„Ich hätte daran sterben können“

Corona-Infektion trotz negativem Test - wenig später muss ein Münchner Arzt ins Koma versetzt werden

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Corona-Infektion trotz negativem Test - kurz darauf muss ein Münchner Arzt ins Koma versetzt werden

Sie waren außer Gefecht – und sind wieder genesen: Neun Bayern erzählen, was Corona mit ihnen gemacht hat. 

Coronavirus: Zuerst hatte ein Arzt bei ihm eine einfache Grippe diagnostiziert

„Mist“, schoss es Markus Staudt, 44, durch den Kopf. Diesen Moment wird er so schnell nicht vergessen. Gerade hatte der CSU-Bürgermeisterkandidat aus Zolling im Kreis Freising von seiner Infektion mit dem Virus erfahren. Bis dahin kannte er nur die Meldungen aus Wuhan und Heinsberg. Als er am 9. März ins Klinikum Freising eingeliefert wurde, waren in der Bundesrepublik erst 1300 Sars-CoV-2-Fälle bestätigt. „Man hat immer gedacht, das ist weit weg“, sagt Staudt.

Lesen Sie auch: „Es muss bald wieder weitergehen“, lautet die Forderung der Münchner Einzelhändler in der Corona-Krise - wie, darüber machen sie sich schon viele Gedanken.

Schon vor dem positiven Testergebnis lag Staudt flach. Ein Arzt hatte bei ihm eine einfache Grippe diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt galt Südtirol, wo er zuvor war, noch nicht als Risikogebiet. Starker Husten und Fieber, das die Körpertemperatur auf bis zu 40 Grad ansteigen ließ, zwangen ihn, den Wahlkampf faktisch auszusetzen.

Coronavirus in München: CSU-Bürgermeisterkandidat bekommt Lungenentzündung

Fünf Tage verbrachte er isoliert in einem Krankenhauszimmer. Die Ärzte bekamen das Fieber nicht in den Griff, die Blutwerte gingen in den Keller. Zudem entwickelte sich eine Lungenentzündung. Es dauerte Tage, bis die Ärzte mit einer Antibiotika-Behandlung beginnen konnten, diese anschlug und das Fieber „auf ein verträgliches Niveau“ gesenkt werden konnte.

Aber nicht nur die heftigen Symptome, auch die Isolation machte Staudt zu schaffen. „Das ist natürlich eine ungewohnte Situation“, sagt er. Die Pfleger vermieden es, den Raum häufiger als nötig zu betreten. „Man hat gemerkt, dass zu wenig Erfahrungswerte da waren“, sagt Staudt. „Unter diesen schwierigen Bedingungen haben das Pflegepersonal und die Ärzte im Klinikum Freising aber einen tollen Job gemacht.“

Nach über zwei Wochen im Krankenhaus ist der Familienvater mittlerweile wieder zu Hause. „Gewisse Dinge sind immer noch extrem anstrengend“, sagt er. Schließlich sei er drei Wochen lang nur im Bett gelegen. Auf den Chefsessel im Zollinger Rathaus hat er es übrigens nicht geschafft – in der Stichwahl verlor Staudt knapp gegen seinen Kontrahenten.  jn

Schaute Serien gegen die Langeweile: Manuel Riedmeier.

Coronavirus in München: Fußballtrainer positiv getestet - 23 Tage in Quarantäne

Als Manuel Riedmeier gemeinsam mit 60 A-Jugendlichen der FT Starnberg aus dem Trainingslager in Misano in der Emilia-Romagna in Italien zurückkehrte, saß der Schock tief. Der Fußballtrainer war positiv auf das Coronavirus getestet worden. „Mein erster Gedanke war: Wenn ich das habe, ist hoffentlich keiner von den Jungs infiziert“, erinnert sich der 40-Jährige.

Tatsächlich hatte sich einer der Spieler angesteckt. Nach vier Tagen durfte der Kicker das Krankenhaus wieder verlassen, Riedmeier hingegen verbrachte volle 23 Tage in Quarantäne – und zwar in einem 20 Quadratmeter großen Isolierzimmer im Starnberger Klinikum. Die Krankheit verlief glücklicherweise mild. „Mir ging es nie schlecht“, sagt Riedmeier. „Nur der Geruchssinn war nicht vorhanden.“ Angst hatte er deshalb keine, nur Langeweile. „Man muss sich ein bisschen ablenken und Zeit totschlagen“, sagt der Einzelhandelskaufmann. „Hubert und Staller anschauen ging ganz gut, weil so eine Folge eine knappe Stunde dauert. Da bringt man den Tag ganz gut herum, wenn man so ab Mittag sechs bis sieben Folgen anschaut.“

Auch auf soziale Kontakte musste er trotz seiner Isolation nicht gänzlich verzichten. Ab und zu kamen Bekannte zu Besuch und ratschten mit ihm durch das Fenster. Lange musste Riedmeier auf ein negatives Testergebnis warten. An Tag 23 wurde er endlich erlöst. Mit einem Schild, auf dem stand „Sie dürfen nach Hause gehen! Juhuu!“, teilte ihm das Klinikpersonal mit, dass die Leidenszeit ein Ende hat. „Das war eine total nette Geste“, sagt er. jn

Corona-Patienten: Aurelia K. und ihr Freund, auch Schwester Tine (Bild unten) hat es erwischt.

