„Nicht suchen – kommt nicht wieder“

Der Fall Ingrid Sonnleitner

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Strahlende Augen, schönes, braunes Haar: Das war Ingrid Sonnleitner (18). Sie gilt seit 25 Jahren als verschleppt.

Während Ingrid Sonnleitner (18) an jenem kalten Januarnachmittag des Jahres 1983 wie gewohnt im Münchner Postscheckamt an ihrem Schreibtisch saß, ging im österreichischen Salzburg ein Mann auf ein Postamt.

Um 15 Uhr gab er dort einen Brief auf – adressiert an Ingrids Eltern in Laim. Darin befand sich ein kleiner Zettel, auf dem stand: „ihre tochter lebt – aber nicht in brd – nicht suchen – kommt nicht wieder“. Genau eine Stunde später verließ Ingrid an jenem Tag ihren Arbeitsplatz, trat hinaus auf die belebte Sonnenstraße. Und wurde nie wieder gesehen.

So berichtete die tz am 31. Januar 1983 über den mysteriösen Fall.

Gemessen an heutigen Maßstäben von Jugend und Lebensfreude war Ingrid wohl ein etwas altmodisches Mädchen. Dabei war sie ausgesprochen hübsch, zog mit ihrem dichten, braunen Haar und den strahlenden Augen bewundernde Blicke auf sich. Die Eltern jedoch hüteten ihr schönes Kind wie ihren Augapfel. Ingrid war streng katholisch erzogen worden, war sehr religiös und lebte zurückgezogen. Ihr Freizeit-Vergnügen bestand aus gelegentlichen Ausflügen ins Kino und den täglichen Spaziergängen mit Cora, dem Schäferhund der Nachbarin. Sonst jedoch saß die junge Postangestellte abends meist daheim bei ihren Eltern in Laim.

Aber Ingrid wurde zunehmend erwachsen und hatte begonnen, sich aus der elterlichen Umklammerung zu lösen. Denn sie hatte ein Geheimnis: ihren Freund. Mit 40 Jahren war der Elektroniker deutlich älter als sie. Als Ingrid 15 Jahre alt war, hatten sich die beiden kennengelernt. Ihre Eltern verboten die Beziehung. Da trafen sich die beiden heimlich. Der Ingenieur begleitete seine Ingrid öfter in der Tram zur Arbeit. Wenige Tage vor ihrem Verschwinden machten die beiden noch einen Ausflug ins Murnauer Moor. Und der Polizei berichtete der Freund später, dass er fest entschlossen war, Ingrid zu heiraten.

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Ein Rendezvous ohne Wiederkehr

Da jedoch hatte das Schicksal vermutlich schon seinen Lauf genommen. Denn jemand hatte ein Auge auf das sympathische Mädchen geworfen. Und dieser Unbekannte führte Böses im Schilde.

Dabei gewann eine Begebenheit Gewicht, die Ingrid eher belustigt als beunruhigt hatte. Bereits im Oktober und dann noch einmal im Dezember 1982 wurde sie vom Fahrer eines großen, roten BMW angesprochen und regelrecht verfolgt. Er tauchte am Willibaldplatz (Laim), am Hauptbahnhof und auch vor Ingrids Arbeitsplatz im Postscheckamt in der Sonnenstraße auf. Er wollte sie „für Werbefotos“ verpflichten, bot ihr 80 Mark Stundenlohn an. Doch Ingrid hatte seine Angebote stets abgelehnt. Mehr hatte sie ihrem Freund über diesen hartnäckigen Fotografen nicht erzählt.

Am 18. Januar telefonierte Ingrid Sonnleitner von ihrem Arbeitsplatz aus mit ihrem Freund und sagte: „Ich gehe abends mit einer Kollegin ins Kino.“ Ingrid telefonierte an diesem Tag noch ein zweites Mal. Ihre drei Kolleginnen bekamen den Inhalt nicht mit. Doch schien das Gespräch Ingrid nervös gemacht zu haben.

