Besondere Herausforderungen in schwierigen Zeiten

Zweite Corona-Welle in München: So erleben Pfarrer, Testerin, Student und Reitlehrerin die Krise

Der zweite Corona-Lockdown stellt ganz Deutschland vor besondere Herausforderungen. Wir haben vier Münchner nach ihren Erfahrungen gefragt. Wie ergeht es Pfarrer, Testerin, Student und Reitlehrerin die aktuelle Phase?

München - Corona* hat uns fest im Griff. Vieles ist mittlerweile greifbarer geworden, das Leben mit Maske* - fast schon normal. Trotzdem stellt uns die zweite Welle der Pandemie vor neue ­Herausforderungen. Fakt ist: Die Krise schlaucht. Was das im Alltag heißt, berichten vier Münchner in ihren Corona-Tagebüchern.

Corona-Krise in München: So erlebt sie der Pfarrer

Es gibt Dinge im Leben, die passieren einfach. Ob man sie nun gut findet oder nicht. Aber, ist sich Pfarrer Bernd Berger (62) sicher, „man kann immer versuchen, das Beste draus zu machen“. Und manchmal entpuppt sich ein plötzlicher Einschnitt sogar als Chance. „Als Neuanfang, aus dem wahrlich Wunderbares entwächst…“

Seit dem ersten Lockdown hat Bernd Berger keinen einzigen Gottesdienst in der evangelischen Auferstehungskirche im Westend ausfallen lassen. „Ich bin zwar eigentlich überhaupt kein Technik-Freund“, erzählt er, „und was neue Medien angeht auch nicht sonderlich firm, aber ich hab mir von Anfang an meinen Laptop geschnappt, bin ins Westend gefahren und hab meine Gottesdienste live im Internet übertragen.“

Corona-Krise in München: Pfarrer Berger erreicht Gläubige aus aller Welt

Dadurch erreichte der Pfarrer nicht nur seine Gemeinde in München*, sondern Gläubige aus aller Welt. „Ich find’s toll“, berichtet Berger, „dass sich die Kirche immer weiter öffnet und damit beweist, dass sie mehr sein kann als ein Gotteshaus.“ Ein Ort, der neue Konzepte zulässt.

Um das Abendmahl weiterhin feiern zu können, hat Berger beispielsweise kleine Vespertüten gepackt. Mit Brot und Wein - abgefüllt in kleine Gläschen mit Schraubverschluss. Als Stärkung, als Wegzehrung, als „Lebens-Mittel“, das vor jedem Gottesdienst am Eingang ausgegeben wird. „Auch wenn das jetzt wahrscheinlich erst einmal ein bisschen befremdlich klingt“, sagt Berger, „ich bin fest überzeugt davon, dass uns die Krise alle ein Stück weiter zusammenrücken lässt - zumindest innerlich.“

So sieht es jetzt auch während der Gottesdienste aus: Pfarrer Bernd Berger steht in der evangelischen Auferstehungskirche im Westend.

Corona-Krise in München: So erlebt sie die Testerin

Um vier Uhr morgens klingelt bei Petra Borelli (58) der Wecker. In Ruhe genießt sie einen Kaffee. Sie weiß: Es wird heute der letzte Augenblick dieser Art sein. Die Chemikerin ist Inhaberin des medizinischen Labors MVZ in Poing (Lkr. München) und bearbeitet Corona-Tests von rund 500 Praxen im Münchner Raum sowie zwei Gesundheitsämtern im Umland. „Wir sind den ganzen Tag ständig in Hetze.“

Früher kümmerten sich ihre 120 Mitarbeiter um verschiedenste Proben. „Blutfettwerte, großes Blutbild, Influenza, Masern-Mumps - das war unser Hauptbetätigungsfeld,“ berichtet sie. Doch seit März dreht sich hier alles nur noch um Corona. „Anfangs war ich mir nicht sicher, ob wir auch Corona-Tests machen sollten - ich habe ja auch eine Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber.“ Aber sie willigte ein. „Wir dachten, das Thema sei nach ein paar Monaten durch, so wie bei einer Influenza-Welle…“ Aber so kam es nicht: Aus 120 Corona-Tests pro Tag Anfang März sind aktuell 3000 pro Tag geworden.

