„Wird wieder verstärkt sichtbar werden“

Corona-Grenze gerissen: Münchner Chefarzt erklärt Weg aus Krise - und warnt eindringlich vor einer Täuschung

Die Corona-Neuinfektionen haben in München den kritischen Wert überschritten - was bedeutet das für die Stadt? Der Chefarzt Wendtner ordnet die Entwicklung ein.

  • München hat den Alarm-Schwelle an Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 überschritten.
  • Welche Folgen hat das für das Leben in der bayerischen Landeshauptstadt?
  • Der Münchner Chefarzt Clemens Wendtner erklärt den Weg aus der Corona-Krise.

München - Urlaubs-Rückkehrer, Masken*-Müdigkeit, Partys: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen* liegt seit Wochen auf hohem Niveau – auch am Freitag wurden bundesweit 1571 neue Fälle gemeldet. Die Politik ist besorgt, dass sich die Lage in der kalten Jahreszeit zuspitzen wird. Jetzt hat München* die von der bayerischen Staatsregierung festgelegte Alarm-Schwelle von mehr als 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gerissen. Was bedeutet das wirklich? Die tz sprach darüber mit dem Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing, Prof. Clemens Wendtner. Wendtner hatte im Januar die bundesweit ersten Corona-Patienten behandelt.

Welche Folgen für München hat das Reißen der Corona-Grenze?

Prof. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing: Man wird nun umso mehr die AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmasken – in München einfordern und bei Verstößen auch entsprechende Sanktionen aussprechen müssen. Hinsichtlich der Maskenpflicht im öffentlichen Raum gilt: das Wohl aller Münchner Bürger steht aus meiner Sicht über der individuellen Freiheit des Einzelnen. Inwieweit weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens in den nächsten Tagen und Wochen eingeführt werden, muss man abwarten. Ich erwarte keinen vollständigen Lockdown wie im März des Jahres, kann mir bei steigenden Infektionszahlen jedoch durchaus schärfere Kontaktbeschränkungen, Verbote von größeren Versammlungen etc. vorstellen. Eine Schließung von kritischen Bereichen wie Schulen sehe ich vorerst nicht, hier wird man auch in München nochmals die Maskenpflicht im Unterricht* als kleineres Übel im Vergleich zu Schulschließungen kritisch durchdenken und diskutieren müssen.

Corona in München: Klinik ist auf zweite Welle vorbereitet

Und was bedeuten die steigenden Infektionszahlen für die München Klinik Schwabing?

Wendtner: Von klinischer Seite sind wir auf eine zweite Welle auch im Stadtgebiet bestmöglichst vorbereitet. Wir haben in der ersten Welle viele Erfahrungen gesammelt – wir hatten ja hier knapp 1000 Covid-Fälle* und 2500 Verdachtsfälle versorgt. Deshalb sind wir sicher, dass wir eine zweite Welle gut in den Griff bekommen würden. Betten und Reservekapazitäten bei den Intensivbetten sind vorhanden. Auch unsere Krisen-Stäbe haben den ganzen Sommer über weiter regelmäßig getagt. Zudem gibt es ein Ampelsystem, sodass wir wissen, wie viele Betten in der Stadt, im Landkreis, im Land und im Bund vorhanden sind.

In München bittet Ministerpräsident Markus Söder zu einem nicht ganz alltäglichen Termin. Wichtige Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie sollen bewertet werden.

Erleben Sie in Ihrem persönlichen Umfeld auch, dass die Menschen genug haben von Kontaktbeschränkungen und Maskentragen*?

Wendtner: Wenn ein Thema über Monate derart dominiert, ist es nur allzu menschlich, dass es Ermüdungs­erscheinungen gibt und Masken- und Hygieneregeln lässiger interpretiert werden. Aber diese Regeln sind unser Garant, dass wir die zweite Welle abschwächen können. Deshalb sollte jeder Einzelne den inneren Schweinehund überwinden und an den AHA-Regeln festhalten.

Clemens Wendtner, der Chefarzt des Klinikums Schwabing

Steigende Corona-Zahlen: Münchner Chefarzt: „Unterm Strich ist ein reeler Anstieg zu verzeichnen“

Sind die steigenden Infektionszahlen nicht doch nur Ausdruck dessen, dass mehr getestet wird?

