Erster CSU-Politiker seit Jahrzehnten

Josef Schmid regiert sein einem Jahr mit dem roten Reiter

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Seit einem Jahr im Amt: CSU-Politiker Josef Schmid.

München - Er ist der erste CSU-Politiker an der Stadtspitze seit Jahrzehnten: Genau vor einem Jahr wurde Josef Schmid (45) von der Großen Koalition aus CSU und SPD zum 2. Bürgermeister gewählt. Im Interview mit der tz spricht er über sein Pensum, seine Fehler und seine neuen Flüchtlingspläne.

Was legte er für einen Start hin: Der Vize der Münchner CSU schnappte sich zusätzlich das Wirtschaftsreferat und firmiert damit jetzt auch als Wiesn-Boss. „Seppi allmächtig“, titelte die tz damals, weil Schmid sich anschickte eine Doppelspitze mit OB Dieter Reiter (SPD) zu bilden, dem er kurz zuvor bei der OB-Wahl noch klar unterlegen war. Viel Macht, aber auch viel Arbeit. Darum geht’s an Pfingsten gleich nach der FCB-Meisterfeier mit Frau und Kindern nach Italien.

Herr Schmid, Ihre Frau Natalie hatte diese Woche Geburtstag, am gleichen Tag wie OB Dieter Reiter. Dürfen wir fragen, was Sie ihr schenken?

Schmid: Wir gehen morgen Abend noch gut essen. Das hat sie sich gewünscht. Miteinander verbrachte Zeit bekommt in so einem Amt einen ganz anderen Wert.

Es gibt ein Facebook-Foto, wie Sie Ihre Tochter zum 1. Schultag bringen. Klappt das Familienleben noch?

Schmid: Das klappt, weil man Freizeit und Familie planen muss. Das klingt unromantisch, ist aber das Mittel der Wahl bei einem Terminkalender, der 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Termine vorsieht. Deswegen sind für mich ein erster Schultag, der St. Martin-Umzug, Geburtstage oder Familienfeste heilig.

Josef Schmid: "Es macht mir eine Riesenfreude"

Wie ausgelaugt sind Sie nach einem Jahr mit den vier Jobs als Bürgermeister, Wirtschaftsreferent, Wiesn-Boss und Münchner CSU-Vize?

Schmid: Es macht mir eine Riesenfreude. Wir bringen in der Kooperation unheimlich viel voran. Es muss ja auch viel getan werden, weil in den vergangenen Jahren viel liegengeblieben ist. Deswegen muss kräftig gearbeitet werden.

Wie sieht Ihr Tag aus?

Schmid im Bürgermeister-Büro mit den tz-Redakteuren Sebastian Arbinger (r.) und David Costanzo.

Schmid: Der hat leider nur 24 Stunden. Fünf davon schlafe ich, wenn man noch ein paar Zeiten abzieht, die es braucht, arbeite ich den Rest. 6 Uhr aufstehen, Zeitungen lesen, um Sieben mit der Familie frühstücken, 7.30 Uhr rein ins Auto, weiter lesen, telefonieren, erste E-Mails diktieren. Dann Ausschüsse, Sitzungen, Aufsichtsräte, Firmenbesuche, Abendtermine bis nach 22 Uhr. Dann ratsche ich mit meiner Frau, wenn sie noch wach ist. Am Wochenende versuche ich, einen Tag für die Familie freizuhalten.

War die schief gelaufene Wahl des Umweltreferenten ein Zeichen für Überlastung? Da ist Ihnen durch die Lappen gegangen, dass ihr Wunschkandidat Mitglied in dubiosen Vereinen ist!

Schmid: Nein, wir haben uns fixiert auf die schriftliche Bewerbung und auf die Inhalte. Deswegen haben wir es versäumt, nochmal ins Internet zu schauen.

Gibt es einen neuen Wunschkandidaten?

Schmid: Es gibt mehrere interessante Bewerber mit ganz unterschiedlichen Profilen. Und die wollen wir uns anschauen und dann entscheiden.

Wiesn soll für Münchner mit wenig Geld attraktiver werden

Heuer steigen wohl die Preise für die Mass Bier auf der Wiesn über 10 Euro in allen Zelten. Wollen Sie etwas dagegen unternehmen?

Schmid: Wir können das gar nicht verhindern. Wir haben nur eine Missbrauchskontrolle, wenn es in den Wucher geht.

Sie waren schon mal kreativer, wenn es um den Bierpreis ging! Was ist denn aus Ihrer Idee geworden, einen Verlängerungstag einzuführen, wenn die Wirte die Preise nicht erhöhen?

Schmid: Die Überlegung trage ich in mir. Aber wir haben heuer eine Neuerung bei der Reservierung ohne Mindestverzehr. Da geht es mir auch darum, dass die Wiesn für die Münchner, die nicht viel Geld haben, wieder ein Stückl attraktiver wird. Jetzt schauen wir mal, wie es heuer wird. Und dann denken wir über Weiteres nach.

Sind Ihnen 10 Euro für eine Mass nicht zu viel?

Schmid: Ich versuche, dass die Wiesn familienfreundlich bleibt. Darum habe ich angeordnet, dass wir bei den kleinen Fahrgeschäften für Kinder – Pferdereitbahn, Wurfbude, Schaukel – bei der Standgebühr etwas runtergehen. Damit stärken wir Attraktionen für Familien. Mit dem Verlauf der letzten Wiesn war ich sehr glücklich, weil das so ein ruhiges, schönes Herbstfest war. Die Wiesn braucht nicht immer neue Rekorde – auch nicht beim Bierpreis.

Stichwort: Schwarz-Rot. Wo ist da die originäre Handschrift der CSU? Den Kooperationsvertrag kann man auch als rot-grünes Werk lesen, an das sich die CSU drangehängt hat.

