DAK präsentiert Schock-Studie

München dopt sich krank: Immer mehr schlucken Pillen

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Pillen im Kopf: Immer mehr dopen sich für den Job – was nicht lange gut geht.

München -Die DAK schlägt Alarm! Noch wie waren so viele Münchner wegen psychischer Beschwerden krank geschrieben wie voriges Jahr. Der Grund: Zu viel Stress im Büro, Angst um den Job, der zunehmende Zwang, ständig erreichbar zu sein.

Gleichzeitig versuchen immer mehr Berufstätige, sich mit Medikamenten fit zu halten (siehe unten). Eine gefährliche Strategie mit unabsehbaren Folgen, warnt die Krankenkasse.

Die Zunahme der psychischen Erkrankungen in Bayern.

Jeden Tag waren in München von 1000 Arbeitnehmern 28 krank geschrieben. Das sind 2,8 Prozent – im Vergleich zu Deutschland (3,9 Prozent) und Bayern (3,4 Prozent) relativ wenige – nur im Landkreis Starnberg liegt die Quote mit 2,6 Prozent niedriger. Was aber den Münchner DAK-Chef Günter Köll umtreibt, ist der rasant ansteigende Anteil der psychischen Erkrankungen an den Arbeitsunfähigkeits-Diagnosen. Die von Depressionen oder Angstzuständen verursachten Fehltage stiegen um mehr als zehn Prozent und waren 2014 für fast jeden fünften Krankheitstag verantwortlich. Damit haben psychische Beschwerden mit 19,7 Prozent die Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (17,9 Prozent) und der Atemwege (16,6 Prozent) überholt. Doch Psychostress kann auch die Ursache für körperliche Beschwerden sein, weiß Iris Dawid, Heilpraktikerin für Psychotherapie. „Es heißt ja nicht umsonst, dass etwas einem auf den Schultern lastet, dass man etwas nicht mehr hören kann oder jemanden etwas auf den Magen schlägt.“

Diese Präparate nehmen die Beschäftigten.

Die Ursachen für die psychischen Probleme der Beschäftigten sieht DAK-Chef Kröll „im zunehmenden Arbeitsdruck“, der dadurch verschärft werde, dass Arbeitnehmer immer häufiger auch abends erreichbar sein müssen. „Schon ein mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit nach Feierabend ist mit einem erhöhten Risiko verbunden, an einer psychischen Störung zu erkranken“, so Köll. Und dann gebe es immer mehr Menschen, die nur mit Zeitverträgen ausgestattet sind oder unter prekären Arbeitsverhältnissen leiden. „Das verschärft die psychischen Belastungen weiter“, so Kröll. Sein Fazit: „Heutzutage ist die Bäckereifachverkäuferin ebenso von Burnout bedroht wie der Manager.“

Besonders gefährdet seien aber Berufsanfänger, ergänzt Iris Dawid: „Sie müssen sich im Job beweisen und stehen unter besonderem Druck.“ Sie sieht auch den Konkurrenzdruck der Arbeitnehmer kritisch. „Das hört selbst abends nicht auf, wenn man mit den Kollegen zum Kegeln gedrängt wird. So kann man nie abschalten.“

Pillen! Rasanter Anstieg

Ein gefährlicher Trend: In Bayern nehmen 117.000 Beschäftigte mindestens zwei Mal im Monat verschreibungspflichtige Medikamente, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder Stress abzubauen. „Alleine in München dopen sich mehr 15.000 Angestellte regelmäßig für den Job“, so Münchens DAK-Chef Günter Köll. 7,2 Prozent der Beschäftigten in Bayern haben sich einmal mit Psychopillen gedopt – die Dunkelziffer eingerechnet, schätzt Köll die Zahl auf zwölf Prozent. Köll: „Häufig werden Betablocker und Antidepressiva eingesetzt, auch Wachmacher und ADHS-Pillen.“ Zwischen 2011 und 2013 registrierte die DAK einen Anstieg der Verschreibungen von methylphenidathaltigen Medikamenten, die etwa in Ritalin enthalten sind, um 68 Prozent! Längst versuchen auch Erwachsene, sich mit der Anti-Zappelphilipp-Pille für den Job zu beruhigen.