Coronavirus in München - Mutter erkrankt: „Konnte nicht riechen, wenn die Windel voll war“

„Ich bin vor drei Wochen erkrankt“, sagt Aurelia K. aus München. Die 26-jährige Referendarin hatte erst Gliederschmerzen, besonders der Rücken tat ihr weh. „An Corona dachte ich gar nicht“, sagt sie, „doch dann lag ich drei Tage flach und mir war übel.“ Auch ihr Freund hatte Corona. Zweieinhalb Wochen vor ihrer Infektion war sie beim Skifahren am Wilden Kaiser im Brixental. „Ich glaube aber nicht, dass ich mich dort infiziert habe, sondern eher bei meiner Familie“, sagt sie. Den Test hat sie in der Praxis ihrer Mutter gemacht. „Medikamente oder Sauerstoff habe ich zum Glück nicht gebraucht. Aber zehn Tage hat der Infekt schon gedauert. In der Zeit habe ich auch nur wenig essen können.“

Aurelia lebt mit ihrer Schwester Tine im gleichen Haus. Die Frauen wissen nicht, ob die eine die andere angesteckt hat, aber sicher ist: Das Virus hat auch Tine K. erwischt. „Bei mir hat es mit starken Kopfschmerzen und Halsweh begonnen“, sagt die 35-jährige Lehrerin in Elternzeit. „Dazu kamen Erschöpfung und Kurzatmigkeit. 14 Tage lang habe ich nichts gerochen und nichts geschmeckt, obwohl meine Nase frei war. Ich habe drei Kinder und konnte nicht mal riechen, wenn bei meinem Baby die Windel voll war. Im Nachhinein kann ich lachen. Aber ich war zehn Tage lang richtig krank. Die Symptome waren nicht leicht, wie oft berichtet wird. Fünf Tage lang war es wirklich heftig.“ Ihr Mann war auch infiziert, die Kinder nicht. „Das war eine schwierige Situation, weil die Kinder voller Energie – und die Eltern im Bett waren.“

Coronavirus: „Ich bin ein altes Schlachtschiff“

Kürzlich wachte er auf, mit Kratzen im Hals, und dachte gleich: Mist, es ist zurück. Etwas gespenstisch sei das gewesen, sagt Thomas Sattelberger, 70. „Mir kamen die seltsamsten Gedanken.“ Der Test war doch negativ. Wurde er verwechselt? Hab’ ich es doch noch? Am Ende war es nur ein Schnupfen, puh. „Aber du kriegst dieses Virus gedanklich einfach nicht los.“

Sattelberger, FDP-Bundestagsabgeordneter, wurde Mitte März positiv auf Corona getestet, die Symptome überfielen ihn im Flieger nach München. Schweißausbruch, Zittern, Schwächegefühl. Er ging in häusliche Quarantäne und machte die Sache öffentlich. Daheim in Niederpöcking im Kreis Starnberg startete er dann ein Video-Tagebuch. Nicht für sich, sagt er am Telefon, sondern um der Welt da draußen Mut zu machen und zu zeigen: Corona bringt dich nicht gleich um. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich die Sache gut überstehe“, sagt er.

Mit 70 zählt Sattelberger zur Risikogruppe, natürlich war ihm das klar. Panik? Nein, nein, sagt er. „Ich bin ein altes Schlachtschiff.“ Tatsächlich verlief die Krankheit recht mild. „Nur an zwei Tagen dachte ich, dass ich mich selbst einliefern muss.“ Die Kurzatmigkeit. Er ließ es, arbeitete lieber täglich von 7 bis 23 Uhr. Das half, die Gedanken nicht an die Krankheit zu verschwenden.

Inzwischen gilt er als genesen. Geblieben sind Sorgen: Um seinen Partner, mit dem er zusammenlebt. Sie halten Abstand, was schwierig ist. Aber toi, toi, toi – sein Partner ist negativ. Und da ist natürlich die Sorge um seine 95-jährige Mutter, deren Pfleger zeitweise ohne Schutzkleidung arbeiteten. Und, man muss das so sagen, Sorge um dieses Land. Sattelberger war 40 Jahre lang in der Wirtschaft, jetzt sieht er unzählige Kleinbetriebe leiden. „Da schüttelt’s mich“, sagt er. „Ich fürchte, dass wir auf einer teilweise in Trümmer gelegten Wirtschaft neu aufbauen müssen.“

