Demjanjuk-Prozess: Der Angeklagte auf dem Liegebett

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Demjanjuks Bett im Gerichtssaal.

München – Der Angeklagte mimt den Scheintoten. Ohne Regung verfolgt der mutmaßliche Gehilfe im NS-Todeslager Sobibor, John Demjanjuk (90), vom Liegebett aus seinen Prozess. Seit einem Jahr.

Vergangener Dienstag, 10 Uhr, Saal 101A im Münchner Landgericht. Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch hat wieder seinen großen Auftritt. Er hatte Beweisanträge gestellt. Jetzt werden sie von Richter Ralph Alt zurückgewiesen. Punkt für Punkt, eine halbe Stunde lang. Nicht zum ersten Mal. Diesmal wollte Busch, dass das Gericht Akten besorgt – aus Russland, aus Litauen, Lettland, Estland, ja, er vergaß sogar Usbekistan nicht. Akten aus Usbekistan für ein deutsches Gericht – wenn das so einfach wäre. Buschs Strategie ist klar: Er will Zeit schinden und so eine Verurteilung Demjanjuks verhindern. Buschs Anträge werden immer abgelehnt, aber etliche Stunden hat das Gericht schon damit verbracht. Das ist bezeichnend für den Prozess, der schon seit einem Jahr im Landgericht München vor sich hin plätschert. Am 1. Dezember 2009 hatte er unter starken Medienandrang und scharfen Sicherheitsbestimmungen begonnen – damals standen Journalisten stundenlang bei beißender Kälte vor Gericht an. Mittlerweile gibt es bloß Routinekontrollen, nur noch vereinzelt kommen Medienvertreter.

Möglicherweise wird sich das bald ändern. Der Prozess befindet sich „auf der Zielgeraden“, wie es Rechtsanwalt Stefan Schünemann ausdrückt. Schünemann vertritt den Sobibor-Überlebenden Thomas Blatt, dessen Aussagen vor Gericht („Ukrainer wie Mister Demjanjuk haben uns bewacht“) einer der wenigen Höhepunkte waren. Mittlerweile ist die Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen abgeschlossen. Die restlichen Verhandlungstage wird das Gericht auf das Verlesen von Vernehmungsprotokollen verwenden – prozessural vorgeschrieben, aber mühselig.

Wie etwa am Dienstag. Blatt für Blatt zieht ein Polizist das Protokoll einer Aussage von Ignat Danilchenko über den Tageslichtprojektor. Reine Routine, niemand sieht hin, das Dokument ist auf Russisch, noch dazu handschriftlich. Der Inhalt ist ohnehin durch Übersetzungen bekannt: Danilschenko, dessen Verbleib heute ungeklärt ist, hat Demjanjuk gegenüber der sowjetischen Justiz 1949 und 1979 belastet – demnach ist Demjanjuk 1943 tatsächlich im Lager Sobibor gewesen, er soll auch Juden geschlagen haben. Das stützt die Anklage, nach der Demjanjuk in Sobibor bei der Ermordung von mindestens 27 900 Juden geholfen haben soll. Gerichtsentscheidend wird die Aussage nicht sein – der Münchner Historiker Dieter Pohl hat im Prozess darauf hingewiesen, dass die Aussagen unter Gewaltandrohung zustande gekommen sein kann. Ankläger Hans-Joachim Lutz setzt ohnehin eher auf eine indirekte Beweisführung. Demjanjuk war in Sobibor, er blieb dort, also ist er schuldig.

Durch zwei verschwurbelte Erklärungen, in denen er der Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Dritten Reichs das Recht absprach, über ihn zu urteilen, hat Demjanjuk sein Schweigerecht durchbrochen. Möglicherweise ein taktischer Fehler im Prozess. Rechtsanwalt Schünemann ist sich jedenfalls sicher, dass Demjanjuk zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt werden wird. Noch ist es nicht soweit. Noch werden Protokolle verlesen – gerade erst hat Richter Alt dafür Termine bis zum 2. März 2011 verkündet.

Drik Walter

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