Christopher Street Day in München

Interview: Warum feiern wir den CSD?

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Das Jugendzentrum diversity engagiert sich für LesBiSchwulTrans*-Jugendliche.

München - Am Samstag wird's bunt, schräg und ausgelassen in München. Dann zieht wieder die große CSD-Parade durch die Innenstadt. Das Münchner Jugendzentrum "diversity" hat eine besondere Aktion geplant, wie uns Vorstandsmitglied Theresa Baum verrät.

Am Samstag endet die "Pride Week" in München mit der großen, bunten und schrillen CSD-Parade durch die Innenstadt. Dann werden wieder mehrere hundert Schwule, Lesben, Transvestiten und Transsexuelle auf dem Marienplatz mit schrägen Kostümen eine große Party veranstalten. Mit dabei: "diversity", das Münchner LesBiSchwule und Trans* Jugendzentrum. Es ist deutschlandweit das einzige seiner Art, das ehrenamtlich betrieben wird. Woher der CSD kommt, was die Jugendlichen für die Parade geplant haben und warum die Homo-Ehe auch in Deutschland eingeführt werden sollte, erzählt uns Vorstandsmitglied Theresa Baum.

Warum feiern wir eigentlich den CSD?

Baum: Die Geschichte beginnt mit einer Bar namens Stonewall Inn. Die lag im Greenwich Village in New York City und dort gingen vor allem Transpersonen, Homosexuelle und Migranten hin. Damals wurden regelmäßig Razzien durchgeführt und in der Regel ein paar Leute verhaftet. Zu der Zeit brauchte es nicht viel, gegen Gesetze in den USA zu verstoßen. Diese Razzien nahmen die Leute normalerweise hin. Doch am 28. Juni 1969 haben sich die Besucher gegen die Obrigkeit gewehrt. Es kam zu einer richtigen Straßenschlacht und immer mehr Menschen aus dem Viertel sind dazu gekommen. Daraus hat sich eine Spontan-Demo entwickelt, die über Tage ging. Der Tag ist so besonders, weil es der erste historisch bekannte Moment war, bei dem sich Queer-Personen gegen die Staatsgewalt und gegen die Kriminalisierung aufgelehnt haben. All das fand in der Christopher Street statt deshalb und heißt die jährlich stattfindende Parade in Deutschland Christopher Street Day. Die Österreicher feiern die Regenbogenparade, die übrigen Länder nennen den Umzug „Pride Parade“.

Was habt ihr dieses Jahr für Aktionen geplant?

Baum: Die Pride-Week läuft bereits. Auftakt war das Angertorstraßenfest, bei dem wir mit einem Stand vertreten waren. Parallel dazu hatten wir einen Tag der offenen Tür. Am Montag fand eine Diskussionsveranstaltung zum Thema: „Familie, wo fängt das an, wo hört das auf?“ statt. Da ging es primär um die Gruppierung der "Besorgten Eltern". Am Mittwoch haben wir einen CSD-Barabend veranstaltet. Am Freitag gab's eine Warmup-CSD-Party und am Samstag bieten wir einen Info-Stand vor dem Laden von Tommy Hilfiger in der Stadt an. Wir laufen beim Zug mit und haben uns eine Überraschung vorbereitet. Unser Motto lautet: „Familie ist diversity“. Das hat zwei Beweggründe. Zum einen ist diversity unser Name und wir zeigen damit, dass auch wir eine Art Familie sind, wo man etwas unternimmt, wo man sich anvertrauen kann. Auf der anderen Seite bedeutet diversity übersetzt Vielfalt. Wir meinen damit, dass Familienkonstellationen so vielfältig sind wie das Leben.

Was kann ich denn unter eurem Jugendzentrum diversity verstehen?

Baum: Wir sind ein gemeinnütziger Verein, bei dem sich Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre in sieben Freizeitgruppen einbringen können. Außerdem haben wir ein Schulaufklärungsprojekt, das heißt unser Team geht in die Schulen und klärt die Klassen über sexuelle Vielfalt auf. Allerdings fragen auch Unternehmen an und bitten um Besuch unseres Teams. Hinzu kommen Beratungsangebote durch eine Sozialpädagogin.

Und wie finanziert ihr euch?

