Archäologische Sammlung

Dachauer Mumien-Krimi: Das Rätsel ist gelöst

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Die Inka-Mumie galt lange als Dachauer Moorleiche.

Dachau/München - Seit 30 Jahren spukt die „Dachauer Moorleiche“ in der Archäologischen Staatssammlung am Englischen Garten. Wer ist die Frau? Warum ist ihr Gesicht so entstellt?

Jedoch: Die junge Frau stammt weder aus ­Dachau noch ist sie eine Moorleiche – sondern eine Mumie aus der Inkazeit. Wer ist die Frau? Warum ist ihr Gesicht so entstellt? Wie kam sie zu uns? Jetzt zu erfahren in der Staatssammlung. Die tz erklärt die wichtigsten Fakten und Fragen

Der Mumien-Krimi

Früher, als die junge Frau noch die Moorleiche aus Dachau war, lag sie auf der Seite. Jetzt hat man sie auf den Rücken gewendet. Sehr dezent, behutsam wird sie beleuchtet. Als Geste des Respekts – denn die Frau hatte einen furchtbaren, gewaltsamen Tod …

Ihr wurde mit einer Keule aus Bronze oder Stein mehrmals auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen. Wurde sie ein rituelles Opfer? Eher unwahrscheinlich. Denn die Inkas betäubten die unglückseligen Auserwählten mit Drogen, etwa Kokain. In den 75 cm langen Haaren fanden sich keinerlei Spuren. Kriegsopfer? Möglich – allerdings wohl nicht von den europäischen Einwanderern um Pizarro, der das mächtige Reich 1532 unterwarf. Die hatten andere Waffen. Fest steht nur: Die Frau war zwischen 20 und 25 Jahren jung, 1,55 Meter groß und lebte irgendwann zwischen 1451 und 1642.

Ihre Zähne sind hervorragend, nur ein Zahn ist leicht kariös. Dafür litt das Mädchen an einer fortgeschrittenen Darminfektion, der „Chayas-Krankheit“, die durch blutsaugende Raubwanzen verursacht wird. Seine Ernährung hatte es die letzten zwei Lebensmonate umgestellt: Es aß wesentlich weniger Fisch. Das ergab eine Isotopen-Untersuchung.

Wie kam es dazu, die Dachauer Moorleiche zu überprüfen? Die Anhaltspunkte: Erstens war die auffällige Frisur mit den mächtigen Zöpfen in Europa damals unbekannt. Zweitens kann ein Moor die Haut einer Leiche nicht derart gut erhalten. Drittens wurden Fasern vom Alpaka an ihr entdeckt. Nicht gerade typisch fürs Dachau der Renaissance. Viertens ist die ursprüngliche Hock-Haltung der Leiche sehr ungewöhnlich. Für die Inka-Totenkultur hingegen nicht: Die Verstorbenen wurden in Decken und Ponchos gehüllt und fest verschnürt. Die Mumifizierung erledigte die Natur: Die Grabstätten lagen in extrem niederschlagsarmen Gegenden, in küstennahen Wüsten mit großer Trockenheit und starken Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Zudem war der Salzgehalt von Boden und Luft sehr hoch.

Warum diese Art der Bestattung? Weil für die Inkas die toten Körper „weiterlebten“: Verstorbene Herrscher konnten im Tempel um Rat gefragt werden; es kam sogar vor, dass die Mumien verstorbener Könige in Kriege mitgenommen wurden, um die Gegner einzuschüchtern. Und wer noch heute etwa in Mexiko an Allerheiligen einen Friedhof besucht, erlebt eine große Party. Die Toten leben. Und sind nur dann tot, wenn sie niemand mehr kennt. Nach der Ausstellung wird die Inkafrau im Depot ihre letzte Ruhe finden.

Matthias Bieber

Rätsel und Gewissheiten

Das Bayerische Landeskriminalamt unternahm 2007 eine Isotopen-Untersuchung der Haare. Eine Computertomografie fand danach im Murnauer Unfallklinikum statt. Professor Nerlich untersuchte dann Gewebe und DNA. Auf dem Foto: die Mumie in den Restaurierungs-Ateliers der Archäologischen Staatssammlung. Doch wieso ist die Frau bei uns? Wir wissen nur: Zwischen 1862 und 1904 kam sie ins Pathologische Institut. Das wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt, die Leiche erst als Bombenopfer vergraben, dann wieder ausgegraben.

Gehörte die Tote einst Therese von Bayern?

Therese von Bayern (1850 — 1925), Tochter von Prinzregent Ludwig, war eine berühmte Reise-Schriftstellerin und unternahm auch eine Expedition nach Südamerika. Gut möglich, dass die Inka-Mumie aus ihrer Sammlung stammt, sicher ist es allerdings nicht – auch der Münchner Maler Gabriel Max hatte eine stattliche Mumiensammlung. Überhaupt herrschte im 19. Jahrhundert eine regelrechte Mumien-Hysterie: Sie waren in Europa begehrtes und kostbares Sammlerobjekt.

Infos zur Mumienschau

Bis 31.8.14 in der Archäologischen Staatssammlung (Lerchenfeldstr. 2, Tel. 21 12 402). Eintritt 3 Euro, erm. 2. Der Begleitband zur Inka-Mumie kostet 14,90 Euro (Tageskasse). Geöffnet Di bis So 9.30 bis 17 Uhr. Faschingsdienstag bleibt geschlossen.

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