Jetzt fordert sie Schmerzensgeld

Patientin stürzt im Dachauer Krankenhaus, weil keine Hilfe kommt - nun ist sie ein Pflegefall

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Anneliese Barton ist nach einem schweren Sturz in der Klinik ein Pflegefall, ihr Mann Josef kümmert sich rührend um sie. Wäre die Tragödie mit mehr Pflegepersonal zu verhindern gewesen?

Seit einem schweren Sturz auf dem Weg aufs WC im Helios Amper-Klinikum Dachau ist Anneliese Barton ein Pflegefall. Gemeinsam mit ihrem Mann Josef kämpft sie nun um Schmerzensgeld - denn auf Pfleger wartete sie in der verhängnisvollen Nacht lange vergeblich.

München - Der Leidensweg von Anneliese Barton, heute 84, beginnt am 4. Juni 2016. Sie stürzt zu Hause und bricht sich den Oberschenkelhals. Im Helios Amper-Klinikum Dachau wird die Seniorin versorgt. Dann muss sie nachts aufs Klo. Sie klingelt nach einer Schwester. Mehrfach. Niemand erscheint. In ihrer Not schleppt sich die Frischoperierte selbst ins WC. Eine fatale Entscheidung. „Denn damit“, sagt ihr Mann Josef, 84, „hat das Elend angefangen.“

Die 84-Jährige stürzt derart unglücklich, dass sie mit dem Kopf aufschlägt und sich schwer verletzt. Von dem Krach wacht Bettnachbarin Eva Heft auf. „Alles war voller Blut“, erinnert sie sich. Eva Heft läuft aus dem Zimmer und ruft um Hilfe. „Es war weit und breit niemand zu sehen“, weiß sie noch. Erst, als sie wieder ins Zimmer geht und die Klingel drückt, kommen zwei Pflegerinnen und versorgen die schwer verletzte Frau.

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Trotz Reha über ein halbes Jahr bis heute ein Pflegefall

Obwohl Anneliese Barton daraufhin ins Klinikum rechts der Isar kommt und obwohl sie danach fast ein halbes Jahr auf Reha weilt, ist sie heute ein Pflegefall. Die Ärzte mussten bei ihr einen künstlichen Zugang zur Luftröhre legen, der ihr immer wieder starke Schmerzen bereitet. Zudem muss sie künstlich ernährt werden, kann kaum noch sprechen oder sich bewegen. „Sie können sich vorstellen, was das für ein Leben ist“, sagt Josef Barton heute ganz leise.

So leise wie jetzt war der Ehemann nach dem Unglückssturz nicht. Er hat Strafanzeige erstattet und sich an die Beschwerdestelle im Dachauer Krankenhaus gewandt. Nach Auskunft der Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft München II, Andrea Mayer, stellte ihre Behörde das Ermittlungsverfahren in Sachen Barton aber bereits 2016 ein. Und von der Beschwerdestelle hat Josef nichts Substanzielles mehr vernommen. Zeit, sich einen Rechtsbeistand zu nehmen. Wenigstens ein Schmerzensgeld möchten die Bartons vom Amper-Klinikum haben. Der Dachauer pflegt seine Frau zu Hause aufopferungsvoll. Das Geld soll für ein wenig Entlastung sorgen.

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Rentner-Ehepaar gehrt gegen zwei Großkonzerne vor

Ein Rentner-Ehepaar ohne Rechtsschutzversicherung stemmt sich also gegen zwei Gegner; die Helios-Kliniken-Gruppe, die zu Fresenius, einem der größten Krankenhausbetreiber Deutschlands, gehört, und dessen Versicherer, die Allianz, einer der weltweit größten Konzerne seiner Art. Es ist zu erahnen: Es geht viel Zeit ins Land, bis eventuell ein Vergleich geschlossen oder ein Urteil gefällt ist. Zeit, die die alten Leute möglicherweise nicht mehr haben.

Im Dachauer Krankenhaus fehlen seit Jahren Pflegekräfte; laut Verdi aktuell 85. Noch diese Woche soll eine Verordnung in Kraft treten, die auch das Dachauer Krankenhaus verpflichten wird, Untergrenzen für Pflegepersonal einzuhalten. Bleibt zu hoffen, dass die Amper-Klinik endlich gezwungen wird, Pflegekräfte einzustellen, die dann zur Stelle sind, wenn Patienten wie Anneliese Barton Hilfe benötigen.

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Pflegenotstand: Die Bayern machen Druck

Stoppt den Pflegenotstand! 102.137 Menschen in Bayern haben sich mit ihrer Unterschrift für ein Volksbegehren für bessere Bedingungen in der Pflege ausgesprochen. Die Initiatoren - ein Bündnis aus Politikern, Pflegern, Juristen und Ärzten - überreichte am Dienstag die größte jemals in Bayern gesammelte Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren dem Innenministerium in München. Der Gesetzgeber verlangt dafür eigentlich nur 25.000 Unterschriften. Das Ministerium muss nun prüfen, ob es ein Volksbegehren für rechtlich zulässig hält.

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