25 Jahre Berufserfahrung in einem ganz anderen Feld

Mit 50 nochmal Azubi: Corona zwingt Münchner zum Neustart als Zimmerer-Lehrling - „Uff, was mache ich hier?“

Wegen Corona ist dieser Münchner nun Azubi bei der Zimmerei Göring in Starnberg-Söcking.
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Wegen Corona ist dieser Münchner nun Azubi bei der Zimmerei Göring in Starnberg-Söcking.

Dass in Corona-Zeiten ein Neuanfang möglich ist, beweist ein 50-jähriger Münchner. 25 Jahre Selbstständigkeit hat der Familienvater aufgegeben und eine Ausbildung als Zimmerer begonnen.

München/Starnberg – September 2020, der erste Schultag des neuen Ausbildungsjahres. Im Klassenzimmer in der Berufsschule am Hauptbahnhof München* sitzen die neuen Zimmerer-Azubis. Nach 15 Minuten wird der erste wegen Ratschens vor die Tür gesetzt. Mitschüler Markus Andres, 50, beobachtet den Vorfall von seinem Sitzplatz aus und fragt sich: „Uff, was mache ich hier?“ Es ist der erste Tag seiner zweijährigen Lehre. Der selbstständige Messebauer hat wegen der Corona-Krise einen Neuanfang gewagt. Im Alter von 50 Jahren hat er seinen Job an den Nagel gehängt und eine Ausbildung zum Zimmermann begonnen.

Retter in der Not war für Andres sein langjähriger Freund, Leopold Göring. Er ist der Inhaber eines Zimmerei-Betriebs in Starnberg. Der 40-Jährige bot seinem Freund an, bei ihm zu arbeiten. Ein paar Wochen später saßen die beiden Freunde bei einem Feierabendbier zusammen. „Fang doch eine Ausbildung zum Zimmerer an“, war der Vorschlag von Zimmerermeister Göring.

25 Jahre lang war der Münchner in der Messe- und Veranstaltungsbranche tätig

Die anfänglichen Bedenken bei Markus Andres sind mittlerweile komplett weg. Natürlich war am Anfang alles neu. Und möglicherweise hat am ersten Schultag auch die Tatsache mitgespielt, dass seine neuen Mitschüler zunächst dachten, er wäre ihr Lehrer, erzählt Andres.

25 Jahre lang war der Münchner in der Messe- und Veranstaltungsbranche tätig. Er hat Messestände auf- und abgebaut und Filmkulissen für Regisseure wie Marcus H. Rosenmüller installiert. „Sogar für den Papst Joseph Ratzinger habe ich mal eine Bühne in Regensburg aufgebaut“, sagt Andres. Aufträge führten ihn bis nach Usbekistan.

Doch dann kam Corona*. Im Februar war der Messebauer mitten in den Vorbereitungen für einen Großauftrag in Griechenland. Dann erreichte ihn die Absage – acht Stunden vor Abflug. „Da habe ich schon gewusst, das wird nichts mehr“, sagt der 50-jährige Familienvater. Und er behielt Recht. Nach und nach brachen dem Messebauer die Aufträge weg. Großveranstaltungen wurden wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

„Ein sicherer Arbeitsplatz in einem krisensicheren Handwerk, da habe ich nicht lange überlegt“

Markus Andres ist überzeugt, dass die Zimmerer-Ausbildung eine gute Entscheidung war. „Ein sicherer Arbeitsplatz in einem krisensicheren Handwerk, da habe ich nicht lange überlegt“, erzählt der Auszubildende. Zugleich habe er auch an seine Frau Tania und die beiden Söhne gedacht. Und an die Absicherungen, die der neue Beruf mit sich bringt. „Für mich ist die Ausbildung eine riesengroße Chance.“ Durch das Fachabitur und seine Berufserfahrung verkürzt sich die Lehrzeit zudem von drei auf zwei Jahre. Aus finanzieller Sicht hat Andres mit seinem Freund und Chef Leopold Göring mehr als das Auszubildendengehalt vereinbart. „Das wäre sonst nicht machbar“, sagt der zweifache Familienvater.

39 Jahre lagen zwischen seinem letzten und dem ersten Schultag. „Ich habe mich schon gefragt, ob ich das Lernen noch drauf hab“, sagt Andres. Bisher funktioniere das gut. Fächer wie Mathematik und Technisches Zeichnen machen ihm Spaß. Dass ihn von seinen Mitschülern dann doch 30 Jahre oder mehr trennen, merkt der 50-Jährige erst bei Themen, die sich nicht um die Schule drehen. „Da geht es einmal um die erste Freundin oder darum, das Motorrad zu tunen“, sagt Andres lachend.

Zimmererlehre als Neustart: Besonders im Homeschooling muss er oft schmunzeln

Besonders im Homeschooling muss er oft schmunzeln. Dann sitzen Andres und sein 7-jähriger Sohn Fabian zusammen und machen Hausaufgaben. Jeder seine eigenen, wohl gemerkt. „Meine beiden Söhne und meine Frau finden es toll, dass ich die Ausbildung mache“, erzählt Andres. Vor allem, da er nun mehr Zeit für die Familie hat. Als Messebauer sei er an den Wochenenden oft unterwegs gewesen.

Insgesamt haben Freunde und Familie die Entscheidung gut aufgenommen. „Es gab durchweg positives Feedback, das mich bestärkt“, sagt der 50-Jährige. Fest steht jedoch: „Ohne die Corona-Krise hätte ich diesen Schritt nie gemacht.“ Seine Firma lief gut. Andres hatte ein gutes Netzwerk aufgebaut. Trotzdem empfiehlt er jedem, diesen Neuanfang zu wagen. „Bis auf die zehn Minuten am ersten Schultag in der Berufsschule habe ich es bis heute nicht bereut“, sagt Markus Andres. Sein Plan für die Zukunft? „Nach der Ausbildung die Meisterprüfung ablegen.“ - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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