tz-Serie zum CSD

Warum sind die Kostüme der Schwulen so schrill?

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Warum verkleiden sich die Leute beim CSD so?

München - Am Samstag ist es wieder so weit: Münchens Schwule und Lesben tanzen beim Christopher Street Day (CSD) durch die Innenstadt! Ein Mann aus der Szene erklärt, warum die Kostüme anscheinend immer so schrill sind.

Sub-Gründer Manfred Edinger (57) kennt die Szene.

Die seit 1980 jährlich stattfindende Parade ist traditionell eine bunte Demo. Die Kameras werden wieder gerichtet sein auf schrille Dragqueens und muskulöse Lederkerle. Aber ist das wirklich das Abbild der schwul-lesbischen Gesellschaft? „Nicht ganz“, sagt Manfred Edinger (57), Psychotherapeut und Mitbegründer des Schwulenzentrums Sub. „Es sind beim CSD nur ein, zwei Prozent der Teilnehmer tatsächlich so schrill gekleidet, aber diese Leute sind ein dankbares Motiv für Fotografen“, sagt Edinger. „Nur ein ganz geringer Teil der Menschen zieht sich auch im Privatleben so an, was auch völlig in Ordnung ist.“ In Wirklichkeit sei das Alltagsleben der Schwulen und Lesben oft nicht anders als das der Heteros. Aber wieso verkleiden sich viele Schwule so gerne mit Fummel? Edinger erklärt: „Diese schrillen Kostüme sind längst so etwas wie homosexuelle Folklore geworden, man muss schon fast von Tracht sprechen.“ Man wolle sich als schwul oder lesbisch zeigen, und dafür brauche es typische Attribute. „Die Menschen, die beim Trachtenumzug vor der Wiesn mitgehen, haben Dirndl und Lederhosen auch nur selten im Alltag an.“

Das Programm:

11 Uhr: Vor der Parade steigt der politische Auftakt am Marienplatz

12 Uhr: Der bunte Lindwurm setzt sich in Gang – über Marienhof, Promenadenplatz, Sonnenstraße, Sendlinger Tor, Gärtnerplatz, Tal.

15 Uhr: Bühnenprogramm am Marienplatz mit der Rede von OB Dieter Reiter, Musik und Hella von Sinnen.

Bleibt immer noch die Frage, wieso es Frauenklamotten sein müssen. „Ich denke, das kommt daher, dass für die Gesellschaft Jahrtausende lang Schwule keine richtigen Männer waren und somit mit Frauengleichgesetzt wurden, und die galten für die von Männern dominierte Gesellschaft als minderwertig.“ Dieses Klischee hätten die Schwulen der Gesellschaft provozierend entgegenhalten wollen. Und dann verweist Edinger auf die entgegengesetzte Reaktion durch die Lederszene: „Diese Männer wollten zeigen: Wir Schwulen sind noch viel härter als ihr Heteros!“ Im heutigen Schwulen-Alltag spielen diese Klischees nicht mehr diese Rolle, dank der Schwulenbewegung, die für Edinger einher ging mit der Frauenbewegung: „Diese beiden Bewegungen haben zu einer Art freundlicher Übernahme durch die Gesellschaft geführt. Das heißt, dass diese Frauen und Schwule nur akzeptiert hat, weil sie sich wie die von Männern dominierte Gesellschaft verhalten.“ Edinger führt Angela Merkel und Guido Westerwelle an. „Die durften zwar die Spitzenämter des Staates besetzen, doch sie waren und sind in ihrer Ausstrahlung und Handlungsweise hart und kalt.“

Was bedeutet die Akzeptanz für die Szene? „Heute spielt man als Schwuler Fußball, boxt oder betreibt Bodybuilding, um möglichst maskulin zu wirken.“ Edinger hat einen Blick in die Szenepresse von vor 30 Jahren geworfen: „Die Schwulen damals waren nicht so muskulös und nicht so körperbetont angezogen wie heute.“ Er seufzt: „Früher war es romantischer, aber die Kerle von damals hätten heute keine Chance.“

OB: „Szene unterstützen“

Alt-OB Christian Ude (SPD) führte den Christopher Street Day (CSD) 21 Jahre an – jetzt übernimmt sein Nachfolger Dieter Reiter (SPD). Das tz-Interview:

Wäre München reif für einen schwulen OB?

Hoch auf dem bunten Wagen: OB Reiter (2. v. r.) führt den CSD an.

OB Dieter Reiter: Das Thema ist nicht, welche sexuelle Identität ein OB hat sondern wie damit umgegangen wird. Ich persönlich glaube, dass München eine weltoffene und moderne Stadt ist und die meisten Menschen hier einen OB nach Leistung beurteilen und nicht nach sexueller Identität.
CSU-Bürgermeister Josef Schmid geht beim CSD mit. Glauben Sie, dass sich die CSU öffnet?

Reiter: Wir sprechen von einer Person, das ist ein guter Anfang. Ob auch seine Partei und Fraktion in diesen Fragen mitspielen, wird sich zeigen.

Was wird sich für die Szene in München jetzt ändern, da Rosa Liste und Grüne nicht mehr mitregieren?

Reiter: Rot-Grün-Rosa hat für die Community vieles bewirkt. Aber jetzt anzunehmen, das würde durch die neue Konstellation zurückgeschraubt, ist Angstmacherei.

Was kann die Stadt gegen das Schrumpfen der Szene im Glockenbachviertel tun? 

Reiter: Wir müssen einen Ausgleich zwischen den Veränderungen und den gewachsenen Strukturen finden. Was die Community angeht, bemühen wir uns sehr, sie zu unterstützen, die sozialen Einrichtungen im Glockenbachviertel zu halten, oder ihnen dort Räume zu verschaffen.

Johannes Welte

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