So lief der Montagabend

Bagida-Demo: Anhänger missbrauchen DDR-Ruf

München - Der Montagabend stand ganz im Zeichen der Demonstrationen rund um Pegida und Anti-Pegida. Wir waren dabei und haben uns umgehört.

München ist bunt und hat keinen Platz für Fremdenhass und Ausgrenzung.

Am Montag war wieder Demo-Montag. Zum zweiten Mal marschierte Bagida, der bayerische Ableger von Pegida, durch die Münchner Innenstadt. 1100 Anhänger gingen vom Sendlinger Tor zum Stachus. Sie wurden von 12 000 Gegendemonstranten empfangen, die auf der anderen Seite der Sonnenstraße eine Gegenkundgebung veranstalteten. Das Motto: „Tanz den Pegida!“ Dazu hatten das Bündnis „München ist bunt“ sowie die Macher von „Bellevue di Monaco“ aufgerufen. Die tz war an allen Brennpunkten dabei.

Der bunte Tanz

Es ist erst fünf Tage her, dass sie ihre Mutter Gertraud († 95) betrauern mussten – die Well-Schwestern Burgi, Bärbi und Moni. Trotzdem standen sie am Montag Abend auf der Bühne, nämlich bei der großen Demo der Bagida-Gegner am Sendlinger Tor. „Mia san bekannt ned nur in Bayern, sondern im ganzen Abendland“, gstanzln die Frauen aus dem Brucker Land in Richtung der Gegner, die sich auf der anderen Seite der Sonnenstraße sammeln. „Passts auf, dass ned bei der Pegida mit de Nazis in oan Topf geworfen werds“, warnen die Schwestern. Das Bündnis München ist bunt, das aus mehreren Parteien, Kirchen, Sozialverbänden, Gewerkschaften usw. besteht, hatte gemeinsam mit den Machern des Sozialprojekts „Bellevue di Monaco“ zur Gegendemo aufgerufen. Fasching, Tanz und Freude gegen Angst und Intoleranz!

Die Geschehnisse vom Montag Abend zum Nachlesen im Ticker

Der Platz zwischen Tor und Sonnenstraße ist voll: 12 000 Leute! Rote Perücken, orangene, oder gleich komplett in Regenbogenfarben. Angesagt sind auch Ganzkörper-Hamsterkostüme, ein Mann hat eine selbst gebastelte Burka an, ein anderer ein Zebrakostüm. Es wehen die Fahnen von SPD, Grünen, Piraten, Linke, DGB und Regenbogenfahnen. So lautet denn auch das Credo der Well-Schwestern: „Oans is gwiss: München bleibt bunt!“

12.000 Gegner gegen 800 Bagida-Anhänger

12.000 Gegner gegen 800 Bagida-Anhänger

Krimi-Autor Friedrich Ani (56) erzählt von seinem Vater, der aus Syrien kam und von seiner Mutter, die aus Schlesien stammte: „Ich wurde von Menschen aus der Fremde in der Fremde gezeugt“, sagt er. „Mein Vater zahlte brav die Kirchensteuer, Gott oder Allah hab ihn selig.“ Und als er sagt „Das Recht zu glauben – oder auch nicht – gehört zu den höchsten Gütern“, gibt es heftigen Applaus.

Der künftige Intendant der Kammerspiele, Matthias Lilienthal (55), hat seine Freunde vom Augsburger Grandhotel Cosmopolis – dem Vorbild für das Münchner Flüchtlings-Projekt Bellevue di Monaco – mitgebracht. Die Bewohner sagen: „Peace, Paix, Pace“. Also „Frieden“ in ihren jeweiligen Sprachen.

Auch Männer-Regisseurin Doris Dörrie (59) ist da. Sie trägt eine Pappnase und einen riesigen zerknüllten Zylinder. Dörrie: „Ich bin so gern Münchnerin, wenn ich das hier sehe.“ Ihr Tipp für die „verbohrten“ Bagida-Nachbarn: „Wer lacht, öffnet sich.“

Comedian Michael Mittermeier (48) witzelt auf der Bühne: „Bagida ist eine Stadt in Togo. Das war einmal eine deutsche Kolonie, und da sind die Deutschen eingewandert, ohne Asylantrag.“ Sein Kollege Willy Astor (53) ist nachdenklich. Er singt: „Mach den Versuch, einfach zu sein.“

Viel lauter rappen danach die Kollegen von Blumentopf. Die Menge tanzt, und auch der ehemalige FC-Bayern-Profi Mehmet Scholl (44) wippt im Takt. Ja, es stimmt: München ist bunt!

Der braune Umtrieb

Ihre Parolen sind immer die gleichen, aber ihre Anhänger werden offenbar weniger: Rund 1100 Bagida-Anhänger sind vom Trambahn-Rondell am Sendlinger Tor zum Stachus marschiert (vor einer Woche waren es noch 1500).

Erneut unter ihnen: die komplette Führungsriege der bayerischen Neonazis – allen voran der hinreichend polizeibekannte Philipp Hasselbach (24), Rechtspopulist Michael Stürzenberger und die Bagida-Organisatorin Birgit Weißmann. Schwer erträglich der ständige Missbrauch des Freiheitsrufs der ehemaligen DDR-Bürger bei den berühmten Montagsdemos von 1989 („Wir sind das Volk“). Und sogar der alte Ministerpräsident Franz-Josef Strauß musste herhalten – „denn der kannte sich aus“. Und so sammelten sich die „Bürger der Mitte“ um 19.30 Uhr endlich zum Abmarsch zum Stachus – gesäumt und zeitweise niedergebrüllt von 12 000 Demonstranten, die sich einige kurze Rangeleien mit den rund 1000 Polizisten leisteten. Es kam zu wenigen Festnahmen und zum Pfefferspray-Einsatz, als einzelne versuchten, die Polizeisperren zu durchbrechen. Ein paar Eier und Flaschen flogen.

Um 21 Uhr war die gesamte Bagida-Bagage im Untergrund verschwunden – alberne Feixereien auf der Rolltreppe inklusive. Eine Gruppe schwarz gekleideter Neonazis hatte scheinbar gute Gründe, die Gesichter hinter Deutschland-Fahnen zu verbergen. Um 21 Uhr war der Stachus wieder leer. Und die Polizei zufrieden: „Eine geordnete Demo ohne nennenswerte Störungen“, erklärte Polizeisprecher Wolfgang Wenger.

Rubriklistenbild: © Westermann

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