Kommentar zur anstehenden Veranstaltung

Wirtshaus-Wiesn in München: Unkalkulierbares Corona-Risiko - „Ist das euer Ernst?“

Im Herbst 2020 wird nicht auf der Münchner Theresienwiese mit Bier angestoßen. Dafür aber woanders in der Stadt
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Im Herbst 2020 wird nicht auf der Münchner Theresienwiese mit Bier angestoßen. Dafür aber woanders in der Stadt. Doch das ist keine gute Idee.

Am 19. September sollte eigentlich die Wiesn 2020 losgehen - Corona verhindert das. Ersatzweise findet die Wirtshaus-Wiesn statt - das ist ein großer Fehler, meint tz.de-Autor Andreas Knobloch. Ein Kommentar.

München - Als Wiesn-Ersatz soll 2020 in 54 Münchner Gaststätten eine Art Anstich stattfinden. Das klingt für alle Wiesn-Gänger und Oktoberfest-Fans doch toll. Keine großen Zelte und Menschen-Massen, trotzdem jede Menge Bier und Blasmusik als Hintergrund-Ton. Da holt man doch gerne die Lederhose oder das Dirndl aus dem Schrank, so schlimm ist eine Pandemie dann doch nicht, so lange der Hahn läuft. Oder vergessen wir hier etwas Essenzielles?

Corona: Wirtshaus-Wiesn eine gute Idee?

Zuallererst sei gesagt, dass ich selbst liebend gerne in die Haferlschuhe steigen und damit auf der Wiesn Steilgehen würde. Nur zu schön sind Oktoberfest-Tage, die um 9 Uhr beginnen und dann aufhören, wenn man selbst nicht mehr kann. Im verschwitzten Trachtenhemd mit Hendl-Flecken und etwas unkoordiniert Richtung U- oder -S-Bahn wanken, gehört in gewisser Weise zur jährlichen Tradition. Doch die findet aus gutem Grund nicht statt: Wir leben in Pandemie-Zeiten. Corona gibt es immer noch, ist keine Erfindung „von den da oben“, sondern bittere Realität.

Die Schulen im Freistaat haben seit 8. September wieder den Unterricht aufgenommen, die Schüler dürfen in der Anfangszeit ihre Masken nicht absetzen. Aktuell herrscht eine 7-Tage-Inzidenz von 41 in München (Stand 8. September). Das ist knapp unter dem Schwellenwert von 50. Urlaubsrückkehrer haben auch einen Teil dazu beigetragen, dass diese Zahl in die Höhe schnellte. Ab 35 gilt eine zeitliche Begrenzung für den Verkauf des Alkohols zum Mitnehmen ab 23 Uhr. Aber es wird trotzdem ein stadtweiter Wiesn-Anstich in 54 Gaststätten mit reichlich Alkohol gefeiert.

Corona in München: Wirtshaus-Wiesn echt so wichtig?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kann nachvollziehen, wie sehr die Gastronomie unter der Pandemie leidet. Wirtshäuser, Bars, Biergärten und Geschäfte haben unter drastischen Auswirkungen bis hin zur Insolvenz zu leiden. Doch Ministerpräsident Söder betonte jüngst, dass „die Pandemie in Europa mit voller Wucht zurück sei“. Diskos und Clubs bleiben geschlossen. Bars dürfen jedoch wieder öffnen - übrigens pünktlich zum 19. September - falls jemand nach dem Wiesn-Anstich noch nicht genug hat.

Redakteur Andreas Knobloch hält die Wirtshaus-Wiesn für keine gute Idee.

Corona-Regeln werden in den meisten Biergärten und Wirtshäusern gut umgesetzt und auch ich selbst war natürlich schon in der einen oder anderen Lokalität - unter Einhaltung aller Regeln natürlich. Im Freien, wo jeder zweite Tisch gesperrt ist, ist das Risiko bekanntlich nicht so hoch. Wenn aber am 19. September bei 16 Grad und leichtem Regen die Menschen, auch unter Corona-Auflagen, in der gesamten Innenstadt in die Lokale strömen, weil es draußen zu ungemütlich ist, darf man gespannt sein, wie die Inzidenz dann Ende September aussieht. Bekanntlich ist das Oktoberfest unter den Münchnern sehr beliebt und der Andrang wird aller Voraussicht nach sehr groß werden. Wer dann keinen Platz im Inneren wegen der Auflagen bekommt, wird sich trotz Schmuddelwetters rund um die Lokale aufhalten. Ein unkalkulierbares Risiko, was bei großen Massen zu unübersichtlichen Situationen führen könnte.

Ach ja, die Wirtshaus-Wiesn geht bis zum 4. Oktober. Wärmer wird es bekanntlich im Herbst selten, sodass es in den Lokalen ziemlich kuschelig warm wird - Haben Aerosole dann einfach Hausverbot?

Corona in München: Wer es nicht lassen kann...

Wer dennoch von dieser Idee überzeugt ist, kann sich auf muenchen.de/wirtshauswiesn einen guten Überblick verschaffen. Wäre ja nicht so, als würden die Lokale in der Innenstadt in letzter Zeit schlecht besucht werden. Sollte der ganze Spaß problemlos funktionieren, würde ich eines Besseren belehrt werden und mich für die Wirte freuen. Ob das allerdings der richtige Weg ist, einer Pandemie entgegenzuwirken, ist sehr fraglich. Getrunken wird sowieso, ob am Gärtnerplatz, an der Isar oder auf Privatfeiern, da braucht es keine offizielle Veranstaltung, die das nochmal verstärkt. (ank)

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