Wendtner: Das reicht alleine als Erklärung nicht aus. Unterm Strich ist ein reeller Anstieg zu verzeichnen. Was täuscht, ist die Tatsache, dass wir in den Klinken derzeit kaum schwere Fälle sehen. Das liegt daran, dass derzeit primär Patienten unter 40 Jahren betroffen sind. Diese jüngeren Patienten haben offenbar gewisse Reserve­kapazitäten, sodass sie nicht alle gleich im Krankenhaus behandelt werden müssen. Aber wir beobachten hier in Schwabing, dass sich jetzt vermehrt ältere Patienten bei ihren erwachsenen Kindern angesteckt haben. Mit einer gewissen Verzögerung wird das also in den Kliniken wieder verstärkt sichtbar werden.

Der Virologe Hendrik Streeck sagt, dass es wegen der Hygieneregeln zu Ansteckungen mit geringeren Infektionsdosen komme und so die Krankheit öfter milder verlaufe. Können Sie das bestätigen?

Wendtner: Aus meiner Sicht ist die Korrelation „wenig Virus durch Maske gleich leichterer Krankheitsverlauf“ wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Prof. Drosten und ich haben das ja sehr exakt untersucht: Die Virenlast bei Covid-19 ist enorm. Es gibt auf der anderen Seite durchaus Patienten, die trotz geringerer Viruslast einen schweren Verlauf hatten.

Die Zahl der Corona-Todesopfer bleibt bei uns mit bundesweit 9288 Todesfällen vergleichsweise sehr gering. Ist das Virus weniger schlimm, als wir noch im März gedacht hatten?

Wendtner: Es deutet nichts darauf hin, dass eine signifikante Genveränderung eingetreten wäre, die das Virus abgeschwächt hätte. Die Todesrate ist rückläufig, weil wir in der klinischen Versorgung besser geworden sind und Engpässe hinsichtlich von Bettenkapazitäten, wie beispielsweise in Bergamo seinerzeit geschehen, vermeiden können. Wir wissen auch um neue Therapien wie Remdesivir. Das Medikament ist zwar nicht für alle Patienten das Allheilmittel, aber ungefähr der Hälfte der Patienten können wir damit etwas Gutes tun. Wir haben gelernt, dass man schwere Verläufe abmildern kann, wenn man Entzündungsreaktionen frühzeitig durch Cortison-Therapien unterbindet. 

Corona-Test in München: Derzeit infizieren sich vor allem unter 40-Jährige.

Ist ausreichend Remdesivir verfügbar, wenn es zu einer großen zweiten Welle kommen sollte?

Wendtner: Derzeit laufen über das Bundesgesundheitsministerium wöchentliche Abfragen über die in Deutschland verfügbaren Dosen. 18 berechtigte Apotheken in Deutschland, zu der auch unsere Apotheke in Schwabing zählt, lagern Remdesivir ein, zusätzlich gibt es Kapazitäten in Bundeswehr-Depots. Die Dosen reichen absehbar für die nächsten Monate. Derzeit müssen wir jedoch auf Ware im Rahmen der sog. Zivilschutzausnahmeverordnung zurückgreifen, die aber keine offizielle Handelsware darstellt, da die vertreibende Pharmafirma das Fertigarzneimittel trotz Zulassung nicht ausliefern kann. Es wäre wichtig, dass Remdesivir ab Oktober als offiziell zugelassenes Fertigarzneimittel flächendeckend in Deutschland verfügbar wird.

Werden wir wieder ein ganz normales Leben führen können, wenn unsere Bevölkerung durchgeimpft ist?

Wendtner: Das ist die Hoffnung! Aber es kann sein, dass wir wie bei der Influenza uns jedes Jahr erneut gegen Covid-19 impfen lassen müssen. Es gibt ja derzeit Hinweise, dass sich erste Patienten erneut anstecken, weil die Immunität bei einigen Patienten im Laufe von Monaten nachlässt. Wir müssen bei Corona einen langen Atem haben, aber es ist wichtig, dass man die Zielgerade vor Augen hat. Die Massenproteste gegen das Impfen sind für mich als Arzt schwer nachvollziehbar: Wir in den Krankenhäusern müssen die Kollateralschäden auffangen – und zum Schluss auch erkrankte Impfgegner behandeln. *tz.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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