"Der kalte Himmel": Das sagt eine Autismus-Expertin

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Marc (li.) und Eric Hermann teilen sich die Rolle des autistischen Felix. Der eine stand morgens vor der Kamera, der andere nachmittags

München - Gut fünf Millionen Zuschauer haben am Montag den ersten Teil des berührenden ARD-Films "Der kalte Himmel" angeschaut. Eine Autismus-Experten sagt im tz-Interview: Der Film ist sehr glaubwürdig.

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Erzählt wird die Geschichte des kleinen Felix, der an Autismus leidet – einer Krankheit, die auf eine angeborene Entwicklungsstörung des Gehirns zurückzuführen ist.

Gegenüber der tz erklärt Frau Dr. Nicosia Nieß, wie realistisch der Film ist und gibt Betroffenen und Angehörigen Tipps, wo sie Hilfe bekommen können. Nieß ist selbst Mutter einer 34-jährigen autistischen Tochter und Vorsitzende des Vereins Autismus Oberbayern e.V (www.­autismus-oberbayern.de).

Frau Dr. Nieß, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Autismus. Wie hat Ihnen der Film „Der kalte Himmel“ gefallen?

Dr. Nicosia Nieß: Sehr gut. Er ist ausgezeichnet recherchiert, glaubwürdig, und ich bewundere die schauspielerische Leistung – vor allem der Jungen.

Der kleine Felix ist unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Ist das typisch für einen Autisten?

Dr. Nieß: Ja, der mangelnde Umgang mit Gefühlen ist ein Kernsymptom. Wobei man heute in der Forschung wesentlich weiter ist als in den 60er-Jahren, in denen der Film spielt. Damals nahm man an, dass Autisten nie in der Lage sein werden, Gefühle zu zeigen.

Und heute lässt sich Autismus therapieren?

Dr. Nieß: Heilbar ist er nicht, aber man kann Autisten heute beibringen, Gefühle anderer Menschen zu entschlüsseln und die eigenen zuzuordnen.

Wie geht das?

Dr. Nieß: Letztlich mit Übung. Anhand von Smileys oder von Fotos kann man grobe Gefühle klarmachen: Wenn der Mund so rum ist, dann ist das fröhlich, wenn er andersrum ist, bedeutet das traurig.

Wie lange dauert so etwas?

Dr. Nieß: Man muss schon einige Jahre rechnen.

Ab wann kann man erkennen, ob ein Kind autistisch ist?

Dr. Nieß: Eine endgültige Diagnose kann man erst stellen, wenn die Kinder drei Jahre alt sind. Das hat damit zu tun, dass zur endgültigen Diagnose die Sprache gehört – und die ist nun mal mit drei Jahren erst ausgebildet. Erste Verdachtsdiagnosen kann man schon früher stellen, etwa wenn das Kind mit einem Jahr noch nicht nachahmen kann oder wenn es keine Zeigegesten benutzt, um die Mutter auf etwas aufmerksam zu machen.

Haben Sie Zahlen – wie viele Menschen leiden an Autismus?

Dr. Nieß: Ja, wir gehen davon aus, dass die Häufigkeitsrate zwischen 0,6 und 1 Prozent liegt. Das heißt, Autismus ist eine der häufigsten angeborenen Behinderungen überhaupt. Aber es gibt eine hohe Dunkelziffer nicht erkannter Autisten.

Was raten Sie betroffenen Familien, wenn sie erfahren, ihr Kind leidet an Autismus?

Dr. Nieß: Mein erster Rat ist immer: Schließt euch mit anderen Betroffenen zusammen. Eltern, die frisch die Diagnose bekommen haben, dass ihr Kind autistisch ist, tut es gut, mit „erfahrenen“ Eltern zu sprechen. Und wir raten den Eltern auch, mit ihren Kindern früh über deren Krankheit zu sprechen. Sie spüren ohnehin, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Verstehen sich ­Autisten eigentlich untereinander?

Dr. Nieß: Erstaunlich gut. Wir beobachten, dass Autisten untereinander Freundschaften schließen. Sie haben ein intuitives Gespür dafür, was dieser oder jener gerne mag oder nicht mag.

Interview: Stefanie Thyssen

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