Senioren erzählen über ihren Corona-Alltag, ihre Ängste und ihre Hoffnungen

Das Leben im zweiten Lockdown - So lange hat ein Münchner seine Enkel nicht gesehen

Josef Stöcher im Portrait im Freien.
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Josef Stöcher hat seine Enkel seit acht Monaten nicht gesehen. Trotzdem bleibt er optimistisch.

Fast acht Monate ist der erste Lockdown inzwischen her. Acht Monate, die unser aller Leben veränderten. Besonders treffen die Corona-Einschränkungen oft Senioren, da sie zur Risikogruppe gehören. Hier schildern Münchner ihr Leben im zweiten Lockdown.

  • Die Corona-Maßnahmen schränken besonders Senioren ein.
  • Der zweite Lockdown ist oft eine Herausforderung.
  • Viele verlassen nur noch zum Einkaufen das Haus.

Senioren gehören per Definition zur Corona-Risikogruppe, haben somit ein höheres Risiko für einen schwereren Verlauf, sollten sie sich mit dem Coronavirus anstecken. 205.389 Menschen über 70 Jahre leben derzeit in München. Für viele ist der Alltag seit vielen Wochen und Monaten stark verändert. Manche gehen nur noch zum Einkaufen vor die Tür, andere haben ihre Verwandten seit März, sprich seit dem ersten Lockdown, nicht mehr gesehen - andere habe täglich Angst vor einer möglichen Ansteckungen. Hier schildern Münchner Senioren ihr Leben im zweiten Lockdown.

Durch Corona: Die Kontakte werden intensiver

Ex-Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl bleibt positiv - auch im zweiten Lockdown.

Ängstlich ist Gabriele Weishäupl von Haus aus eher weniger. Daher wundert es kaum, dass die ehemalige Wiesn-Chefin versucht, auch dieser harten Zeit etwas Positives abzugewinnen. „In solchen Situationen kann man auch gewinnen: an Stärke und Bewusstsein für die wichtigen Dinge im Leben.“ Dabei gibt die 73-Jährige zu, dass das beim ersten Lockdown im März noch anders aussah. „Da waren der erste Schock und die Sorgen größer.“ Weishäupl hat sich mit den Maßnahmen arrangiert. „Selbstverständlich halte ich alle Vorgaben ein, zum eigenen Schutz und für meine Mitmenschen“, betont sie. Ihre persönlichen Kontakte hat sie reduziert. Auch hier sieht sie wieder das Positive. „Die Kontakte sind vereinzelter geworden, aber dafür intensiver.“ Da wird das Tee-Trinken mit einer Freundin zu etwas ganz Wertvollem.

Corona-Lockdown: Hauptsache wir sind gesund

Walter und Heidi Köhl haben schon viel erlebt, daher fehlt ihnen im Lockdown nicht so viel. Sie sagen: „Hauptsache, wir sind gesund.“

Walter Köhl lebt momentan vorsichtig. „Man traut sich ja nirgendwo hin“, sagt der 73-Jährige. Eigentlich wollten er und seine Frau Heidi (73) für eine Woche in den Bayerischen Wald, aber das haben sie verschoben. Außer Haus gehen sie derzeit nur zum Einkaufen und für Spaziergänge. Seine Schwester hat Walter Köhl schon seit fast sechs Wochen nicht gesehen. „Ihr Mann ist krank und sie traut sich nicht, mit der S-Bahn zu fahren“, erzählt er. Auch den Geburtstag seiner Frau werden sie nur zu zweit begehen. „Eine Feier holen wir dann 2021 nach“, ist er sich sicher und betont: „Wir sind einfach froh, dass wir uns haben.“ Wichtig ist für Köhl, dass er und seine Frau gesund sind. „Wir haben so viel erlebt und gesehen“, sagt der 73-Jährige. „Da vermisst man nicht so viel.“

Corona-Lockdown: Das Telefon hilft mir durch die Zeit

Johanna Sebald vertreibt sich die Zeit mit Telefonaten.

Für Johanna Sebald wurde das Leben ordentlich ausgebremst, quasi von 100 auf 0 herunter. Denn eigentlich ist die Münchnerin immer gut beschäftigt – geht gerne ins Kino, besucht Konzerte oder die Wassergymnastik. „Das alles fällt jetzt durch Corona weg.“ Das erinnere stark an den ersten Lockdown. „Da war mein Zuhause mein Leben.“ Mit Kontakten ist sie vorsichtig. „Persönliche Treffen fehlen“, erzählt sie. Gut, dass es das Telefon gibt, damit bleibt die rüstige Rentnerin in Kontakt. Immer wenn sie die Lust auf einen Plausch hat, greift sie zum Hörer. „Unter der Woche telefoniere ich manchmal den ganzen Vormittag“, erzählt sie und lacht. Mitgefühl hat sie vor allem mit den Menschen, die nun um ihre Existenz bangen müssen. „Da gibt es viel Elend“, sagt sie und seufzt.

Vieles ist unpersönlich

Josef Stöcher hat seine Enkel seit März nicht mehr gesehen. Er wohnt im Betreuten Wohnen an der Rümannstraße.

Seit März hat Josef Stöcher seine Enkel nicht mehr gesehen. Das Risiko, dass der 95-Jährige sich und andere Heimbewohner des Münchenstifts anstecken könnte, ist zu groß. „Natürlich schürt die Pandemie Ängste“, sagt Stöcher, der im Betreuten Wohnen an der Rümannstraße lebt. Vor allem die Stimmung unter den Bewohnern fällt mit den steigenden Infektionszahlen. „Es ist alles so unpersönlich, nichts geht mehr ohne Maske, und unsere Liebsten dürfen wir nur mit viel Abstand sehen.“ Der Ruheständler versucht positiv zu bleiben: „Bevor ich trauere, bringe ich lieber andere zum Lachen – es bringt ja nichts, sich zu beschweren.“ Weil Stöcher gerade nicht viel rauskommt, beschäftigt er sich im Heim: Mal gibt er einen Gymnastikkurs, mal kümmert er sich um den dortigen Garten – und dann hat er auch noch seine Musik: „Damit hört man sich von Sorgen frei.“

Angst vor Ansteckung

Herbert und Hertha Topfstädt genießen die Zeit mit Hündin Bärli.

Ein wenig Normalität hatten sich Herbert (79) und Hertha (78) Topfstädt vor dem zweiten Lockdown bewahrt. Sonntags sind die Münchner regelmäßig zum Essen gegangen. Doch auch schon damals galt: Alles, was nicht nötig ist, ließen sie weg. Jetzt gehen sie nur noch für Besorgungen oder für die Spaziergänge mit ihrer Hündin Bärli raus. Besuch empfangen sie derzeit nicht, die wöchentliche Kartenrunde fällt auch aus. Schließlich seien sie alle im selben Alter. „Ich muss zugeben, dass ich schon ein wenig Angst davor habe, mich anzustecken“, räumt Herbert Topfstädt ein. Und der Pensionist ergänzt: „Oder eben auch jemanden anderen anzustecken.“Aber Herbert und Hertha machen das Beste daraus. Gemeinsam sehen sie TV, lesen oder unterhalten sich. Herbert Topfstädt sagt: „Ich bin wirklich sehr froh, meine Frau zu haben.“

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