tz-Serie: (Noch) ungeklärt! Münchens rätselhafteste Kriminalfälle

Der Tod einer ungehorsamen Frau

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Seher Ö.

Eine vierfache Mutter wurde am Kleiderschrank aufgehängt gefunden – doch es war kein Selbstmord.

Als Seher 14 Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern, dass ihre Jugendzeit nun vorbei sei. Mit 15 wurde sie mit ihren Cousin verheiratet. Ein Jahr später verließ das mittlerweile 16-jährige Mädchen seine westanatolische Heimatstadt Kütahya und kam als so genannte „Arbeitsbraut“ nach München. Als Ehefrau eines Mannes, den sie nicht liebte. In ein Land, dessen Sprache sie nicht verstand. Und in eine Familie, die sie fürchtete.

Letzteres wohl nicht ohne Grund. Nach vielen Jahren der nicht enden wollenden Demütigungen befreite sich die bildschöne Mutter von mittlerweile vier Töchtern mit einem Rundumschlag aus der Umklammerung althergebrachter Tradition. Dabei jedoch riskierte Seher Ö. (28) zu viel. Am Abend des 20. Februar 2000 wurde die Ungehorsame tot in ihrer Wohnung am Heinrich-Braun-Ring (Hasenbergl) gefunden – aufgehängt am Knauf ihres Kleiderschrankes. Da war sie schon zwei Tage tot. Ein bedauerlicher Suizid. Die gute Seher müsse wohl sehr krank gewesen sein, sagten die Angehörigen und vergossen viele Tränen. Gerichtsmediziner aber fanden heraus: Das war kein Selbstmord. Das war Mord. Eine eiskalte Bestrafung? Eine Warnung an alle Frauen in einer ähnlichen Situation? Alle Ermittlungen laufen darauf hinaus, auch wenn der letzte Beweis immer fehlte.Das Leben der jungen Türkin in ihren ersten Jahren in München bestand ausschließlich aus harter Arbeit. So gut wie nie durfte sie die eheliche Wohnung verlassen. Tag und Nacht war Seher ihrem Mann und den Schwiegereltern zu Diensten. Kleinste Verfehlungen bestrafte Ehemann Erkan Ö. (Name geändert) auf der Stelle mit grausamen Züchtigungen. So hart, dass mehrfach die Polizei eingreifen musste. Vier Mädchen schenkte Seher in dieser Zeit das Leben. Der ersehnte männliche Stammhalter aber blieb aus – was die Situation der jungen Mutter nicht gerade erleichterte. Später sagte sie einmal über diese trostlose Zeit: „Ich war der Putzlappen der ganzen Familie.“

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Je härter Erkan zuschlug, desto stärker wuchs ihr Widerspruchsgeist. Seher begann, sich aufzulehnen, schrieb herzzerreißende Briefe. Als der Lagerist sie 1997 wieder grün und blau schlug, nahm sie das Angebot der deutschen Behörden an: Sie floh mit ihren drei jüngsten Kindern ins Frauenhaus. Ihre Älteste (damals acht Jahre alt) blieb beim Großvater.

Im Schutz dieser Einrichtung blühte Seher auf. Sie legte nicht ihren Glauben, aber das Kopftuch ab. Sie lernte deutsch. Sie jobbte in einem Sozial-Café, sie reichte die Scheidung ein. Und sie erwirkte das Sorgerecht für ihre Töchter Sema (10), Semra (9), Sevda (8) und Selda (4). 1998 zog sie mit den Kindern in eine eigene Wohnung im Hasenbergl. Am Goetheplatz ließ sie sich zur Küchenhilfe ausbilden. Ihre Mädchen sollten frei und selbstbestimmt aufwachsen. Doch die Furcht vor Rache war immer ihr ständiger Begleiter, „Ich habe Angst“, sagte Seher oft. Dabei hatte die junge Frau zuletzt sogar noch einen neuen Partner gefunden, den sie sehr liebte. War das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? Die Aktivitäten der Abtrünnigen nämlich wurden genau beobachtet, und Ehemann Erkan schäumte vor Wut. Schließlich war die Scheidung noch nicht vollzogen, Seher noch immer seine Frau. Zudem hatte der Lagerist im Zorn unverhohlen vor Zeugen gedroht: „Wenn sie einen anderen hat, bringe ich sie um!“ Diese Drohung brachte ihm später einen Monat U-Haft unter Mordverdacht ein. Mangels Beweisen mussten die Ermittler ihren Hauptverdächtigen aber wieder laufen lassen.

