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Der Gottesdienst für Langschläfer

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„Kirche muss offen und lebendig sein“: Pfarrer Markus Rhinow will junge Menschen in den Gottesdienst locken.
„Kirche muss offen und lebendig sein“: Pfarrer Markus Rhinow will junge Menschen in den Gottesdienst locken. © Westermann

Der Sonntagvormittag gehört der Kirche? Das war einmal. Zumindest in der evangelisch-lutherischen Nazarethkirche in der Barbarossastraße in Bogenhausen.

Dort werden im nächsten halben Jahr an manchen Sonntagen keine Gottesdienste mehr am Morgen gefeiert. Stattdessen werden Abendgottesdienste angeboten. Pfarrer Markus Rhinow (47) hofft, mit dem Projekt vor allem Jüngere anzusprechen, „von denen viele am Sonntagvormittag lieber im Bett bleiben, kuscheln, brunchen oder joggen gehen“, erläutert er und fügt dann hinzu: „Auch mich kriegt so früh niemand aus dem Bett.“

Gottesdienste für Langschläfer also? Jein. Es gibt noch einen tieferen Grund für die Gottesdienstverlegung. Die Nazarethkirche ist eine der kleinsten Gemeinden im Raum München, hat aber eine große Kirche – und die Zahl der Mitglieder war in den letzten Jahren rückläufig. Genug Platz für neues Publikum gibt es also.

„Der Grundansatz der reformatorischen Kirche ist ja, dass sie sich stetig verändert“, erklärt Pfarrer Rhinow. Kirche müsse offen und lebendig sein, „die Frohe Botschaft muss auch 30- bis 45-Jährigen etwas sagen“.

Laut Rhinow funktioniere das nur mit neuen Angeboten; mit flotter religiöser Musik, Gospelchören, Kunstausstellungen – oder eben einem Gottesdienst am Abend. „Der Abend hat eine besondere Stimmung“, findet der Geistliche, „etwas Meditatives. Man kann mit Licht, Bildern und ruhigen Gospels arbeiten, so dass es sinnlich wird.“ Das spreche die Leute an, wie die vergangenen Weihnachtsgottesdienste gezeigt hätten, die so gestaltet worden waren. „Wir haben es geschafft, das Publikum zu verdoppeln.“ Ein Drittel der 1500 Mitglieder der Nazarethgemeinde seien gekommen. „Viele hatten Tränen in den Augen.“

Insofern fürchtet Pfarrer Rhinow nicht, dass er mit dem neuen Abendgottesdienst sein Stammpublikum – „freundliche Menschen ab 50“ – verliert. „Wer doch lieber morgens zum Gottesdienst geht, kann die Dreieinigkeitskirche nebenan besuchen“, erklärt er. Für Ältere und Behinderte soll ein Fahrdienst eingerichtet werden.

Ein halbes Jahr will der Pfarrer jetzt seinen Abendgottesdienst testen. „Wenn das gut angenommen wird, will der Kirchenvorstand darüber nachdenken, ob er ihn als feste Institution beibehält.“

Dorothea Treder

Quelle: tz

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