Bau vor 90 Jahren

Das Juwel im Hinterhof - fast vergessene Synagoge wird saniert

90 Jahre Synagoge Reichenbachstraße
+
Soll bald wieder in neuem (altem) Glanz erstrahlen: Die Synagoge in der Reichenbachstraße.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Genau so erging es der Synagoge in der Reichenbachstraße. Dabei ist das Gotteshaus ein wahres Juwel, das nun saniert werden soll.

Zufällig kommt hier niemand hinein. Denn dieses Münchner Juwel liegt hinter dunklen Türen versteckt: die Synagoge in der Reichenbachstraße. Sie war beinahe in Vergessenheit geraten, dabei ist sie doch so wertvoll – ein wahrer Schatz im Hinterhof. 90 Jahre nach ihrem Bau soll sie nun komplett saniert werden.

„Die Synagoge gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten Münchens und ist mit ihrem Stil der neuen Sachlichkeit ein Juwel der internationalen Baugeschichte“, sagt Rachel Salamander. Die Buchhändlerin und Literaturwissenschaftlerin will dieses Schmuckstück retten. Denn seitdem die Synagoge 2006 nicht mehr gebraucht wird, droht ihr der Verfall. Das konnte und wollte Salamander einfach nicht hinnehmen. Also gründete sie 2013 mit dem Rechtsanwalt Ron C. Jakubowicz den Verein „Synagoge Reichenbachstraße e. V.“.

Von der Straße aus, ist der Bau im Hinterhof nicht zu erahnen.

Die Sanierung der Synagoge bewahre der jüdischen Gemeinschaft den einzig erhaltenen Vorkriegsbau des Münchner Judentums und gebe der Stadt München und ihren Bürgern ein einzigartiges Kunstdenkmal zurück, erklärt Salamander. Und auch für die 72-Jährige selbst hat die Synagoge eine besondere Bedeutung, war sie doch 40 Jahre ihre religiöse Heimat. Ziel ist es, das Gebäude nach dem Vorbild des Originalbaus von 1931 zu restaurieren.

Bewegte Geschichte der Synagoge Reichenbachstraße

Damals war es vom Architekten Gustav Meyerstein geplant worden. Nur fünf Monate dauerte 1931 der Bau der Synagoge in der Reichenbachstraße. Passgenau wurde sie in einen Hinterhof zwischen Isar und Gärtnerplatz gesetzt und am 5. September 1931 eingeweiht. Vor dem Hintergrund des aufkeimenden Nationalsozialismus sei die Synagoge „zurückhaltend und schlicht“ gewesen, aber mit auffallender Farbgestaltung. „Es muss ein wahrer Farbenrausch gewesen sein“, sagt Salamander.

Bevor es zum Bau kam, hatten sich zwei jüdische Betvereine zusammengeschlossen, die hauptsächlich von Zugewanderten aus Osteuropa gegründet worden waren. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge verwüstet und in Brand gesetzt. Die Feuerwehr löschte die Flammen, da sie drohten, auf Nebengebäude überzuspringen. Zur Zeit des NS-Regimes wurde die Synagoge zweckentfremdet. 1943 wurde das gesamte Gebäude veräußert. Eine Kfz-Werkstatt ließ sich dort nieder, andere Räume wurden als Warenlager genutzt.

Rachel Salamander setzt sich für die Sanierung ein

Die „Reichenbachschul“, wie die Synagoge von den Juden auch genannt wird, überstand jedoch den Zweiten Weltkrieg und wurde 1947 wieder eingeweiht – als Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, mit 330 Männerbetstühlen und 220 Frauenbetstühlen auf der Empore. Die Hauptsynagoge blieb sie auch, bis sie 2006 von Ohel Jakob am Jakobsplatz abgelöst wurde – und beinahe in Vergessenheit geriet. Bis Salamander 2011 eher zufällig dort vorbeikam und es ihr „einen Stich versetzte“, als sie das verfallene Gotteshaus sah.

Rachel Salamander setzt sich für die Sanierung der Synagoge ein.

Also handelte sie. „Unsere Generation darf nicht nur über die Zerstörung der Nazis am Judentum klagen, sondern muss selbst Verantwortung übernehmen“, sagt sie. Es folgte aufwenige Recherchearbeit, um so viel wie möglich über die Synagoge zu erfahren und mit der Sanierung möglichst nah an den Originalbau von 1931 zu kommen. „Wir konnten durch das Abtragen von Farbschichten die ursprüngliche Farbe sehen, wie es damals auch beschrieben war“, berichtet Ron C. Jakubowicz. „Das war dieses Hellblau und durch das Glas an den Decken, das gelblich war, ergab sich dann dieser Türkiston.“

Die Sanierung soll rund zehn Millionen Euro kosten und wird zu je einem Drittel von der Stadt, dem Freistaat und dem Bund finanziert. Wann sie fertig ist, steht noch nicht fest. Klar ist aber: Der Bau soll voll ritusfähig und für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Geplant sind zum Beispiel auch Unterricht für Schulen und kulturelle Veranstaltungen.

So soll die Synagoge nach der Sanierung aussehen.

Interessierte

haben ab Mittwoch für einige Wochen die Möglichkeit, die Baustelle zu besichtigen. Und zwar immer mittwochs (17 Uhr) und sonntags (11 Uhr). In der Synagoge geben Audio- und Filmbeiträge Auskunft über die Bau- und Stadtteilgeschichte, kombiniert mit persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Anmeldung notwendig. Infos gibt´s im Netz unter www-juedisches-museum-muenchen.de.

Auch interessant

Kommentare