Aus dem Buch "Daheim is ned dahoam"

Schleich: Bayerischer Größenwahn

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Die Walhalla steht in Donaustauf bei Regensburg.

München - Wir zeigen Auszüge aus Helmut Schleichs neuem Buch "Daheim is ned dahoam". Dieses Mal macht sich der Kabarettist Gedanken über zwei Wahrzeichen bayerischen Größenwahns.

Lust bekommen auf mehr? Daheim is ned dahoam – Bayerische Ein- und Durchblicke erscheint am Freitag, 22. März, im Verlag LangenMüller, 192 Seiten mit 47 Fotos, 19,99 Euro, ISBN 978-3-7844-3321-9.

Daheim is ned dahoam – mit dieser provokanten These haben sich Kabarettist Helmut Schleich (45), bekannt als Double von Franz Josef Strauß, und Autor Thomas Merk (59) sehr ernsthaft mit dem Freistaat auseinandergesetzt. Was ist das überhaupt: Bayern? Besteht es wirklich nur aus lederhosentragenden Wurzelseppen? Und aus Madln in quietschbunten Dirndlgewändern? Die beiden haben ihr eigenes Heimatland bereist und quasi mit fremden Augen einen Blick auf die vermeintliche weiß-blaue Insel der Seligen geworfen. Sie haben historischen Unsinn und neumoderne Katastrophen entdeckt – und es in einem Buch niedergeschrieben, das am Freitag erscheint. Die tz druckt vorab Auszüge. Dieses Mal machen sich Schleich und Merk Gedanken über zwei Wahrzeichen bayerischen Größenwahns: „Steht man vor der Walhalla oder der Befreiungshalle, darf man sich schon mal fragen, wer von den beiden Ludwigs den größeren Knall hatte: der Erbauer von Herrenchiemsee und Neuschwanstein oder der Schöpfer solcher Nationalmonumente?“

Spricht man jemanden in Bayern auf König Ludwig an, antworten die meisten: Das war doch der mit den Märchenschlössern, der mit den Separatvorstellungen im Residenztheater, der mit dem Wagner-Knall, der sich in Linderhof so eine blaue Grotte hat bauen lassen, oder? Aber eigentlich müsste die korrekte Antwort lauten: Welchen Ludwig meinst du? Den ersten, den zweiten oder den dritten? (...) Wir haben uns (...) für den ersten der Ludwige entschieden, und das nicht nur deshalb, weil wir in unserer Heimatstadt München auf Schritt und Tritt über irgendeine seiner Hinterlassenschaften stolpern: Königsplatz, Ludwigstraße, Feldherrnhalle, Karolinenplatz (...).

Aber auch woanders hat er seine Duftmarken gesetzt – und was für welche! Architektonische Manifeste eines königlichen Politikverständnisses, das uns Suchern nach der bayerischen Identität einen Blick auf eine ideologische Ursuppe gewährt, die in manchen bayerischen Köpfen heute noch brodelt.

Walhalla

Donaustauf. (...) Ja, wenn da nicht dieser mit altnordischem Germanengeschwurbel aufgeladene Name „Walhalla“ wäre, den König Ludwig I. seinem hellenistischen Säulenbau hoch über der Donau gegeben hat. An der Walhalla angekommen, wartet erst einmal eine Enttäuschung auf uns. Der aus der Ferne so majestätisch wirkende Bau sieht von hinten betrachtet nämlich gar nicht mehr so königlich souverän aus wie von seiner Schokoladenseite.

Er ist in weiten Teilen eingerüstet, und das, was auf einer großen Bautafel steht, darf man ruhig wortwörtlich nehmen: „Aufbruch Bayern – Zukunft bauen“. Aufgebrochen hat man nämlich die breiten Treppenanlagen, die hinunter zur Donau führen, und, ihrer steinernen Stufen beraubt, geben sie ihr Innenleben preis, das aus einem fast filigran wirkenden Unterbau aus Ziegeln besteht (...).

Vorbei an dorischen Säulen, von bayerischen Steinmetzen vor 170 Jahren kanneliert, begeben wir uns zum Eingang des vom Zahn der Zeit angenagten Heiligtums (...). Eine fein säuberlich einlaminierte und mit der Unterschrift des Verwalters versehene Mitteilung, die von innen an der Glasscheibe pappt: Man weise auf Grund häufiger Rückfragen daraufhin, dass „unsere Maria Theresia, die Gründerin des Ordens der Armen Schulschwestern“ und Mutter Teresa „zwei verschiedene Persönlichkeiten“ seien. Der allseits hochgeschätzte Engel der Armen könne als „Albanerin trotz ihrer Verdienste“ niemals Eingang in Ehrentempel finden, da sie als solche nicht zu den „Größen Teutscher Zunge“ gehöre, für die Ludwig seine Walhalla nun mal reserviert habe. Und 20 Jahre tot – die zweite von Ludwigs Bedingungen für eine Aufnahme in seine Ruhmeshalle – sei sie darüber hinaus auch noch nicht. Pech gehabt, Mutter Teresa.

Dafür haben geschichtsnotorische Kriegshandwerker wie der Landsknechtsführer Georg von Frundsberg und Albrecht Wallenstein die vom König gesetzten Hürden mit ebensolcher Leichtigkeit genommen wie der Antisemit Richard Wagner und der von den Nazis posthum zum arischen Komponisten erklärte Anton Bruckner (...).

