Das Dauer-Chaos in der Radl-Hauptstadt

+
Der ganz normale Wahnsinn: Mehrere Lieferwagen stehen auf dem Radlweg der Paul-Heyse-Straße – Gefahr von allen Seiten.

München - Die Stadt tritt gerne in die Pedale, wenn es darum geht, Werbung als Radl-Hauptstadt der Republik zu machen. Doch wenn man genauer hinschaut, schrillen – oder besser: klingeln die Alarmglocken.

 Denn auf vielen Strecken herrscht Alarmstufe Rot! Die Radwege sind nur notdürftig oder gar nicht von den Gehwegen abgetrennt, zudem fast nie rot markiert. Folge: Unfälle zuhauf (siehe unten). Die tz hat eine Stunde lang den verheerenden Verkehr auf der Paul-Heyse-Straße beobachtet:

Vor einem Hotel stehen häufig Busse und versperren mit ihrem Heck den Fahrradweg.

Berufsverkehr in München – jeden Morgen das gleiche Chaos. Lieferwagen parken rücksichtslos auf Geh-und Radwegen, an Bushaltestellen, in zweiter Reihe. Radfahrer umkurven in gewagten Manövern die Falschparker, es kommt zu brenzligen Situationen mit Fußgängern. Reines Glück, dass sich meist keiner ernsthaft verletzt. Wie dreist an manchen Ecken in München Autos und Lieferwagen abgestellt werden – siehe etwa Paul-Heyse-Straße. Was hier innerhalb nur einer Stunde zwischen Bayer- und Schwanthalerstraße zu beobachten ist, lässt einem die Haare zu Berge stehen.

Kurz nach 12 Uhr an der Kreuzung mit der Bayerstraße: Ein weißer VW-Bus parkt frech mitten auf der Bushaltestelle Holzkirchner Bahnhof. Die Fahrgäste müssen sich an dem Transporter vorbeiquetschen. Um auf die andere Straßenseite zu kommen, müssen sie rechts an dem Transporter vorbei. Doch da lauert die nächste Gefahr: Radlfahrer, die mit Karacho von hinten heranbretten – oder als Geisterfahrer. „Mensch, passt’s doch auf!“, schreit einer in voller Fahrt. „Was soll ich denn machen, ich muss doch irgendwie vorbei!“, schimpft eine Mutter mit Kinderwagen zurück.

Fußgänger müssen auf den Radweg ausweichen, weil ein Lieferwagen falsch parkt.

Ein paar hundert Meter weiter Richtung Schwan­thalerstraße. Auf der Seite des Waschsalons stehen plötzlich fünf Autos halb auf dem Radlweg, ein roter Lieferwagen blockiert den Weg sogar komplett. Jetzt müssen die Radler auf den Gehweg, sich zwischen den Fußgängern durchschlängeln. Es ist eng, auch weil ein Radfahrer meint, entgegen der Fahrtrichtung unterwegs sein zu müssen. Den Fahrer mit dem roten Transporter kümmert das alles nicht: „Nicht mein Problem.“ Auf der gegenüberliegenden Seite parken jetzt gleich zwei Autos. Ein weißer VW-Bus auf dem Gehweg, ein Audi Q5 zwanzig Meter weiter auf dem Radlweg. Die Radler müssen Slalom fahrern, um die rücksichtslosen Falschparker herum – um die Fußgänger sowieso.

Die Polizei ist weitgehend machtlos. „Wenn wir Falschparker sehen, die auf dem Geh-oder Radlweg parken, werden die verwarnt. Aber wir können nicht überall sein“, sagt Polizeisprecherin Claudia Künzel. Problem dabei: Die Fahrer sind meist nach wenigen Minuten wieder zurück – und weg. Wird dann doch mal ein Falschparker in flagranti erwischt, muss er mit einer Verwarnung von 15 Euro rechnen. Behindert das Fahrzeug Radler oder Fußgänger, sind 25 Euro fällig. In der Paul-Heyse-Straße am Freitagmittag hagelte es keine Strafzettel – ein Streifenwagen war in dieser einen Stunde nicht zu sehen.

Radler-Unfälle steigen um fast die Hälfte!

Im vergangenen Jahr atmete die Münchner Verkehrspolizei auf: Innerhalb eines Jahres war die Zahl der Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern um 12 Prozent gesunken, die Zahl der verletzten Radfahrer sank sogar um 13 Prozent.

Doch schon im ersten Quartal diesen Jahres gab es lange Gesichter: Die Zahl der Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren, erhöhte sich auf 305, das bedeutet eine Zunahme von 42 Prozent! Dabei wurden 270 Radler verletzt, eine Zunahme von 50 Prozent. Fast die Hälfte der Unfälle haben die Radfahrer dabei selbst verursacht. Die häufigsten Unfallursachen sind: Missachtung von roten Ampeln und Vorfahrtsregeln mit 175 Unfällen. Es folgen falsche Straßenbenutzung (163) und Alkohol mit 128 Unfällen.

Jacob Mell

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Kita-Finder wird verbessert: Das ändert sich für Eltern
Kita-Finder wird verbessert: Das ändert sich für Eltern
Bezirksausschüsse: Was sie tun, wann sie tagen
Bezirksausschüsse: Was sie tun, wann sie tagen

Kommentare