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Demonstranten kämpfen für Seenotrettung: „Jeder ist in der Verantwortung“

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Von: Katrin Woitsch

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Mit einem großen Schlauchboot zogen die Demonstrierenden am Samstag durch München. Sie fordern die Wiederaufnahme der Seenotrettung. Auch vor der Staatskanzlei fand eine Kundgebung statt. © Oliver Bodmer

Mit einem großen weißen Schlauchboot zogen hunderte Menschen aus ganz Bayern am Samstag durch München. Sie forderten die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Dieser Protest war erst der Anfang.

München – Filimons Hand zittert leicht, als er das Mikrofon nimmt. Er ist aufgeregt, noch nie hat er vor so vielen Menschen gesprochen. Hunderte Gesichter blicken zu ihm auf die Bühne, es wird ganz still, als er beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Filimon ist vor vier Jahren aus Eritrea geflüchtet. Er hat sich durch die Wüste im Sudan gekämpft, vorbei an Dutzenden Leichen. Er hat das Gefängnis in Libyen überlebt. Dann kam der Tag, an dem er in den Laderaum eines völlig überfüllten Holzbootes stieg. „Es gab keine Luft, die Wellen schlugen gegen das Boot, die Menschen übergaben sich“, erzählt er. Er sah die kleinen Kinder und dachte an seine jüngere Schwester, die auf dem Mittelmeer ertrunken ist. Weil sie wie er endlich in Frieden leben wollte. „Habe ich so viel Geld bezahlt, um in diesem Laderaum zu sterben?“ fragte er sich. Filimon ist damals gerettet worden, bevor das Boot sank. Das war im Jahr 2014. „Heute wäre wohl kein Rettungsschiff da gewesen“, sagt er.

Forderung nach einer menschlicheren Flüchtlingspolitik

Die Berliner Sea Watch, die Regensburger Seefuchs, die Dresdner Lifeline, die Berliner Juventa – die Rettungsorganisationen werden seit Wochen daran gehindert, zu Missionen aufzubrechen. Dagegen sind am Samstag Hunderte Menschen aus ganz Bayern auf die Straße gegangen. Sie forderten die Wiederaufnahme der Seenotrettung, die Solidarität der EU-Staaten und eine menschlichere Flüchtlingspolitik. „Es ist nicht verhandelbar, Menschen zu retten und aufzunehmen“, sagt Anna Wagner von der Seebrücke München. Das Bündnis hatte die Demo organisiert. Und sie soll erst der Anfang sein. Die ganze Woche sind überall in Europa Protestaktionen der Seebrücke geplant. „Wir wollen Druck aufbauen und unsere Wut ausdrücken“, betont Wagner. Die Seebrücke war im Juni entstanden, als keine Rettungsschiffe mehr starten durften. Mehr als 30 Vereine und Verbände haben sich ihr bereits angeschlossen. Zu der Auftakt-Demo in München waren rund 700 Menschen gekommen.

Bei strömenden Regen trugen sie ein großes, weißes Schlauchboot vom Europaplatz zur Staatskanzelei und weiter zum Marienplatz. Eines jener Boote, die mit mehr als hundert Flüchtenden an Bord oft nur ein paar Kilometer weit kommen, bevor sie in Seenot geraten.

Bei der Rettung von mehr als 14 000 Menschen in Seenot waren die beiden Rettungsschiffe des Regensburger Vereins Sea Eye beteiligt. Der Unternehmer Michael Buschheuer hatte den Verein 2015 gegründet. Er sprach bei der Kundgebung über Verantwortung. „Wenn Libyen ausfällt, um die Flüchtlinge aufzunehmen, sind die Nachbarstaaten in der Verantwortung“, sagte er. Aber sie tun nichts – genau wie die 23 Mittelmeer-Anrainer. Und genau wie die anderen EU-Staaten. „Dann ist eben ein 47-jähriger Maler aus Regensburg in der Verantwortung“, sagte er. Deshalb kaufte er damals einen alten Fischkutter und später einen zweiten. Buschheuer betonte: „Jeder, der einen Missstand kennt und handeln kann, ist in der Verantwortung.“ Das Thema Seenotrettung spalte Europa, doch unabhängig von Schuldfragen und Migrationsgründen müsse die Rettung der Menschen weitergehen. „Wir müssen unsere europäischen Werte retten“, forderte Buschheuer.

Ein Mann aus Landsberg am Lech wird von den europäischen Behörden seit Wochen gezwungen, diesen Kampf vor Gericht auszutragen: Claus-Peter Reisch, der Kapitän der festgesetzten Lifeline. Er war erst einen Tag vor der Demo aus Malta zurückgekommen und berichtete von dem Verfahren. „Inzwischen steht dank eines Gutachtens fest, dass meine Lizenz ausreicht für die Lifeline und es am Schiff keine Mängel gibt.“ Doch der Prozess geht weiter. Reisch weiß, dass an ihm gerade ein Exempel statuiert werden soll. „Aber da haben sie sich den Falschen ausgesucht“, sagte er bei der Kundgebung. „Ich werde nicht nachgeben.“ Ein Vergleich komme für ihn nicht in Frage. Sein persönlicher Kampf ist auch ein Kampf für die Zukunft der Seenotrettung.

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