Die Schüsse auf Rudi Dutschke am Gründonnerstag 1968

Der Attentäter kam aus München

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Feuerwehrleute transportieren den schwer verletzten Rudi Dutschke ab. Mitten auf dem Kurfürstendamm war der 28 Jahre alte Studentenführer von drei Schüssen getroffen worden.

Am Abend des 10. April 1968 löst ein junger Mann am Münchner Hauptbahnhof eine Fahrkarte zum Bahnhof Zoo in West-Berlin.

Um 21.52 Uhr verlässt der Nachtexpress – ein so genannter Interzonen-Zug, weil er kurz hinter dem nordbayerischen Hof durch die DDR nach Berlin fährt – die bayerische Landeshauptstadt. Der junge Mann im Zug ist 23 Jahre alt und hat eine Pistole im Handgepäck. Sein Name: Josef Bachmann, von Beruf: Anstreicher und Hilfsarbeiter.

Am nächsten Vormittag, es ist der Gründonnerstag, erreicht Bachmann die damals geteilte Stadt. Zu Fuß macht er sich auf zum Kurfürstendamm Nummer 140, wo der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) sein Berliner Büro hat.

Bachmann wartet. Stundenlang.

Gegen 16 Uhr sieht er einen Mann das SDS-Büro verlassen, den er von Zeitungsbildern kennt. Der Mann besteigt ein rostrotes Fahrrad und fährt zu einer nahe gelegenen Apotheke. Er will Hustentropfen für sein zwei Wochen altes Baby kaufen. Doch die Apotheke öffnet erst um 16.30 Uhr. Der Radfahrer wartet, auf dem Sattel sitzend. Bachmann ist ihm gefolgt.

Er geht zu ihm und fragt: „Sind Sie Rudi Dutschke?“ Dieser antwortet ihm: „Ja, der bin ich.“ In diesem Moment reißt Bachmann die Pistole aus seiner Jackentasche und schießt Dutschke in den Kopf. Als der Studentenführer zu Boden stürzt, jagt er ihm noch zwei Kugeln in den Körpern. Dann flieht Bachmann in den Keller eines nahe gelegenen Rohbaus, wo er sich später ein Feuergefecht mit der Polizei liefert, bevor er verhaftet wird.

Bei der Vernehmung sagt der 23-Jährige: „Ich war so im Hass, ich hatte so eine Wut. Ich sagte nur: ,Dutschke, du dreckiges Kommunistenschwein!’. Dann drückte ich ab.“

Der lebensgefährlich verletzte Dutschke wird ins Westend-Krankenhaus gebracht und notoperiert. Der Sender Freies Berlin (SFB) meldet bereits seinen Tod. Danach wird Deutschland eine andere Republik.

Rudi Dutschke war der Wortführer der Studentenproteste gegen den Vietnam-Krieg, die konservative Bildungspolitik und die von der Großen Koalition aus Union und SPD vorbereiteten Notstandsgesetze zur Einschränkung demokratischer Rechte in Krisenzeiten. Dutschke, der mit einer amerikanischen Theologie-Studentin verheiratet war, nutzte seine Popularität zu spektakulären rhetorischen Auftritten in der Bundesrepublik, in Fernsehsendungen, im Radio, in Interviews mit Stern und Spiegel. Er war überzeugter Sozialist und hatte auf dem Internationalen Vietnam-Kongress im Frühjahr in West-Berlin die Losung ausgegeben: „Es ist die Pflicht eines Revolutionärs, die Revolution zu machen!“

Doch Dutschke und seine sozialistischen Genossen vom SDS lebten in West-Berlin, der durch eine Mauer geteilten Frontstadt des Westens im „Kalten Krieg“ gegen das diktatorische Reich des sowjetisch dominierten Staatssozialismus. Und in West-Berlin, von konservativen Sozialdemokraten regiert, herrschte nur ein Verlag praktisch über die gesamte Berliner Presse: Axel Springer.

Für die Springer-Medien, angeführt von der Bild-Zeitung, wurde die Freiheit Berlins in Vietnam verteidigt, und wer dies in Zweifel zog, war ein Feind der Freiheit.Dutschke, der SDS und die demonstrierenden Studenten waren für die Springer-Presse vom Osten bezahlte Staatsfeinde.

Speziell in West-Berlin herrschte ein Klima unversöhnlicher Gegensätze. Der Hass regierte. Insofern waren die Schüsse des rechtsradikalen Anstreichers aus München auf Rudi Dutschke keine isolierte Einzeltat eines Irren, sondern die Folge eines politisch aufgeheizten Klimas.

Nach dem Attentat auf Dutschke eskalierte die Lage. Tausende aufgebrachter Studenten marschierten noch in der Nacht des Gründonnerstags zum Springer-Verlagsgebäude an der Kochstraße und versuchten, die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern. Mehrere Klein-Lkw gingen in Flammen auf. Es gab Straßenschlachten bis zum frühen Morgen – nicht nur in Berlin. Die Auseinandersetzungen griffen auf die gesamten Großstädte der Bundesrepublik über. Auch auf München (siehe unsere morgige Folge dieser tz-Serie). Und es wurde ein blutiges Ostern.

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Rudi Dutschke überlebte das Attentat dank guter Konstitution und ärztlicher Kunst, auch wenn bleibende Schäden (wie Epilepsie) zurückblieben. Daran starb er elf Jahre später. Sein Attentäter Josef Bachmann, den Dutschke sogar im Knast besuchte, bekam sieben Jahre Freiheitsstrafe. Er nahm sich im Gefängnis das Leben.Das Springer-Hochhaus an der Kochstraße steht noch heute dort. Eine Straße, die daran vorbeiführt, heißt seit wenigen Monaten ganz offiziell „Rudi-Dutschke-Straße“. Vor 40 Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Rudolf Schröck

Quelle: tz

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