Über 70.000 "Likes" für Kritik auf Facebook

Diese Münchnerin trifft den Nerv der frustrierten Bahn-Kunden

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Anke Hargaßers Bahnfahrt führte von Frankfurt über München bis kurz vor Erding.

München - Anke Hargaßer hat mit ihrer Beschwerde über die Deutsche Bahn bei Facebook den Nerv von Zehntausenden Menschen getroffen. In der tz schildert die 33-Jährige, wie sie den Moment im Zug und die Reaktionen auf ihre Kritik erlebt hat.

Anke Hargaßer ist eine von über 6,3 Millionen Menschen, die täglich mit der der Deutschen Bahn unterwegs sind. Und eine von vielen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Verspätungen, schlechter Service, radikale Kontrolleure: Das alles hat die 33-Jährige binnen weniger Stunden auf dem Weg von Frankfurt nach München und weiter nach Erding erlebt – und ihrem Ärger darüber auf der Facebookseite des Unternehmens Luft gemacht. Ausführlich, sachlich, mit einem Schuss Sarkasmus. Nach drei Tagen hat die Bankangestellte dafür über 70 000 „Likes“ (Gefällt-mir-Angaben) bekommen, die Diskussion will kein Ende nehmen. Doch wer ist die Frau, der dieser Internet-Hit gelungen ist? In der tz spricht sie jetzt erstmals über ihre Bahnsinns-Fahrt!

„Mit so einer Resonanz hätte ich nicht gerechnet. Erstaunlich, was das Internet leisten kann“, sagt Anke Hargaßer. Böse Absichten hatte sie nicht. „Ich wollte nur meinem Ärger Luft verschaffen, die Bahn aber nicht an den Pranger stellen.“ Eingangs ihrer Beschwerde stellte sie schließlich klar: „Ich habe immerzu Verständnis.“ Damit meint Hargaßer den täglichen – und mittlerweile fast normalen – Wahnsinn auf den Gleisen mit verspäteten Zügen und überschaubarem Service.

User schreiben Münchner Bahn-Kritikerin: Danke, Anke!

Eine Stunde später als geplant erreicht ihr ICE aus Frankfurt am Sonntag spät in der Nacht den Münchner Hauptbahnhof. Über vier Stunden sitzt Anke Hargaßer da bereits im Zug. Ihren bezahlten Sitzplatz bekommt sie erst gar nicht, weil der Wagen fehlt. Zudem ist die Klimaanlage kaputt – bei 40 Grad! Keine gekühlten Getränke? Geschenkt! Das Bordpersonal: „überfordert und genervt“, schreibt die 33-Jährige. So weit, so gut. 

Doch was die Münchnerin in der Anschlussfahrt mit der S2 in Richtung Erding erlebt, bringt das Fass zum Überlaufen. Eine Frau, die Pfandflaschen sammelt, wird kontrolliert. Sie hat keine Fahrkarte. Hargaßer will einspringen, ihr das eigene übertragbare MVV-Monatsticket überlassen. Doch der Kontrolleur bleibt hart. Schwarzfahren kostet 60 Euro! „Keine Frage: Ich bin auch gegen das Schwarzfahren“, betont Hargaßer. „Aber in bestimmen Situationen sollte man Gnade vor Recht ergehen lassen.“

Am nächsten Tag dann der Entschluss, den Vorfall der Bahn mitzuteilen. Es ist der Startschuss für eine Diskussion gigantischen Ausmaßes. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe haben über 1700 Menschen den Beitrag kommentiert, in den meisten Fällen ihre Zustimmung erklärt und oftmals ganz eigene Erfahrungen geschildert. Anke Hargaßer hat den Nerv getroffen – als Sprachrohr für viele frustrierte Bahnkunden. 

So reagiert die Deutsche Bahn

Der Facebook-Post von Anke Hargaßers versetzte offenbar auch die Deutsche Bahn in Ausnahmezustand. Nur eine halbe Stunde, nachdem sie den Eintrag am Montag um 10.11 Uhr abgeschickt hatte, kam eine erste Reaktion des Unternehmens. Darin heißt es, dass man die Situation in der S-Bahn mit einem Diebstahl vergleichen könne. Der Täter würde auch dann nicht um eine Strafe herumkommen, würde man ihm das Geld für die gestohlene Ware erst im Nachhinein zustecken. Anke Hargaßer dazu: „Mich wundert die Reaktion überhaupt nicht. Das ist nun mal ein behäbiger Apparat. An diesen Strukturen etwas zu verändern, ist mit viel Zeit verbunden.“

Auch gegenüber der tz bezieht die Bahn Stellung: „Wir haben Verständnis für den Unmut von Frau Hargaßer, insbesondere für die Unannehmlichkeiten der vorherigen Zugfahrt mit Verspätungen, dem Verfallen einer Sitzplatzreservierung und einer ausgefallenen Klimaanlage. Dafür bitten wir ausdrücklich um Entschuldigung. Wir hatten Frau Hargaßer schon auf die Möglichkeit von Erstattungen hingewiesen.“ Zum Vorfall in der S-Bahn äußert sich das Unternehmen so: „In den MVV-Tarifbestimmungen ist klar geregelt, dass der Fahrgast vom Beginn bis zur Beendigung der Fahrt im Besitz eines gültigen Fahrscheins sein muss. Was wäre gewesen, wenn Frau Hargaßer und die Mitreisende nicht dasselbe Fahrtziel gehabt hätten?"

Johannes Heininger

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