Münchner Polizei nimmt Kampf auf

Kriminalität im Internet: Wie man sich schützen kann

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München - Kriminalität im Internet nimmt immer mehr zu und wird immer gefährlicher - das ist die Bilanz der Münchner Polizei nach 100 Tagen Cybercrime-Dezernat. Und Achtung: Vielleicht hat die Polizei auch Fotos aus Ihrem Wohnzimmer.

Das ist ein Termin, auf den viele lieber verzichten würden: Vor kurzem hat die Polizei diverse Münchner Bürger aufs Präsidium eingeladen und ihnen ganz private Fotos ihrer eigenen Wohnung gezeigt. Unangenehm: Die Bilder stammen nicht von der Polizei. Sie hat bei einer weltweiten Razzia gegen Internetspione mitgemacht. Ziel waren die Entwickler, Verkäufer und Nutzer des Hacker-Programms BlackShades.

Die Spionagesoftware gab es nicht nur auf einschlägigen Seiten für jedermann zu kaufen, es war auch sehr leicht und vielfältig einsetzbar. Die Täter konnten sich damit Zugriff auf Computer verschaffen und sie sperren - oder viel perfider: Die Webcam hacken und gemütlich zusehen. Ein 18-Jähriger Niederländer soll damit rund 2000 Computer infiziert haben, um mit deren Webcams Frauen und Mädchen zu filmen - ohne dass die Opfer jemals etwas davon erfahren.

Bürger bekommt oft wenig mit

Unter anderem dieser Schutzlosigkeit gegen Angriffe aus dem Netz nimmt sich das vor hundert Tagen neu geschaffene Kriminalfachdezernat 12 an. Derzeit 45 Beamte kämpfen dort seit 1. April 2014 gegen Internetkriminalität, oder: Cybercrime. Besonders für den einfachen Bürger, der im Netz angegriffen, ausgeraubt, betrogen oder beschimpft wird, soll das neue Dezernat eine Anlaufstelle bieten. Das Dezernat warnt auch vor neuen "Angriffswellen", wie sie der Dezernantschef Oliver Penonic nennt.

Angriffswellen, damit meint Penonic neue Viren und Spionageprogramme, wie auch BlackShades. Oft bekommt der Bürger wenig davon mit - auch wenn er selbst Ziel von Angriffen war. "Die Dunkelziffer ist sicher hoch", schätzt Polizeipräsident Hubertus Andrä bei einer Pressekonferenz, bei der er die Arbeit des neuen Dezernats vorstellt. Deshalb haben die Cyber-Polizisten damals auch sämtliche vom BlackShades betroffene Münchner eingeladen, und ihnen die Wohnzimmerbilder gezeigt, die ihr eigener Computer im Minutentakt gemacht hat. Erst bei der Polizei haben sie erfahren, dass über Monate ihr intimster, privatester Bereich derart verletzt wurde. Auch Penonic findet das erschreckend: "Sie bekommen nichts mit", sagt er bei der Pressekonferenz.

Der Virus nistet sich ein

Und da über den privaten PC zwischenzeitlich so gut wie alles läuft, eben auch die eigenen Finanzgeschäfte, kann das richtig teuer werden. "Phishing" haben Hacker diese Art des Betrugs und Diebstahls getauft. Der Begriff kommt von fisching (Fischen, Ködern). Da bekommt man eine Mail, da steht oft drauf: Wichtig! Unbedingt lesen. Und dann muss man nur noch den Anhang öffnen, und der Virus, Wurm, Trojaner - wie man das illegale Programm auch immer nennen will - springt von der Mail runter und nestet sich im heimischen Computer ein. Von dort korrespondiert er unerkannt mit dem Absender. "Ab da kriegen Sie gar nicht mehr mit, wenn Geld von ihrem Konto weggeht", sagt Penonic.  Insgesamt eine Million Euro haben Münchner Bürger allein im vergangenen Jahr durch Phishing verloren. Und die Internetkriminalität nimmt weiter zu.

Warnen wollen deshalb die Internetpolizisten, präventiv arbeiten. Wenn das Verbrechen passiert ist, kann die Münchner Polizei allein meist wenig ausrichten. Fragen, die bei einer Ermittlung in der "realen" Welt ganz banal sind, erscheinen bei der Internetkriminalität oft kaum lösbar. "Der Tatort ist per Definition da, wo der Täter handelt", erklärt Kriminaloberrat Penonic. Nur im World Wide Web kann das überall sein. Und dann müsse man sehr schnell auf die Amtshilfe und Kooperation mit anderen Ländern zurückgreifen. Man sei international gut vernetzt im Münchner Kriminalfachdezernat 12. Das muss man wohl auch. Bisher ist die Aufklärungsrate beim Cybercrime, das gesteht Penonic auf Nachfrage ein, ist "verschwindend gering".

Beweise finden ist auch so ein Problem, vor allem im Zeitalter der Cloud. Cloud heißt auf Englisch Wolke. Der Name beschreibt das Phänomen ganz gut. Daten, die in einer Cloud gespeichert sind, sind für die Beamten ebenso gut greifbar wie Nebel. Und: "Die Internetunternehmen haben da auch kein großes Interesse, uns mitzuteilen, wo die Daten sind", seufzt der Polizeipräsident.

Polizei hat den Kampf aufgenommen

Nun hört sich das alles ein bisschen so an, als kämpfe die Münchner Polizei gegen Windmühlen. Man kann es auch anders sehen: Nachdem das Internet seit fast zwei Jahrzehnten unser Leben prägt, gibt es jetzt endlich - seit hundert Tagen - ein Dezernat in München, das den Kampf gegen selbige Windmühlen aufgenommen hat. Und es ist ein Dezernat - das zumindest verspricht sein Chef - das für den Bürger erreichbar ist. Wer also im Internet angegriffen, beschimpft, gemobbt, bestohlen oder betrogen wird, hat jetzt in München eine Anlaufstelle. Zu erreichen ist das Dezernat unter: 089/ 2910-3434 und medienberatung-muenchen@polizei.bayern.de.

Klaus-Maria Mehr

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