Um 16 Uhr zog sie ihren cremefarbenen Anorak über ihren roten Nicki-Pullover und die Jeans. „Also bis morgen“, sagte sie und verließ das Postscheckamt. Trotz akribischer Fahndung ist es der Kripo damals nicht gelungen, auch nur noch einen Augenzeugen zu finden, der Ingrid an diesem Abend auf der Straße, in der Tram oder im Kino sah. Es war, als habe der Erdboden das Mädchen verschluckt.

Die Eltern hielten es für undenkbar, dass Ingrid ohne Abschied einfach so gegangen war. Und auch sonst gab es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Ingrid Sonnleitner plante, sich abzusetzen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass das hübsche Mädchen gegen seinen Willen verschleppt wurde. Von einem Mann, der sie ganz allein für sich haben wollte?

Auf schreckliche Weise erinnert das Vorgehen des Täters an den Fall der Kellerkinder von Amstetten in Österreich. 24 Jahre lang hatte Josef Fritzl (73) seine Tochter und später auch die gemeinsamen Kinder in einen fensterlosen Kerker eingesperrt, um sie ganz allein für sich zu besitzen. Auch er hat Briefe geschrieben, um die Polizei in die Irre zu führen und die Ermittlungen zu erschweren.

Der Täter, der Ingrid entführte, plante sein Verbrechen ebenfalls minutiös. Und empfand wahrscheinlich eine bösartige Lust dabei, mit der Angst der Eltern zu spielen. Am 1. Februar steckte der infame Zwei-Zeiler aus Österreich im Kasten der Sonnleitners in Laim. Die Verzweiflung der Familie kann nur ermessen, wer Ähnliches durchgemacht hat.

Der Brief war das erste und das letzte Lebenszeichen des Täters. Und bis heute weiß außer ihm kein Mensch, was der verschollenen Ingrid Sonnleitner vor 25 Jahren mitten in München zugestoßen ist.

Wer ist der Fahrer des roten BMW?

Die einzig greifbare Spur im mysteriösen Vermisstenfall Ingrid Sonnleitner lieferte der in Salzburg abgeschickte Brief an ihre Eltern. Ein Vergleich der Schrifttypen ergab: Das Schreiben wurde vermutlich auf einer japanischen Schreibmaschine des Typs „Silver-Reed“ oder „Sigma“ getippt.

Die Vernehmung des Freundes der 18-Jährigen brachte die Kripo bis auf den Hinweis auf den Fahrer des roten BMW nicht weiter.

Dass Ingrid Sonnleitner an jenem Abend ein heimliches Rendezvous hatte, ist ebenfalls äußerst unwahrscheinlich. Sie hatte nämlich an diesem Tag ihr Gehalt in Empfang genommen und war nach Einschätzung ihrer Eltern viel zu vorsichtig, um mit so viel Geld in der Tasche einen Unbekannten zu treffen.

So ist die Kripo auch in diesem Fall auf Hinweise von Zeugen angewiesen, die vielleicht etwas wissen, was sie vor 25 Jahren nicht zu sagen wagten. Die Münchner Mordkommission ist unter 089/2910-0 erreichbar.

Das geschah am 18. Januar 1983

Der 18. Januar 1983, an dem Ingrid Sonnleitner verschwand, war ein Dienstag. In den Bergen und in ­Österreich hatten Schneestürme gewütet. Viele Urlauber ­saßen fest. Süditalien, Griechenland und Albanien wurden von heftigen Erdbeben erschüttert. Auf dem Flughafen in Ankara starben bei einer Bruchlandung im Schneesturm 46 Menschen – darunter drei Passagiere aus Bayern und ein Bub (12) aus Schongau.

In München weinte Soraya um ihren Vater (81), der einem Hirnschlag erlegen war. Teeny-Star ­Tommy Ohrner bekam eine Sondergenehmigung und ­durfte schon mit 17 Jahren Auto fahren. Dallas-Fiesling J.R. Ewing war gerade damit beschäftigt, das Familien-Vermögen zu riskieren. Und Sue Ellen und Lucy trugen sich mit Scheidungsgedanken.

Eine Serie von Dorita Plange

Quelle: tz

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