Demjanjuk: Todkrank oder Simulant?

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Der Prozess um John Demjankuk ist schwer in Stocken geraten

München - Beim Prozess gegen John Demjanjuk ist auch nach einem Jahr kein Ende in Sicht. Viele fragen sich: Ist Demjanjuk todkrank – oder führt er die Justiz an der Nase herum?

Es herrscht nasskaltes Schmuddelwetter am 30. November 2009, als in München der wohl letzte große Naziverbrecher-Prozess in Deutschland beginnt. Ein Auftakt mit einer Blamage für die Münchner Justiz. John Demjanjuk ist angeklagt, an der Ermordung von 27 900 Juden im Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein. Jetzt, genau ein Jahr nach dem spektakulären Prozessbeginn, ist ein Ende des Verfahrens noch immer nicht in Sicht. Gerade hat Vorsitzender Richter Ralph Alt weitere Sitzungstermine bis zum 2. März bekannt gegeben. Für den mittlerweile 90 Jahre alten Angeklagten sind es „Liege-Termine“: Er lässt ich im Bett in den Gerichssaal schieben und niemand weiß, ob er den Worten seiner Dolmetscherin, die alles in Ukrainische übersetzt, überhaupt folgt. Alle fragen sich beim Anblick: Ist Demjanjuk todkrank – oder führt er die Justiz an der Nase herum?

Der Ansturm war gewaltig zu dem mit Spannung erwarteten Prozess. Zahlreiche Nachfahren der Opfer und hunderte von Journalisten aus aller Welt waren nach München gekommen, um eine besondere Art von „Gastfreundschaft“ zu erleben: Sie alle wurden trotz des miesen Wetters vor dem Gebäude eingepfercht. Die Verantwortlichen bei der Justiz hatten die glorreiche Idee, den mit Sperrgitteren errichteten Verhau „Demjanjuk-Sammelzone“ zu nennen. Erst nach stundenlangem Frieren wurde den Wartenden Einlass gewährt, was weltweit für Empörung sorgte.

Schon am ersten Verhandlungstag erweckt der Angeklagte den Eindruck, er sei kurz vor dem Sterben. Im Rollstuhl ließ er sich in den Sitzungssaal A 101 schieben und ließ mit teilnahmslosem Gesicht das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen.

In Stadelheimer Gefängnis, erzählen Insider, sei er wesentlich munterer. Dort befindet er sich wegen altersbedingerter Gebrechen zwar auf der Krankenstation. Im Zimmer K0 23 gebärdet er sich als netter älterer Herr und pflegt Kontakte zu Mitgefangenen. Vor allem zu Ukrainern, deren Sprache er spricht. Manchmal gibt er sogar ein Liedchen zum Besten, wird erzählt. Und herzlich lachen kann er auch.

Inzwischen sind die letzten Überlebenden der Gräueltaten von damals vor Gericht angehört worden. Auch zahlreiche Angehörige von Opfern und Sachverständige kamen zu Wort und haben den Angeklagten schwer belastet. Jetzt müssen sich die Richter durch die Aktenberge wühlen, an den meisten Verhandlungstagen werden nur Dokumente verlesen. Langeweile ist in den Prozess eingekehrt. Das Interesse der Medien ist mittlerweile gering.

Keiner interessiert sich mehr für die unzähligen Anträge von Verteidiger Ulrich Busch, der immer wieder versucht, das Gericht für unzuständig zu erklären. Seine Wortgefechte mit den Richtern haben längst keinen Unterhaltungswert mehr. Die Atmosphäre ist zermürbend.

Abwechslung in den zähen Prozess-Alttag bringt bisweilen nur der Angeklagte selbst, wenn er sich weigert, am Morgen aufzustehen. Immer wieder lässt das Gericht ihn dann zwangsweise vorführen. Sanitäter bringen ihn ins Strafjustizzentrum, wo er „bettfertig“ für den Prozess gemacht wird. Dann döst er oder tut so.

Wie krank ist Demjanjuk wirklich? Vergangenen Donnerstag wurde dazu mal wieder Prof. Christoph Nerl vom Klinikum Schwabing befragt. Er attestierte dem Angeklagten einen besseren Gesundheitszustand als kurz nach seiner Auslieferung aus den USA. Mit Hilfe seines Rollators könne sich der 90-jährige in Stadelheim prima alleine fortbewegen.

Anwalt Busch hakt nach, fragt nach der Lebenserwartung seines Mandanten. „Das ist eine Frage an einen Versicherungs-Mathematiker“, kontert Nerl. „Aus medizinischer Sicht kann ich dazu keine Auskunft geben. Busch bohrt weiter nach, bis dem Vorsitzenden Ralph Alt wieder mal der Kragen platzt: „Es geht ihnen nur darum, die Verhandlung in die Länge zu ziehen.“ Busch kontert: „Sie vergiften die Atmosphäre!“

Busch wird weiter Anträge stellen. Und das Gericht wird sie voraussichtlich wieder ablehnen - wie schon so oft. So zieht sich der Prozess immer mehr in die Länge. Ob es je zu einem Urteil kommt, steht in den Sternen.Demjanjuk kann es egal sein. So lange er sich in staatlicher Obhut befindet, ist medizinisch bestens für ihn gesorgt. Und im Vergleich zu einem normalen Pflegeheim kann er über Langeweise auch nicht klagen. Und keiner hat es im Prozess so bequem wie er.

Eberhard Unfried

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