Impfstoff wird knapp

Freistaat kürzt Erstimpfungen auf fast Null in München: OB Reiter ärgert sich massiv über Spahn & Co.

Die Impf-Priorisierung soll deutschlandweit fallen. München-OB Dieter Reiter ärgert sich massiv über die Ankündigungen von Minister Jens Spahn.

München - Zoff um den Stoff – genauer: um den Impfstoff! Am 7. Juni soll deutschlandweit die Priorisierung aufgehoben werden*: Das hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mitgeteilt. Münchens OB Dieter Reiter* (SPD) schimpft nun nach dieser Aussage, das sei „wieder einmal der dritte Schritt vor dem ersten“. Denn: Woher soll der Impfstoff kommen?

Corona in München: Kaum noch Erstimpfungen in Impfzentrum - Reiter sauer über Aufhebung der Priorisierung

In den vergangenen Wochen hatte die Zahl der Erstimpfungen in München noch rapide zugenommen. Seit Anfang Mai bekamen mehr als 150 000 Menschen ihre erste Dosis mit einem Vakzin gegen Corona. Zum Vergleich: Von Ende Dezember bis Ende März waren es in drei Monaten ebenfalls 150 000 Personen. Im April wurden mehr als 240 000 Erstimpfungen vorgenommen. Stand gestern lag die Zahl der Münchner, die einen Erstschutz gegen Corona erhalten hatten, bei 549 390. Bereits zum zweiten Mal geimpft sind insgesamt 162 031 Personen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte nun am Montagabend mitgeteilt, dass die Impfpriorisierung am 7. Juni enden soll. Spahn bat aber um Geduld. „Das heißt nicht, dass wir dann alle binnen weniger Tage impfen können. Ich muss weiterhin auch da um Geduld bitten.“ Man werde bis in den Sommer hinein brauchen, um alle, die wollen, auch impfen zu können.

Corona: München könnte viel schneller impfen - Reiter ärgert sich über Spahn-Vorstoß

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sieht die Ankündigung Spahns derweil kritisch. „Das ist in der Theorie erst einmal ein guter Gedanke, um Bürokratie abzubauen und Impfungen so schneller durchzuführen.“ Aber wieder einmal werde der dritte Schritt vor dem ersten gemacht. „Denn gleichzeitig wurde mein Gesundheitsamt gestern vom Bayerischen Gesundheitsministerium darüber informiert, dass unser Impfzentrum in den nächsten Wochen kaum noch Erst-Impfungen durchführen kann, damit genug Impfstoff für die Zweitimpfungen zur Verfügung steht.“ Im Klartext: Wer jetzt noch auf seine Impfung wartet – derzeit steckt die Stadt mitten in den Impfungen der Priorisierungsgruppe 3 – der dürfte auf einen Termin im Impfzentrum noch ziemlich lange warten.

Das sei nicht die Strategie, die er, Reiter, sich vorstelle. Und es erfülle auch nicht das, was den Kommunen von Monat zu Monat immer wieder aufs Neue zugesagt worden sei. Reiter kommentiert spöttisch: „Im März, nein im April, nein im Mai, nein jetzt aber wirklich: im Juni soll es endlich ausreichend Impfstoff für alle geben, die sich gegen Corona impfen lassen wollen.“

Reiter: „Seit Monaten operiert das Impfzentrum gezwungenermaßen auf Sparflamme“

Die Realität vor Ort sehe hingegen anders aus. „Seit Monaten operiert das Impfzentrum gezwungenermaßen auf Sparflamme, im Krisenstab höre ich mantra-artig jede Woche die verzweifelte Aussage, wir wissen einfach nicht, mit wie viel Impfstoff die Impfzentren verlässlich rechnen können. Ganz abgesehen davon, dass es immer zu wenig ist.“

Rund 20 000 Impfungen könnten allein in München* täglich durchgeführt werden, wenn man das Impfzentrum, die Betriebsärzte, die Kliniken und Hausärzte zusammennehme. „Wir könnten in wenigen Wochen alle Münchner über 16 Jahre mindestens einmal geimpft haben. Und ja, dafür wäre es hilfreich, alle Priorisierungen aufzuheben. Aber leider sind wir davon weit entfernt.“

Insofern steigere die Ankündigung des Bundesgesundheitsministers nicht zum ersten Mal die berechtigten Erwartungen der Menschen, Enttäuschung seien aber programmiert. „Denn während vom Wegfall der Priorisierung die Rede ist und von Erleichterungen und Reisemöglichkeiten für Geimpfte, sollte allen klar sein, dass die Mehrheit der Bundesdeutschen noch immer auf ein erstes Impfangebot wartet.“ (S. Karowski, K. Vick) Weitere Nachrichten aus München lesen Sie hier. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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