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Datenskandal: In diesem Adressbuch stehen sogar Babys

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Das Adressbuch, in dem selbst alle Kinder verzeichnet sind

Eching - In Eching gibt es einen faustdicken Datenskandal: Im Adressbuch sind auch alle Babys, Kleinkinder, Schüler und Teenager abgedruckt – mit vollem Namen und Adresse und zum Teil auch Telefonnummer der Eltern.

Das Adressbuch der Gemeinde Eching im Landkreis Freising ist heuer deutlich umfangreicher als in allen Jahren zuvor. Was definitiv nicht an einer überraschenden Zuzugs-Welle, sondern vielmehr an einem faustdicken Datenskandal der örtlichen Gemeindeverwaltung liegt.

Denn: Im Adressbuch sind heuer nicht nur alle erwachsenen Einwohner mit Adresse und teilweise auch Telefonnummern verzeichnet. Erstmals sind heuer auch alle Babys, Kleinkinder, Schüler und Teenager abgedruckt – mit vollem Namen und Adresse und zum Teil auch Telefonnummer der Eltern! Ein datenschutzrechtlicher Super-Gau, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Denn das „Das Grüne Nordost“ – so heißt das Adressbuch für die Gemeinden Ismaning, Unterföhring, Ober- und Unterschleißheim, Neufahrn, Ismaning, Garching und eben auch Eching wurde bereits in einer Auflage von 45 000 Exemplaren an alle Haushalte verteilt.

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In Sorge um die Kinder: Die Echinger Mutter Ulrike T. (Name geändert) mit ihren fünf Kindern, die wegen einer Datenpanne alle mit vollem Namen und Adresse, aber glücklicherweise ohne Telefonnummer im Adressbuch der Gemeinde Eching stehen © Lehmann

Mutter Ulrike T. (Name geändert) bekam vor wenigen Tagen abends einen Anruf von ihrer Mutter, die soeben die Namen all ihrer fünf Enkelchen Tim (14), Julia (12), Maximilian (11), Lara (8) und Jonathan (7) im Adressbuch wiedergefunden hatte: „Anhand der Vornamen ist sonnenklar, dass es sich dabei um Kindernamen handelt. Ein Leitfaden für Pädophile. Wir sind total entsetzt und in großer Sorge. Mal ganz abgesehen davon, dass unsere Kinder vermutlich schon bald mit einer Werbeflut überhäuft werden.“ Ulrike T. wendete sich an die Gemeinde und bekam die Auskunft: „Von uns können die Daten nicht stammen!“ Also wandte sich Ulrike T.an den Münchner Industrie- und Handelsverlag, der das Adressbuch auflegt.

Dort ist das Entsetzen groß: „Wir haben die Einwohner-Namen von der Gemeinde Eching per CD-Rom bekommen“, bestätigte eine Sprecherin gestern. „Weil wir keine Geburtsdaten bekommen, müssen wir uns darauf verlassen, dass die Gemeinden lediglich die Daten der Geburtenjahrgänge ab 1992 übermitteln.“ Die CD-Rom mit den Kinderdaten wurde wieder an die Gemeinde zurückgesendet. Dort hüllt man sich in tiefes Schweigen. Seit der ersten tz-Anfrage am Dienstag konnten sich weder Bürgermeister noch Gemeindeverantwortliche zu irgendeiner Erklärung durchringen. Auch der Bürgermeister war für Bürger und Öffentlichkeit gestern und vorgestern nicht zu sprechen.

Mittlerweile hat Ulrike T. einen Anwalt eingeschaltet. Auch die Gemeinde hat sich rechtlichen Beistand gesucht. So klären nun also die Juristen, wer diesen kapitalen Daten-Bock geschossen hat und ob die zahlreich betroffenen Familien Schadenersatzansprüche an die Gemeinde Eching geltend machen können.

Für Familie T. bleibt unterm Strich ein ganz blödes Gefühl: „Das jetzt jeder nachschlagen kann, wo in Eching die Kinder wohnen, das ist sehr beunruhigend.“

Dorita Plange

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