Baum:Ein Großteil des Geldes kommt von der Stadt. Der andere Teil wird durch Mitgliederbeiträge oder Spenden von Unternehmen und Privatpersonen finanziert. Durch Barabende oder Veranstaltungen wird auch ein bisschen Geld in die Kassen gespült.

Die USA und Irland haben die Homo-Ehe bereits eingeführt. Warum ist es in Deutschland noch nicht soweit?

Baum: Es gibt repräsentative Umfragen, die zeigen, dass die Gesellschaft und die klare Mehrheit der Bürger dafür bereit sind. Auch im Bundestag gibt es eine Mehrheit, die eine Gleichstellung der Ehe einführen möchte. Nur die Union wehrt sich dagegen und blockiert seit Jahren eine Gleichstellung. Ich vermute, sie wollen einen Teil der Wähler nicht verschrecken.

Wann, glaubst Du, könnte die Homo-Ehe in Deutschland eingeführt werden?

Baum: Ich glaube, das dauert noch fünf, sechs Jahre, weil die aktuelle Regierung die Homo-Ehe nicht umsetzen wird. Die Gleichstellung wird wahrscheinlich vom Bundesverfassungsgericht in ein paar Jahren mit einem weiteren Urteil forciert. Bis das gesetzlich umgesetzt ist, vergeht wieder einiges an Zeit. Aber ich bin mir sicher, dass sie kommt.

Warum brauchen wir die Homo-Ehe überhaupt?

Baum: Das Problem ist, dass viele glauben, dass die eingetragene Lebenspartnerschaft bereits mit der Ehe gleichgestellt ist. Dort werden homosexuelle Paare rechtlich noch in rund 150 Punkten ungleich behandelt, wie vor kurzem der Grünen-Politiker Volker Beck gezeigt hat. Dazu gehört auch das Adoptionsrecht. Das bedeutet, dass homosexuelle Paare keine Kinder adoptieren können. Das ist eine Ungleichbehandlung, die nicht sein muss. Wie das Ganze heißen wird, ist mir persönlich egal. Wichtig ist nur, was dahinter steht.

Und wie ist deine Einstellung dazu?

Baum: Es gibt einige Homosexuelle, die eine Gleichstellung ablehnen, weil sie gegen die Institution Ehe als Konzept und die damit oft verbundenen sexistischen Einstellungen sind. Ich bin dafür, nicht weil ich die Ehe an sich unterstütze, sondern vielmehr die Gleichstellung, die dahinter steht. Es ist ein blödes Gefühl, weil zum Beispiel die eingetragene Lebenspartnerschaft oft nicht zur Auswahl beim Familienstand auf Formularen steht. Es ist kompliziert und nur ein verwaltungstechnischer Mehraufwand. In Deutschland ist die Ehe ein wichtiger Punkt in der Biographie und indem bestimmte Menschen ausgeschlossen werden, zeigt man ihnen: „Ihr seid schlechter, ihr seid nicht gut genug.“

Fakten zu diversity

  • Das Jugendzentrum liegt in der Blumenstraße 11, in dem sich Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre treffen können.
  • Finanziert wird der Verein durch die Stadt München, Fördermitglieder, Spenden und Veranstaltungen.
  • Der Verein hat rund 650 Mitglieder und rund 70 Ehrenamtliche.
  • Das Gruppenangebot: frienTS (für Trans*), Jules (für Lesben, Bisexuelle und Neugierige), Jungs (für Schwule, Bisexuelle und Neugierige), Wilma (für Lesben, Bisexuelle und Neugierige ab 18), Youngsters (für Schwule, Bisexuelle und Neugierige bis 19) und 20+pos (für junge HIV-Positive).
  • Jeden Mittwoch gibt es ab 19 Uhr einen Barabend für ALLE bis 27 Jahre.
  • Die queere Veranstaltungsgruppe nodifference ist für jeden Menschen bis 27 Jahre da, plant und organisiert verschiedene Events.
  • Das Aufklärungsprojekt diversity@school klärt über gleichgeschlechtliche und transidente Lebensweisen auf.
  • Mehr Infos gibt es unter www.diversity-muenchen.de
  • Es ist das einzige ehrenamtlich betriebene LBGT*-Jugendzentrum deutschlandweit.

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