Lockdown-Ansage schlägt hohe Wellen

„Bisher aus Loyalität geschwiegen“: Verbündeter rechnet gnadenlos mit Söder ab - und alle können mitlesen

Nach dem von Ministerpräsident ausgerufenem Katastrophenfall für Bayern hat ein Münchner CSU-Stadtrat die Nase voll: In einem offenen Brief kritisiert er Söders Corona-Politik.

  • Eine bessere, differenziertere und einfallsreichere Corona-Politik - das wünscht sich ein Münchner Stadtrat von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
  • In einem offenen Brief kritisiert der Mediziner Hans Theiss den bayerischen Ministerpräsidenten.
  • Darin prangert er etwa die Lage in den Krankenhäusern und die Corona-Regeln für Weihnachten an.

Update vom 7. Dezember, 15.22 Uhr: In einem offenen Brief kritisierte CSU-Stadtrat Hans Theiss gnadenlos Söders Corona-Politik. Erste Reaktionen auf das Schreiben lassen nicht lange auf sich warten: „Die Äußerungen von Hans Theiss besorgen mich politisch wie gesundheitlich: Wenn ein Arzt behauptet, dass mehr Menschen durch als an Corona sterben, dann irrt er und ignoriert die Realität auf den Intensivstationen“, zitiert Bild.de den CSU-Generalsekretär Markus Blume.

München: Stadtrat kritisiert in offenem Brief Söders Corona-Politik - erste Reaktionen von Seiten der CSU

„Ein Arzt hat im Übrigen einen Eid abgelegt, Menschenleben zu schützen – das tut die Staatsregierung“, so Blume weiter. Außerdem sei es immer einfacher, nölend am Seitenrand zu stehen, „statt konstruktive Lösungen vorzuschlagen“.

Für den CSU-Generalsekretär ist die Sache glasklar: „Hans Theiss ist leider schon seit langer Zeit auf einem falschen Weg unterwegs. Im Frühjahr hat er eine kontrollierte Durchseuchung der Gesellschaft gefordert – ein Weg, der weltweit gescheitert ist.“

Ein erneuter Blick auf das Facebook-Profil des Mediziners zeigt: Mitte April forderte der Arzt dort in einem Post tatsächlich eine „kontrollierte Durchseuchung“ der Gesellschaft mit Covid19, um eine „Herdenimmunität“ zu erreichen.

Ursprünglicher Artikel vom 7. Dezember:

München - Ab Mittwoch gelten im Freistaat verschärfte Corona-Maßnahmen. Ministerpräsident Söder hat den Katastrophenfall ausgerufen. Einem Münchner Arzt und CSU-Stadtrat, Hans Theiss, platzt nun den Kragen. In einem offenen Brief auf Facebook greift er seinen Chef direkt an - und erntet dafür im Netz viel Zustimmung.

Lockdown in Bayern: Arzt aus München kritisiert Corona-Maßnahmen von Söder

„Ich habe bisher aus parteiinterner Loyalität geschwiegen, aber was zu viel ist, ist zu viel“, beginnt Theiss sein Schreiben. „Um es klarzustellen: Covid ist schlimmer als „die übliche Grippe“, jeder einzelne Tote ist einer zu viel und mein Mitgefühl gilt allen Patienten und Angehörigen, die um ihr Leben bangen“, so der Arzt weiter. „Aber bei allem Respekt vor Amt und Person - im Kampf gegen Corona brauchen wir weniger Herrenchiemsee und mehr Ehrlichkeit bzw. politische Treffsicherheit.“

Münchner CSU-Stadtrat: „Brauchen gegen Corona weniger Herrenchiemsee und mehr Ehrlichkeit“

Im Anschluss geht der Münchner Stadtrat auf einzelne Punkte ein, die ihn in der Corona-Pandemie stören, etwa die Situation in Altenheimen. Theiss‘ Kritik: Dort gebe es „keine schlüssigen Sichherheits- und Testkonzepte“. „Ab heute 2x Mitarbeitertesten pro Woche kann doch nicht unser Ernst und nicht alles sein“, schreibt sich der Arzt seine Wut von der Seele.