Schmid: Der ganze Vertrag ist gekennzeichnet von originären CSU-Themen. Sie müssen ihn vergleichen mit dem, was in den Jahren davor war. Da geht’s los mit dem U-Bahnbau wie der Verlängerung der U5 nach Pasing und Freiham, weiteren Autotunnels, und wir gehen soziale Themen wie den dritten Arbeitsmarkt für Benachteiligte an.

"Den Ministerpräsidenten muss man nicht überzeugen"

Der Luise-Kiesselbach-Tunnel wird Ende Juli eingeweiht. Mit welcher der geplanten drei Ring-Röhren geht’s weiter?

Schmid: Ich bin der Meinung, dass wir in jedem Fall den Tunnel unter dem Englischen Garten als Umwelt- und Kulturprojekt zusammen mit einem der anderen bauen müssen. Da glaube ich, dass wir in der Landshuter Allee den dringendsten Bedarf haben – die meisten Betroffenen, die größten Umweltprobleme und nach allem, was ich bisher weiß, von der Machbarkeit her, derjenige, der als nächstes ansteht. Wir haben in der Stadt einen Schub nach vorne – das ist die Handschrift der CSU.

Gegenwind kommt aber vom CSU-Ministerpräsidenten. Wie sauer sind Sie auf Horst Seehofer, dass er den Flughafen immer noch ausbauen will?

Schmid: Meine Position ist völlig klar. So sehr ich als Wirtschafts-Bürgermeister sage, dass wir aus wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten die dritte Start- und Landebahn brauchen, so sehr ist für mich klar, dass ich mich an das Votum der Münchner gebunden fühle.

Ihr Parteichef will im Herbst eine Entscheidung. Bleiben Sie bei Ihrem Veto?

Schmid: Ja.

Glauben Sie, dass Sie Seehofer noch überzeugen können, einen zweiten Konzertsaal zu bauen – obwohl er eigentlich gar keinen will?

Schmid: Den Ministerpräsidenten muss man überhaupt nicht überzeugen. Dass im Gasteig eine Zwillingslösung mit zwei Orchestern nachteilig ist, kommt auch von ihm selber. Damit ist das Thema zweiter Konzertsaal wieder auf der Tagesordnung.

"Um die Menschen am Bahnhof müssen wir uns kümmern"

Immer drängender wird wieder die Unterbringung der Flüchtlinge, die jetzt mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten soll. Ist das zu stemmen?

Schmid: Um die Menschen, die in München am Bahnhof stehen, müssen wir uns kümmern. Die Aufgabe haben wir aus humanitären und sozialen Gründen und auch aus christlicher Überzeugung. Wir müssen aber natürlich auch für unsere angestammte Bevölkerung vorankommen. Stichwort: Schulen, Kinderbetreuung, Seniorenheime. Es wird eine große Herausforderung, das im Gleichgewicht zu halten.

Wie meinen Sie das? So wie manche CSU-Politiker aus den Stadtteilen? Auch prominente Parteifreunde propagieren, dass die Unterkünfte zu viele, zu nah und zu bedrohlich sind.

Schmid: So stimmt das nicht. Was da gesagt wird, ist eine Position der CSU München. Wir müssen schauen, dass wir die Flüchtlinge gleichmäßig über die Stadtbezirke verteilen. Dann müssen wir auch schauen: Wie viele Flüchtlinge verträgt ein Standort? Da gibt’s für uns grundsätzlich die Grenze von 200 Menschen, weil sonst Integration schwierig wird. In Notsituationen müssen wir davon eine Ausnahme machen.

Wäre es nicht die politische Wahrheit, zu sagen: Auch die Münchner müssen etwas beitragen. Müsste die CSU nicht das vermitteln, wenn sie eine friedliche Atmosphäre will?

Schmid: Wir müssen vermitteln, dass wir den Menschen helfen müssen. Denn die Menschen kommen aus Gründen zu uns, die einen schaudern lassen. Klar ist aber auch, dass andere Belange nicht auf der Strecke bleiben dürfen.

Es bleibt doch nichts auf der Strecke, wenn auf einer brachliegenden Fläche für fünf Jahre ein paar Container aufgestellt werden?

Schmid: Aber es bleibt etwas auf der Strecke, wenn wir anfangen müssen, in Turnhallen zu gehen. Dann fällt der Sportunterricht aus.

"Mein Herz schlägt für die Kommunalpolitik"

Ist das geplant?

Schmid: Wir reden hier von kurzfristigem Notfallmanagement. Wir tun uns zunehmend schwerer mit freien Grundstücken. Wenn Schulbauten verzögert werden sollten oder andere soziale Einrichtungen, dann sehe ich die Gefahr, dass die Stimmung kippt. Und das will ich nicht.

Wie ist eigentlich die Stimmung zwischen Ihnen und OB Dieter Reiter?

Schmid: Die ist von großer Professionalität gekennzeichnet und von einem gerüttelt Maß an Pragmatismus auf beiden Seiten. Das ist der Grund, warum die Zusammenarbeit gut klappt.

Werden Sie 2020 gegen ihn antreten?

Schmid: Ich habe nie auch nur einen Hauch des Zweifels daran gelassen, dass mein Herz für die Kommunalpolitik schlägt. Mir macht das Amt richtig Spaß. Ich glaube aber nicht, dass wir jetzt schon wieder Kandidatendiskussionen führen müssen. Und dabei bleibe ich auch.

Hartnäckig halten sich die Tuscheleien, dass Sie sich für den Landtag oder einen Kabinettsposten interessieren.

Schmid: Nochmal: Mein Herz schlägt für die Kommunalpolitik. Alles andere ist reine Spekulation, an der nichts dran ist.

David Costanzo, Sebastian Arbinger

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