Das Geheimnis der Hexe aus dem Wald

So lag das Skelett im Grab. Bizarr: Ein Knochen fehlte! Ein Wanderer hatte ihn gefunden und als Spazierstock missbraucht.

Furchtsam schleppt eine Gruppe Männer ein dunkles Bündel durch den Wald – es sind ungeschlachte Bergbauern, Schafzüchter. Die Angst vor Magie treibt sie zur Eile.

Wird sie der böse Blick treffen? Denn sie tragen das unheimliche Weiblein, die Heilerin. Sie ist tot, doch ob ihre Zaubermacht noch wirkt? Hier, im Schatten der Tiroler Alpen, weit weg von ihrem Bergdorf Tarrenz im Gurgltal, vergraben sie die Leiche und eilen heim in ihre Hütten. Schaudernd wagen sie keinen Blick mehr zurück …

400 Jahre streichen ins Land. Ob sich das Begräbnis wirklich so zugetragen hat, kann heute niemand mehr sagen, aber fest steht: Jetzt gab die Erde das Bündel wieder frei. Das Skelett einer Hexe! George McGlynn (44), Konservator an der Staatssammlung für Anthropologie in München, hat es wie ein CSI-Agent seziert und seine Vergangenheit erforscht.

Ein Sondengänger, der mit dem Detektor am Waldboden nach Metall suchte, hatte das Grab entdeckt und sofort Alarm geschlagen beim Institut für Archäologie der Universität Innsbruck. Grabungsleiter Prof. Harald Stadler barg das Skelett, in einer Kiste verpackt landete es nun auf dem Tisch des Anthropologen McGlynn. Der ist absolut begeistert: „Das ist ein außergewöhnlicher Fund, eine Rarität!“

Er säuberte die Knochen und untersuchte sie vom Zeh bis zum Schädel. Das Ergebnis: Es ist eine Frau, 30 bis 40 Jahre alt, 1,61 Meter groß, von „graziler“ Gestalt. Anfang des 17. Jahrhunderts starb sie wohl – unter mysteriösen Umständen… Denn richtig unheimlich sind die Grabbeigaben, die Stadler fand – im Halbkreis um ihren Schädel angeordnet: Neben einer Münze und Schere, einem Fingerhut und einem Schlüssel rätselhafte Amulette und Perlen. Beschwor die Frau damit Glück oder Pech für die Bauern herauf? Auch sechs „Schröpfköpfe“ lagen bei ihr. „Die erhitzte man am Feuer und legte sie wie einen Saugnapf auf die Haut“, erklärt McGlynn. So heilte man damals zum Beispiel Muskelzerrungen. Mittlerweile nennen die Forscher die Frau „die Heilerin vom Strader Wald“. Denn: „Alles spricht dafür, dass ihr die Menschen übermenschliche Kräfte zuwiesen.“ Etwa die Tatsache, dass sie so weit weg von ihrer Siedlung entfernt begraben wurde: aus Furcht vor ihren magischen Kräften? Hinzu kommt: Sie wurde mit dem Kopf nach unten bestattet. „Offenbar hatte man Angst, dass ihr Blick an die Oberfläche dringt, und wollte, dass ihre Kräfte sich in den Boden richten.“

Doch wie starb die Hexe? Eine Theorie: „Man sieht die Spuren großer Kieferabszesse.“ Die Hexe hatte Zahnweh! „Sie könnte an einer Sepsis gestorben sein.“ Theorie zwei: Die Heilerin lebte in Zeiten der Hexenverfolgung. Wurde sie ermordet, weil man ihre überirdische Macht fürchtete? Oder wurde sie in einem heidnischen Ritus gelyncht? Kann durchaus sein, meint der Münchner Wissenschaftler: „Spuren von tödlichen Verletzungen haben wir nicht gefunden, aber mit einer Schnur um den Hals kann ein Mensch erdrosselt werden, ohne dass es Spuren an den Knochen hinterlässt.“ Bleibt ein Rätsel: Warum ist das Skelett so gut erhalten? „Bei im Wald vergrabenen Leichen lösen Wurzeln normal eine bestimmte Fäulnis aus.“ Bei der Hexe nicht …

Momentan wird ihr Skelett noch in München archiviert. Womöglich wird es aber bald in Tirol ausgestellt. Dann können die Ahnen der Tarrenzer Bergbauern die Heilerin besuchen – die übrigens auch heute noch einen Hang zur Magie haben: Zur Fasnacht tanzen sie als wilde Gestalten verkleidet durch den Ort. Tarrenz wird auch das „Hexendorf“ genannt …

Andrea Stinglwagner

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

Liste: Das sind die 40 reichsten Familien aus München und Umland - darunter 12 Milliardäre
Liste: Das sind die 40 reichsten Familien aus München und Umland - darunter 12 Milliardäre
Nach Bombendrohung in Köln: Auch München und Bremen betroffen - Täter aus dem rechten Spektrum?
Nach Bombendrohung in Köln: Auch München und Bremen betroffen - Täter aus dem rechten Spektrum?
München: Seltsam gekleideter Mann sorgt mit Axt in U-Bahn für Aufregung - dann wird es kurios
München: Seltsam gekleideter Mann sorgt mit Axt in U-Bahn für Aufregung - dann wird es kurios
Münchner Porsche-Fahrer mit drastischer Aktion auf Autobahn - verrücktes Video im Netz
Münchner Porsche-Fahrer mit drastischer Aktion auf Autobahn - verrücktes Video im Netz

Kommentare