Auch wenn man zwischen den marmornen Gesichtern hin und wieder spät hinzugefügte Feigenblätter entdeckt wie den 2010 für würdig befundenen Heinrich Heine, den 1999 hinzugekommenen Albert Einstein oder die 2003 nach längeren Querelen in den erlauchten Kreis aufgenommene Sophie Scholl, beschleicht einen doch auf Schritt und Tritt das Gefühl, dass man den meisten der hier geehrten Persönlichkeiten im wirklichen Leben lieber nicht begegnet wäre (...).

„Der wahre Skandal“, sagt Schleich und wechselt, während er den Kopf zwischen die Schultern zieht, abrupt die dialektale Klangfarbe, „ist doch etwas ganz anderes. Ein Skandal, meine Damen und Herren, ist es, dass ICH nicht in diesem ominösen Bauwerk vertreten bin.“ Und in der Tat: Warum ist ER nicht hier, Franz Josef der Große, wo doch Konrad Adenauer, seinem Mitstreiter in der Spiegel-Affäre, seit 1999 die ziemlich sauertöpfisch dreinblickende Büste Nummer 118 gewidmet ist? Schließlich erfüllt Franz Josef Strauß auf vorbildliche Weise die vom König gesetzten Aufnahmekriterien: Albaner war er keiner, und seit 20 Jahren tot ist er auch.

Befreiungshalle

Aber der schwarze Herrscher, der sich immer wieder in unsere Reisen drängt, interessiert uns im Augenblick weniger. Uns geht es um seinen fernen Vorgänger König Ludwig, auf dessen Spuren wir heute wandeln und der auch bei Kelheim eines seiner steinernen Vermächtnisse in die Landschaft gestellt hat: die Befreiungshalle. (...) Eines muss man dem König wirklich lassen: Er hat sich für seine architektonischen Ausrufezeichen die schönsten Plätze ausgesucht (...). Wieder empfängt uns ein riesiger Parkplatz. Die Frau am Kassenhäuschen hat die gleiche robuste Figur wie ihre Kollegin am Walhalla-Parkplatz, trägt die gleiche gelbe Warnweste und knüpft uns mit genau den gleichen Sprüchen genau die gleiche Parkgebühr ab, was in uns sofort den Verdacht nährt, dass die Betreiberfirma dieser Parkplätze entweder diese Frauen klont oder einen speziellen Coach für die Schulung von Parkplatzamazonen an bayerischen Nationaldenkmälern beschäftigt.

Wir (...) lassen unter den kritischen Blicken einer Graujacke unsere brav gekauften Karten vom automatisierten Einlassroboter einziehen (...), dann endlich löst sich mit einem gnädigen Klicken der Metallbalken und gewährt uns Einlass. (...) . Drinnen sieht man sich einem gewaltigen Kreis von 34 überlebensgroßen, sich an den Händen haltenden Frauengestalten gegenüber, die in ihren weich fließenden Marmorroben auf den ersten Blick aussehen wie esoterisch angehauchte Hausfrauen bei griechisch-römischer Synchron-Gymnastik.

So gesehen müssten auf den goldenen Rundschilden zwischen ihnen die Atomkraft-Nein-Danke-Sonne oder die Anti-Gentechnik-Tomate prangen, aber da liest man ganz andere Dinge: „Schlacht von Großbeeren“ oder „Treffen bey Banigkow, V.“ Was sonst? Schließlich sind die Damen an ihren steinernen Flügeln unschwer als Siegesgöttinnen zu erkennen, und auf den Tafeln hat der bayerische König jedes auch noch so unbedeutende Scharmützel aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon verewigen lassen (...).

Das muss man sich einmal vorstellen: Da geht in den Jahren zwischen 1848 und 1866 überall in den Klein- und Mittelstaaten des Deutschen Bundes die Angst vor einem alles sich einverleibenden Preußen um, da versucht Ludwigs Sohn Maximilian verzweifelt, sein Land auf einem Kurs zu halten, der dessen staatliche Eigenständigkeit bewahrt. Und was macht sein Vater, der Herr Ex-König? Er hat nichts anderes im Sinn, als mit seiner Befreiungshalle preußischem Militarismus und alldeutscher Großmannssucht ein monumentales Denkmal zu setzen.

Eine bayerische Doppelzüngigkeit, die sich auch später immer wieder mal zeigt. Wenn Bayern den Hitlerputsch im Gewehrfeuer seiner Polizisten scheitern lässt, danach aber dem Wiederaufstieg der Nazis fast tatenlos zusieht; wenn Bayern das Grundgesetz ablehnt und trotzdem nach 1945 keine Anstalten macht, wieder ein vollwertiger Staat zu werden; wenn heute die CSU gegen europäische Regelungssucht wettert und gleichzeitig Direktiven aus Brüssel mit musterschülerhaftem Übereifer in Verordnungen gießt, dann zeigt sich überall dieses ganz spezielle Janusgesicht unter dem gamsbartgeschmückten Trachtenhut.

Stefan Dorner

Hier geht's zu Teil 1 der Serie: München - Hauptstadt der Schnösel

Hier geht's zu Teil 2 der Serie: Das ist der Gipfel

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