Auslöser für den Pillen-Missbrauch: „Hoher Leistungsdruck, Stress, Überlastung.“ Das Besorgniserregende: Es handelt sich um rezeptpflichtige Medikamente, die zu knapp 54 Prozent vom Arzt verschrieben werden. Wie das möglich ist? „Es gibt Ärzte, die haben einen bestimmten Ruf.“ Es gebe aber auch Anleitungen im Internet, in denen erklärt wird, welche Symptome man einem Arzt schildern muss, um Psychopillen verschrieben zu bekommen. Andere Wege, um an Psychopillen zu kommen: Kollegen, Verwandte oder Bekannte, die die Pillen verschrieben bekommen haben (14,1 Prozent), Privatrezepte (13 Prozent) oder Internet-Apotheken (8,5 Prozent). Köll warnt: „Die Nebenwirkungen und Suchtgefahren sind enorm.“ Psychiatrie-Heilpraktikerin Iris Dawid: „Es ist schlichtweg unmöglich, das Gehirn dauerhaft zu pushen. Der Absturz ist vorprogrammiert. Sogar Gewebe kann absterben.“

Daran leiden die Münchner

Psychische Erkrankungen 19,7 %
Muskel-Skelett-System 17,9 %
Atmungssystem 16,6 %
Verletzungen 12,0 %
Neubildungen 5,2 %
Infektionen 4,9 %
Verdauungssystem 4,7 %
Nervensystem, Augen, Ohren 4,3 %
Kreislaufsystem 4,3 %
Äußere Ursacehn und Faktoren 2,2 %
Sonstige 8,2 %

Anteil am Krankenstand

„Depression ist kein Tabu mehr“

Er war von 1989 bis 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, inzwischen fungiert Professor Florian Holsboer als Geschäftsführer von HMNC Brain Health. Für die tz analysiert der renommierte Depressionsforscher die Ergebnisse des DAK-Reports:

Herr Professor Holsboer, was ist aus Ihrer Sicht der Grund für den massiven Anstieg der psychischen Erkrankungen?

Prof. Florian Holsboer: Ob die Krankheit tatsächlich häufiger auftritt, vermag ich nicht zu beurteilen. Fest steht jedenfalls, dass sie öfter diagnostiziert wird. Wir waren also mit unserer Anti-Stigma-Kampagne erfolgreich. Sportler, Unternehmer, Musiker – viele Promis haben ihre Erkrankung öffentlich gemacht. Da fällt es leichter, sich selbst dazu zu bekennen. Es ist kein Tabu-Thema mehr.
Dennoch gibt es wohl genügend Gründe, dass die Fälle auch tatsächlich zunehmen …
Prof. Holsboer: Absolut! Wir haben heute zwar kürzere Arbeitszeiten als früher, aber die Aufgaben müssen ja trotzdem erledigt werden. Diese Verdichtung ist belastend. Der rapide Wandel durch die Digitalisierung setzt vor allem ältere Arbeitnehmer unter Stress. Bei psychischen Erkrankungen spielt aber auch die Veranlagung eine große Rolle.

Was raten Sie Arbeitnehmern, die sich zunehmend gestresst fühlen?

Prof. Holsboer: Die sollten sich fragen, ob ihr Stress wirklich nur durch die Arbeit entsteht. Oder brummen sie sich vielleicht auch in der Freizeit zu viel auf? Jeder will heutzutage alles optimieren. Dabei sollte man die Gesamtstress-Situation beachten. Mein Rat: genügend schlafen und die Balance zwischen Arbeit und stressfreier Freizeit halten.

Viele Arbeitnehmer kennen oft keinen anderen Ausweg mehr als „Hirndoping“. Wie gefährlich sind die Präparate?

Prof. Holsboer: Ritalin ist ein häufig verschriebenes Medikament in solchen Fällen. Das hilft aber nur bei bestimmten Diagnosen. Und die richtig zu stellen, ist das große Problem der Forschung. Da greift man schnell zum falschen Präparat. Gefährlich finde ich den Trend zur Selbst-Optimierung, der auch vor dem Gehirn nicht Halt macht.

Johannes Welte/ Sebastian Arbinger

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