Corona-Krise in München: Noch keiner der 120 Mitarbeiter hat sich infiziert

Dabei ist das Labor nur auf 2000 pro Tag ausgelegt. Die Folge: Petra Borellis Arbeitstag geht von etwa 6 Uhr bis 21 Uhr. „Einige meiner Mitarbeiter sind so überarbeitet, dass sie deshalb ein paar Tage ausfallen.“ Immerhin: Dank perfekter Schutzkleidung, regelmäßiger Coronatests und ständiger Desinfektion der Arbeitsplätze hat sich bislang kein Mitarbeiter infiziert*. „Wir sind hier eine Art Hochsicherheitstrakt.“

In den Augen einiger Patienten aber arbeiten Borelli und ihr Team nicht genug. „Richtig dreist fand ich einige Patienten in der Urlaubszeit. Da fahren die trotz Warnung weg, kommen am Samstag zurück und beschweren sich am Montag, dass das Ergebnis noch nicht da ist. Da fehlt mir jegliches Verständnis.“

München im Herbst 2020: Das Coronavirus hat die Stadt zum zweiten Mal lahmgelegt.

Corona-Krise in München: So erlebt Sie der Student

Für sein Studium an der Technischen Universität (TUM) ist Matthias Horstmann (19) vor einem Monat aus Madrid nach München gezogen - so hat es sich der Umweltingenieurswesen-Student aber nicht vorgestellt. Durch den Lockdown verschiebt sich alles vom Gelände ins Internet. Vorlesungen finden nur noch als Zoom-Konferenzen statt. Mit den anderen Studenten zu lernen fällt großteils weg, Kontakt besteht fast ausschließlich über soziale Netzwerke. „Normalerweise ist das Studium eine Phase, in der man sehr viel Zeit mit anderen Leuten verbringt, viel von anderen Leuten lernt und Anderen hilft - das fällt gerade weg“, findet er.

Auch sonst gibt es gerade kaum Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen. Besonders für zugezogene Studenten wie ihn ist es schwer, Kontakte zu knüpfen*. Die Präsenzveranstaltungen entfallen, einige davon ohne Ersatz. Stundenpläne seien teilweise unübersichtlich oder fehlerhaft. Die Fachkräfte sind zwar verständnisvoll und helfen viel, insgesamt werde von den Studenten jedoch viel mehr Eigeninitiative verlangt. Darin sieht Matthias jedoch auch eine Chance. „Da die Lehrkräfte nicht immer sofort helfen können, lernt man schon, sehr selbstständig mit diesen ganzen digitalen Themen umzugehen“, sagt er.

Ausbildung unter erschwerten Bedingungen: Matthias Horstmann beginnt sein Studium in München.

Corona-Krise in München: So erlebt sie die Reitlehrerin

Es ist wie ein Albtraum, der sich wiederholt. Wieder muss Isabelle von Medinger den Betrieb in ihrer Reitschule am Englischen Garten fast komplett einstellen, erneut traurige Mädchen und frustrierte Eltern vertrösten. „Es ist mein verflixtes siebtes Jahr“, sagt die 35-Jährige. Und es bringt sie an ihre Grenzen - in vielerlei Hinsicht.

Beim ersten Lockdown musste sie komplett schließen, die Fixkosten liefen natürlich weiter. Hinzu kam, dass die Reitschüler hohe Guthaben in Form von Zehnerkarten und Ferienkursen hatten. Isabelle von Medinger hatte schon damals ausgerechnet: Um das gesamte offene Guthaben abzuarbeiten, müsste sie eine Vollzeitkraft für zwei Jahre beschäftigen - ohne etwas dazuzuverdienen!

Corona-Krise in München: Reitschule verkaufte schon 20 Pferde

Um die Reitschule zu erhalten und die Kosten zu decken, entschließt sie sich, 20 ihrer Pferde zu verkaufen, zuletzt eins im Oktober. Denn auch nachdem sie den Betrieb wieder aufnehmen konnte, die Stundenzahl von vor Corona kann sie nicht anbieten. Es fehlen Pferde und Personal - und somit auch Geld! Auch wenn viele Reitschüler Verständnis haben, einige sogar ihr Guthaben spenden, machen andere auch Druck, fordern ihr Geld sofort zurück - teilweise mit Anwälten. „Dabei braucht der Betrieb vor allem Geduld und Verständnis.“

Jetzt ist der Betrieb erneut geschlossen, lediglich Einzelstunden kann sie ab und zu geben. Doch Isabelle von Medinger gibt nicht auf: „Ich kämpfe weiter für unsere Reitschule - auch im zweiten Lockdown*.“ (nba, lmb, sb, ody) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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