Corona in Bayern: Arzt kritisiert Situation in Krankenhäusern

Auch die Lage in den Krankenhäusern stellt den Münchner Stadtrat nicht zufrieden: Einfach Beatmungsgeräte zu kaufen, reiche laut ihm hier nicht aus. „Es ist viel zu wenig getan worden, um genug Intensivpflegekräfte ans Bett zu bringen.“ Theiss zufolge müsste in diesem Punkt viel mehr investiert werden, um die Pflegekräfte aus Teilzeit und anderen Berufen etwa zurückzuholen oder umzuschulen. Sein Fazit: „Die Pflegekräfte machen einen herausragenden Job, aber es sind einfach zu wenige.“

Was Theiss ebenfalls stört: „Wir können 75% der Infektionsketten nicht nachvollziehen - wie bitte?“, schreibt er in dem offenen Brief an Söder. Sein Vorschlag: Die Corona*-Warn-App rechtzeitig rechtzeitig differenzieren und „nachzuschärfen“ und die Gesundheitsämter noch besser und effektiver auszustatten.

Die gelockerten Kontaktbeschränkungen zu Weihnachten trösten Theiss wenig. Sein Argument: „Die Weihnachtszeit besteht nicht nur aus Heiligabend. Ausgerechnet jetzt die Einsamen, Singles und auch normale Familien noch weiter zu isolieren, ist für mich gleichermaßen herz- und einfallslos. Hier schießt Du weit über das Ziel hinaus.“ In letzteren Satz duzt der Arzt sogar seinen angesprochenen Chef.

„Ich habe nach wie vor den Eindruck, dass mehr Menschen durch als an Corona sterben. Wo sind die öffentlichen Kampagnen, die Herzinfarkt- und Krebspatienten die Angst vor dem Apothekengang und dem Krankenhaus nehmen?“, so Theiss weiter. Jene „Angstmacherei“ vor Corona* führe laut dem Mediziner jedoch auch dazu, dass viele ärztliche Behandlungen zu spät kämen.

Offener Lockdown-Brief an Söder: „Müssen in der Corona-Politik besser und einfallsreicher werden“

„Ja, ich mag mich gerade parteiintern um Kopf und Kragen reden - aber letztlich bin auch ich nur ein kleiner einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn. Wir müssen in der Corona*-Politik besser, differenzierter und einfallsreicher werden - AHA alleine reicht nicht.“ Mit diesen Worten beendet Hans Theiss sein offenes Schreiben an Markus Söder.

Im Netz kommt die klare Ansage des Mediziners gut an: Allein 284 Reaktionen gibt es auf den offenen Brief bisher auf Facebook, 99 Mal wurde Theiss‘ Post geteilt. (Stand 7. Dezember 11.07 Uhr). Der Großteil der Kommentare darunter ist positiv - und stimmt dem Mediziner zu. „Absolut sachlich und nachvollziehbar auf den Punkt gebracht“, heißt es etwa von einem Facebook-User. „Schön, dass es in der CSU noch Realisten gibt! Sehr guter Kommentar!“

Münchner CSU-Stadtrat schreibt offenen Brief an Söder - vereinzelte Gegenstimmen unter Facebook-Post

Doch unter dem Post finden sich auch vereinzelte Gegenstimmen. „Warum nutzen Sie nicht Ihre parteiinternen Wege, um Kritik anzubringen?“, fragt etwa eine Facebook-Nutzerin. „Irgendwie vermisse ich da echte Vorschläge von dem Herrn Dr.“, schreibt ein anderer. Ob sich Söder bereits zu den Vorwürfen seines Parteikollegen geäußert hat, ist nicht bekannt. München Oberbürgermeister Reiter hingegen, muss erst einmal in Quarantäne: Seine Mutter hat sich mit dem Corona-Virus infiziert. *tz.de und Merkur.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. (kof)

Rubriklistenbild: © dpa/Sven Hoppe/Marcus Schlaf

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