Stirbt die Branche wegen Corona?

Verzweifelte Schausteller demonstrieren in München - „Wie sollen wir die Kinder ernähren?“

Es war ein symbolträchtiger Treffpunkt: Genau da, wo normalerweise bereits der Wiesn-Aufbau stattfinden würde, starteten gestern 600 Schausteller einen Protestzug. 

  • Bayerns Schaustellerbranche wurde besonders hart von Corona* getroffen.
  • Für viele der Familien geht es durch die Zwangspause um die blanke Existenz.
  • Am Donnerstag demonstriertenhunderte Schausteller in München gegen die Einschränkungen.

München - Man verstand sein eigenes Wort nicht: Rund 600 Schausteller aus ganz Bayern zogen am Donnerstagmittag laut hupend mit ihren 200 kunterbunten Lkw und Autos in einem Corso von der Theresienwiese aus durch die Stadt zum Odeonsplatz, um gegen ihre Corona-bedingte Zwangspause zu demonstrieren. Mit dabei: ein Wagen mit Sarg. Die Schausteller wollten zeigen: Hier stirbt eine ganze Brache. Weil fast alle Volksfeste abgesagt sind, verdienen die meisten Karussell- und Standlbetreiber heuer keinen Cent.

Man merkte, dass die Schausteller lange gewartet hatten, um Dampf abzulassen. Auch die Veranstalter selbst nahmen kein Blatt vor dem Mund. „Die Freizeitparks dürfen öffnen und wir nicht. Da wird mit zweierlei Maß gemessen“, sagte etwa Paul Tille. „Die Stadt München arbeitet mit uns zusammen, um Lösungen zu finden, aber vom Freistaat fühlen wir uns veralbert.“

600 Schausteller hatten sich versammelt.

Christian Fahrenschon (56) von der bekannten Schaustellerfamilie aus München unserer Zeitung: „Normal mache ich einen Jahresumsatz von zwei Millionen Euro – heuer sind es 30 000 Euro durch ein paar ganz kleine Feste.“ Wenn sich nicht bald etwas ändere, müsse er für sein Festzelt Insolvenz anmelden. „Söder hat Unrecht“, findet Fahrenschon, der unter anderem das Weißbier-Karussell auf der Wiesn und ein Festzelt betreibt betreibt. „Wir können die Hygienevorschriften einhalten. Trotzdem haben wir Berufsverbot.“

Keine Rücklagen: Schausteller verzweifelt

Die meisten Schausteller haben bislang rein gar nichts eingenommen. So wie Helen Lettner (52), die mit ihrer Familie aus Augsburg hergekommen war. „Wir haben keine Rücklagen. Wenn das so weiter geht, macht die Bank nicht mehr mit. Es geht um unsere Existenz! Wir machen das in der zehnten Generation – und können und wollen auch nichts anderes. Die Schaustellerei ist unser Leben.“ So ergeht es auch Monika Zinnecker (57) aus Neumarkt St. Veit: „Ich habe wirklich Angst“, sagt sie. „Ich habe sechs Geschwister, Kinder, Enkelkinder – alles Schausteller. Eine Katastrophe! Wenn wir nächstes Jahr nicht rauskommen, ist es vorbei. Wir rennen nur noch zur Bank, wir sind verloren. Wie sollen wir denn die Kinder ernähren?“

Um ihr Anlegen zu transportieren, hatten sich die Demonstranten einiges einfallen lassen: Ein Schausteller warf Popcorn, andere jonglierten auf ihren Wagen, wieder andere hatten Teile ihrer Fahrgeschäfte wie zum Beispiel Karusselltiere aufgeladen. Entlang der Straßen versammelten sich Zuschauer, viele winkten und klatschten Beifall, andere hielten sich genervt die Ohren zu.

Die Demo sorgte für Verkehrsbehinderungen in München.

Teile des Altstadtrings und der Ludwigstraße waren zeitweise komplett blockiert. Der Petueltunnel wurde laut Polizei sogar 15 Minuten gesperrt. „Es kam zu erheblichen Verkehrsbehinderungen. Und es gab viele Beschwerden von Bürgern wegen der Lauststärke“, sagte ein Polizeisprecher im Anschluss. Über mangelnde Aufmerksamkeit konnten sich die Teilnehmer jedenfalls nicht beklagen.

Übrigens: Weitere Corona-Nachrichten aus Bayern lesen Sie in unserem aktuellen News-Ticker.

Besitzer der „Wilden Maus“: „Ich habe nachts Albträume“

Die Münchner Schausteller Peter Münch (36) und Andreas Görlich (45) fuhren mit einer Maus ihres FahrgeschäftsWilde Maus durch die Straßen. Münch erklärte seine Not: „Versicherung, Hallenmiete, TÜV – das muss alles bezahlt werden, ohne dass was reinkommt. Ich habe nachts Albträume.Im Alltag müssen wir uns total einschränken. Es ist ungerecht: Freizeitparks dürfen auch öffnen – und wir können nur hoffen.“

Ein wenig Hoffnung machten den Demonstranten dann ausgerechnet die viel gescholtenen prominenten Redner auf der Tribüne der Abschlusskundgebung am Odeonsplatz. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kündigte an, er wolle im Advent nach Möglichkeit die bayerischen Christkindlmärkte öffnen lassen. „Wir müssen dafür sorgen, dass Sie bald wieder Ihren Geschäften nachgehen können.“ Laut seinem Ministerium laufen bereits intensive Planungen, wie Märkte und Ersatzveranstaltungen wieder öffnen können: „Das wird etwas anders aussehen als gewohnt, ohne enge Bier- oder Weinzelte, und natürlich mit Abstand.“ - Nina Bautz - tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. Erfahren Sie bei tz.de alles zum Münchner Hauptbahnhof: Gleise, Rezensionen und Umbau.

Rubriklistenbild: © Achim Schmidt

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