Video: Deutschlands größter Internet-Betrug

München - Kleidung, Autos, sogar Gold zum Spottpreis: Auf der Jagd nach dem Super-Angebot sind bis zu 100.000 Schnäppchenjäger einer Betrügerbande aufgesessen. Das Münchner LKA hat die Bande festgenommen.

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400 falsche Online-Shops, mindestens 100 000 betrogene Opfer und ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe – einen Internet-Betrug dieser Größenordnung hat es in Deutschland noch nie gegeben: Cyber-Cops und Wirtschaftsspezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes haben zusammen mit der Staatsanwaltschaft Augsburg eine nahezu perfekt organisierte Betrügerbande ausgehoben. Die Ermittlungen dazu dauerten geschlagene 18 Monate – weil sich die Bande hoch konspirativ tarnte. Und auch, weil die Einschränkungen zur Vorratsdatenspeicherung der Polizei die Ermittlung der IP-Adressen (persönliche Kennung der Täter-Computer) schwer bzw. unmöglich machte.

Ein reichlich vermüllter Chaos-Schreibtisch war eine der Schalt-Zentralen des bislang größten deutschen Internet-Betrugs

Ein seriöser Nördlinger Elektro-Fachhändler brachte den Stein Ende September 2009 ins Rollen. Die Firma wurde plötzlich mit empörten Kunden-Beschwerden überhäuft, die alle auf der Internetseite „ja-kaufen.com“ Waren bestellt, per Vorkasse bezahlt und nie erhalten hatten. Bei der Überprüfung der Seite stellte sich heraus, dass das Impressum der Nördlinger Firma auf die Betrüger-Seite kopiert worden war. Bei weiteren Ermittlungen stellte sich heraus, dass dies kein Einzelfall und dahinter eine organisierte Bande steckte. Das war die Geburtsstunde der neunköpfigen „ Ermittlungsgruppe Bazar“ beim LKA. Und die förderte Erstaunliches zu Tage, wie die Leiterin des Sachgebiets Wirtschaftsdelikte, Sabine Nagel, darstellte.

Die Bande bestand aus professionell agierenden Programmierern, Marketing-Experten, Shop-Betreuern, Geldkurieren und Werbern für sogenannte Finanzagenten – leichtgläubige Privatleute, die für 600 Euro im Monat ihre Privatkonten für Geldtranskationen ins Ausland (Türkei und Schweiz) zur Verfügung stellten. Rund 1000 davon wurden angeworben, bekamen oft selbst kein Geld und machten sich damit auch noch der Geldwäsche schuldig. Mit ihrer Hilfe zog die Bande rund 400 professionell gestaltete Online-Shops auf, wo es alles zu kaufen gab: Spielzeug, Heimwerkerbedarf, Klamotten, US-Fahrzeuge, Traumhäuser, Feriendomizile und sogar Goldbarren – zum Kilopreis für 24 704 Euro. Alle Opfer berappten per Vorkasse den vollen Preis oder zumindest Anzahlungen. Die Ware kam natürlich nie an. Um die Opfer bei Laune und die Seiten möglichst lange aktiv zu halten, wurden nicht existente Rechtsanwälte als Treuhänder dazwischen geschaltet. Es gab sogar gefälschte Bewertungsportale voller Jubel-Mails zufriedener Kunden. In einigen Fällen wurde auch Kontodaten ausgespäht (Phishing) und Konten geplündert. Wer den Tätern in die Quere kam, wurde aktiv bedroht oder per Cyber-Angriff außer Gefecht gesetzt. Die Bandenmitglieder selbst kommunizierten nur in verschlüsselten Chats oder über Hacker-Verbindungen.

Am 11. Mai durchsuchten 170 Ermittler bundesweit 29 Objekte. Neun Männer und Frauen im Alter von 20 bis 39 Jahren sitzen in U-Haft. Die meisten von ihnen arbeiten nicht und sind bereits polizeibekannt wegen Warenbetrugs. Doch auch ein Krankenpfleger war darunter, in dessen Wohnung ein 4000-Euro-Fernseher stand. 20 000 Opfer in Deutschland, Österreich und der Schweiz erstatteten bereits Anzeige. Nach Polizeischätzung müssten es jedoch mindestens 100 000 Opfer sein, die auf ihrer zuständigen Polizeiinspektion ebenfalls sofort Anzeige erstatten sollten.

Dorita Plange

Mit diesen Tipps der Polizei kaufen Sie sicher im Internet ein:

- Kaufen Sie nicht per Vorkasse. Nutzen Sie sichere Zahlungs­methoden wie Rechnung, Bankeinzug oder Kreditkarte. Überprüfen Sie im Vorfeld die Seriosität des Anbieters. Achten Sie auf eine genaue Anschrift samt Telefonnummer, lesen Sie das Bewertungsprofil und die AGBs.

- Lesen Sie vor dem Kauf die ­Beschreibung des Artikels genau durch und prüfen Sie auch die Bilder. Ist etwas unklar, setzen Sie sich mit dem Händler in Verbindung.

- Der Händler muss Sie schriftlich über Widerrufs- und Rückgaberecht informieren.

- Wählen Sie im Internet generell sichere Passwörter (mindestens acht Zeichen) aus und geben Sie diese niemals an Dritte weiter.

- Achten Sie auf eine sichere Übertragung Ihrer Daten – erkennbar am Kürzel https:// in der Adresszeile und einem Schlosssymbol in der unteren Leiste.

Rufmord im Internet - wer hilft?

Strec

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