Was an jenem Februar-Wochenende in der Wohnung der Frau geschah, wurde anhand von Aussagen und Spuren rekonstruiert. Demnach muss Seher dem (oder den) Täter(n) freiwillig die Tür geöffnet haben. Oder – und das ist wahrscheinlicher – sie wurde in ihrer eigenen Wohnung überrascht, weil sich jemand den Schlüssel besorgt hatte. Ihr Tod wurde offenbar geplant – für Freitag, den 17. Februar 2000. An diesem Abend war sie allein daheim. Denn ihre Mädchen verbrachten das Wochenende vereinbarungsgemäß beim Vater.

Seher Ö. muss sich verzweifelt gewehrt haben. Es nützte ihr nichts: In den letzten Minuten ihres Lebens wurde sie wieder schwer misshandelt. Das bewiesen Schlagverletzungen in ihrem Gesicht. Bevor der Mörder die vierfache Mutter demonstrativ am Kleiderschrank aufknüpfte, wurde Seher Ö. erdrosselt – ein qualvoller, langsamer Tod. Und es ist nach Einschätzung der Kripo durchaus möglich, dass dabei mehrere Leute zugesehen haben.

Am Abend des 20. Februar 2000 – ein Sonntag – wollte Erkan Ö. die vier Kinder wieder bei der Mutter abliefern, stand aber vor verschlossener Tür. Eine der Töchter wusste, dass die Mutter eine zweiten Wohnungsschlüssel bei einer Freundin deponiert hatte. Damit schloss Erkan Ö. die Tür auf. So wurde die Tote entdeckt. Auch die Mädchen haben ihre Mutter in diesem schlimmen Zustand gesehen …

Sehers Töchter wuchsen in den folgenden Jahren in Heimen auf, hielten aber stets den Kontakt zu ihrer Familie. Der Mörder ihrer Mutter dagegen wurde trotz zahlreicher Spuren bislang nicht gefasst.

Das geschah am 18. Februar 2000

Der Freitag, an dem Seher Ö. ermordet wurde, war kalt und ungemütlich. Schneeregen war fürs Wochenende angesagt. Nur wer unbedingt musste, verließ am Abend des 18. Februar 2000 das Haus. Bei der Vorentscheidung des Grand Prix in Bremen tummelten sich überwiegend schräge Gestalten (Stichwort: „Wadde hadde dudde da“) auf der Bühne. Vor dem Landgericht München flehte eine Mutter um Verzeihung, die ihre drei kleinen Kinder erwürgt bzw. mit der Axt erschlagen hatte. Die Münchner bewunderten eine türkische Polizistin (23), die einen suizidgefährdeten Landsmann daran gehindert hatte, sich mitten auf dem Stachus im Auto in die Luft zu sprengen. In den Kinos lief der Thriller „Anatomie“. In Oslo begann die Biathlon-WM. Und in einem Salon in Berg am Laim entfloh eine Friseurin (59) schwer verletzt der Messerattacke ihres psychisch kranken Bruders (63).

Ehrenmord? Alles deutet darauf hin

Seher Ö. hatte unzählige Gründe, am Leben zu bleiben – aber keinen einzigen, um zu sterben. Daran änderten auch alle Verleumdungen nichts, die nach ihrem inszenierten „Selbstmord“ über sie verbreitet wurden. Und nur ein begrenzter Kreis von Menschen verachtete sie dafür, dass sie gegen alle Traditionen verstoßen hatte. Zu diesem Schluss kamen alle Mord­ermittler, die sich je mit diesem heiklen Fall beschäftigt haben – und weiterhin beschäftigen werden.

Aktuell versuchen die Ermittler gerade wieder, die Fülle der offenen Spuren aus der Mord-Wohnung aufzuarbeiten. Dazu gehört eine DNA-Spur, die bislang niemandem im Bekannten- und Familienkreis der ermordeten Türkin zugeordnet werden konnte. Und weiterhin sind die Beamten auf der Suche nach Freunden oder Verwandten von Seher Ö., die bislang noch nicht vernommen wurden.

Damals wie heute ist die Mordkommission (Telefon 089/ 29 10-0) sicher, dass Seher Ö.‘s Tod ein so genannter Ehrenmord war – blutige Sühne für die Schande, die ihre Aufsässigkeit über die Familie gebracht hatte. Aus den Reihen der betroffenen Familien jedoch drang niemals ein Sterbenswort nach außen. Daran änderten auch die 5000 Euro Belohnung nichts, die seit acht Jahren auf den Mörder ausgesetzt sind.

Quelle: tz

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