange - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks - Die Rufnummer der Helpline lautet 0800 0 911 912. Auf der Homepage psu-akut.de finden Sie neben Infos auch einen Selbsttest sowie das Spendenkonto des Vereins.

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