„Ich hätte nie geglaubt, dass ich aussetzen muss“

Coronavirus in München: Wiesn-Original mit traurigem Geständnis nach Oktoberfest-Aus - „Das Herz blutet“

Maria Flörl auf dem Oktoberfest 2018
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Maria Flörl auf dem Oktoberfest 2018

Kaum jemand dürfte das Oktoberfest so zu kennen wie die 91-jährige Maria Wörl. Wie fühlt sich eine Frau wie sie, wenn die Wiesn wegen Corona nicht ist?

  • Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Maria Flörl auf dem Oktoberfest in München.
  • Wegen Corona fällt die Wiesn heuer aus - die ganze Familie leidet unter der Corona-bedingten Pause. 
  • Die Familie ist auf dem Oktoberfest aufgewachsen - worauf sie nun hofft.

München - Die Nächte sind am härtesten für Maria Flörl. Wenn sie Zeit zum Nachdenken hat. „Ehrlich wahr, ich hab’ so was von gwoant“, sagt die Brezn-Verkäuferin, mit 91 Jahren quasi schon Wiesn-Inventar. Das Oktoberfest war für sie kein Termin im Kalender, mehr eine Reihe von Feiertagen, die nie ausfallen.

„Ich hätt’ nie geglaubt, dass ich aussetzen muss.“ Seit 1967 hat sie kein Jahr ausgelassen. Auch in den Sommern, in denen ihre Kinder Ilona und Fritz auf die Welt kamen, stand sie danach tüchtig in der Bräurosl und trug die Massen an den Gast. In Hochzeiten zwölf auf einmal. Die Stammgäste haben ihr oft eine spendiert. Angenommen hat sie nicht. „Ich trink’ kein Bier.“ Das ist noch immer so.

Das Bräurosl während der Wiesn 2018

Wiesn-Auszeit wegen Corona: „Da fang‘ ich gleich das Weinen an“

35 Jahre bediente sie für Willy Heide, den Wirt und Wiesn-Sprecher. Von ihm hat sie auch den bemalten Ehrentaler bekommen, den sie gerne herumzeigt. Wiesn-Freundinnen von früher, eine Kollegin vom Breznstand bei der Fischer Vroni, alle haben sich persönlich erkundigt, wie’s Flörl denn geht. Ohne ihre Wiesn. Gar nicht gut, bekamen sie als Antwort. „Wahnsinn“ findet sie’s. „Da fang’ ich gleich das Weinen an.“ Ihrer Tochter Ilona, selbst Bedienung im Löwenbräu-Zelt, geht’s ganz ähnlich.

Am ersten Tag, an dem das Fest eigentlich losgegangen wäre, stand sie in der U-Bahn, sah Gaudi-Burschen in Tracht und realisierte erst, was 2020 abgeht. Keine gute Laune, kein Schunkeln, keine Busserl. „Das Herz blutet der ganzen Familie. Die Wiesn gehört zu unserem Bio-Rhythmus. Es fehlt wirklich was.“

Ilona, Maria und Fritz Flörl warten vor der Bavaria auf bessere Zeiten – die Wiesn 2021.

Oktoberfest-Familie in Corona-Krise: „Die Wiesn ist durch nichts ersetzbar“

Die Kinder sind mit und auf dem Oktoberfest aufgewachsen. Fritz Flörl kellnert auf der Oiden Wiesn. Selbst Enkeltochter Chiara hilft am Stand der Oma. Locker zehn Dirndl hat Maria Flörl im Schrank. „Und gefühlte 100 Blusen“, scherzt ihr Sohn. Man kann ja nicht jeden Tag das gleiche anziehen, findet die 91-Jährige. Während der Wiesn sieht sie ihre Familie kaum. „Dafür ist gar keine Zeit.“

Sie hat es als eine der Ersten geahnt, dass es in diesem Jahr nichts wird. Als Markus Söder die ersten Beschränkungen verkündete, sagte sie’s und wurde dafür von manchem belächelt. Jetzt hofft sie auf das neue Jahr. Um Weihnachten herum beginnt das Wiesn-Fieber zu klettern. Wie das diesmal ist, weiß niemand. „Ich würd’ mich wieder freuen“, sagt Flörl.

So lange sie laufen kann, möchte sie am Brotstand stehen, von denen es 48 auf dem Festgelände gibt. Das Oktoberfest, spürt ihre Tochter, gibt ihr Lebenskraft. Umso schlimmer war’s für die Mama, den Ausfall zu verkraften. Ilona Flörl sagt: „Es tut sich ein riesengroßes Loch auf. Die Wiesn ist durch nichts ersetzbar.“ *tz.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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