Solche Sachen sagt er auch in seinen Videos, die anfangs persönlich waren und immer politischer werden. Irgendwo muss die Irritation über fehlende Schutzkleidung und mangelnde Shutdown-Perspektiven ja hin. Die Videos werden hunderttausendfach geklickt. Sattelberger ist zu einer kleinen Online-Macht geworden. Pöckings Homeoffice-Opposition. Verrückte Corona-Zeit. mmä

Coronavirus in München: Der Arzt, der das Virus unterschätzte

„Am 14. März war ich in St. Anton beim Skifahren und habe mich am 16. März direkt testen lassen. Das Ergebnis war negativ. Ich hatte milde Symptome und dachte, es sei vielleicht doch nur eine Erkältung. Ich habe noch zwei Tage gearbeitet, mich aber immer schlechter gefühlt und Rat bei einem Arzt-Kollegen gesucht. Eine Röntgenaufnahme hat gezeigt, dass meine Lunge betroffen war. Wir beschlossen, dass ich mich ins Klinikum einweisen lasse. Die Blutgas-Werte wurden zunehmend schlechter. Drei Tage lang wurde ich beatmet und lag im künstlichen Koma. Eigentlich bin ich kerngesund und war überrascht, wie stark das Virus mich angegriffen hatte. Ich hätte daran sterben können. Mittlerweile bin ich fieberfrei.“ nah

Stephan Hoeltz, 57, Orthopäde aus München

Coronavirus in Bayern: Kein Geschmack und Kopfweh

„Am 17. März hatte ich erste Symptome. Vier Tage zuvor haben mein Mann und ich uns mit den Kindern zum Essen getroffen. Der Freund meiner Tochter war müde – an Corona dachte noch keiner. Bleierne Müdigkeit hat auch mich befallen, dazu starke Kopfschmerzen und Geschmacksverlust. Mein Mann hatte hohes Fieber. Er hat 2,5 Kilo abgenommen – weil er so viel geschwitzt hat. Dazu kamen Kopf- und Nierenschmerzen sowie Husten. Ich lag drei Tage flach. Unser Schwiegersohn hatte Nierenschmerzen. Jedem von uns ging es anders mit dem Virus. Zwölf Tage, nachdem Symptome aufgetreten waren, sind wir zum Drive-in gefahren. Mein Test war negativ. Ich vermute, weil alles schon wieder abgeklungen war.“ thi

Renate Edlböck, 60, Sekretärin aus München

Renate Edlböck

Coronavirus: Ein Dank an alle Ärzte und Pfleger

„Mir ging es ganz mies. Ich habe tagelang Sauerstoff gebraucht und hatte bis zu 40 Grad Fieber. Nicht atmen zu können, ist grauenhaft. Sechs Tage lang lag ich im Krankenhaus Barmherzige Brüder und möchte mich noch einmal herzlich bei allen Ärzten und Pflegekräften bedanken. Mittlerweile geht es mir wieder besser, aber ich bin immer noch sehr müde und erschöpft. Ich muss jeden Tag Übungen machen: Arme nach oben, ganz tief einatmen, bis in die Lungenflügel hinein. Meine Frau war auch erkrankt, sie hatte aber ganz andere Symptome: Sie riecht und schmeckt nichts mehr. Letzte Woche waren wir noch in Quarantäne. Zum Glück haben wir einen Balkon und einen großen Garten in Gern.“ nah

Ernst Hannawald, 60, Schauspieler aus München

Amar Cekic

Nach Coronavirus: Der erste Spezi war Weltklasse

„Es hat sich angefühlt wie eine Grippe. Ich war schlapp, konnte mich kaum bewegen, alles tat weh. Nach neun Tagen gingen die Symptome weg, aber drei Tage lang konnte ich nichts riechen oder schmecken. Als die Sinne zurückkamen, habe ich mir einen kalten Spezi gegönnt. Das war Weltklasse. Zwei Wochen lang stand ich unter Quarantäne, auch meine Eltern waren infiziert. Wo ich mich angesteckt habe, weiß ich nicht. Ich muss zugeben, dass ich mich davor nicht besonders für Corona interessiert habe. Jetzt rate ich allen, gut aufzupassen. Nach 14 Tagen durfte ich wieder nach draußen. Dieser Spaziergang hat sich angefühlt, wie wenn man einen Vogel aus dem Käfig lässt.“

Amar Cekic, 27

Spieler beim FC Pipinsried und Trainer bei der Münchner Fußballschule

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Der Viktualienmarkt ist in Zeiten von Corona nicht mehr wiederzuerkennen. Jetzt hat der Markt eines seiner berühmtesten Gesichter verloren - das Coronavirus soll nicht der Grund sein.

Bei herrlichstem Frühlingswetter müssen sich die Menschen in München an die neuen Gegebenheiten gewöhnen - doch einige machen sich schon Gedanken über die Zeit danach.

thi

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