„Die APO war völlig humorlos“

tz-Interview mit dem 68er-OB Hans-Jochen Vogel

Sie waren bei den Osterunruhen 1968 direkter Zeuge, als der Fotograf Klaus Frings tödlich verletzt wurde. Wie war das konkret?

Dr. Vogel:Ich saß am Abend des Ostermontags zusammen mit dem bayerischen Innenminister Bruno Merk und anderen Verantwortlichen auf einem Balkon eines Hauses an der Barerstraße, in unmittelbarer Nähe zum Buchgewerbehaus – also dem Auslieferungsort der Bild-Zeitung, um die Vorgänge zu beobachten. Die Situation radikalisierte sich von Minute zu Minute, die Demonstranten wollten die Auslieferung der Bild-Zeitung verhindern. Es flogen Pflastersteine und Holzbohlen, bis plötzlich ein Fotograf blutüberströmt zu Boden ging. Er war getroffen worden. Am nächsten Tag erlag er im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen. Ein weiterer Demonstrant starb zwei Tage später an seinen Verletzungen.

Hat Sie die Militanz der Demos überrascht?

Nein, das hatte sich angebahnt. Mit zwei toten Demonstranten hatten wir allerdings nicht gerechnet. Dessen ungeachtet bemühten wir uns in München um Konsequenzen aus den „Schwabinger Krawallen“ (1962), also um eine Linie der Deeskalation, die sich deutlich von Berlin unterschied.

Können Sie das erklären?

Wir hatten rechtzeitig nach den Osterunruhen alle Münchner Zeitungen gebeten, mit möglichst großer Nüchternheit und Sorgfalt zu berichten – also kein Öl ins Feuer zu gießen. Was auch geschah. Nur acht Tage später kam es auf Initiative des AStA des Oskar-von-Miller-Polytechnikums zu einer großen Diskussionsveranstaltung auf dem Königsplatz, die meiner Erinnerung nach so nur in München stattfand. Vor über 10 000 Menschen diskutierten Politiker wie Innenminister Merk oder ich mit Sprechern der Studentenbewegung zum Thema „Gibt es einen neuen Anfang?“. Mein studentischer Kontrahent war Rolf Pohle, dem ich beherrscht in der Form, doch entschieden im Inhalt antwortete. Dabei bin ich für Reformen, aber gegen Gewalt eingetreten. Dafür habe ich sogar Beifall aus den Reihen der Studenten bekommen. Insgesamt hat sich die sogenannte Münchner Linie, die vor allem auch Polizei-Präsident Manfred Schreiber verfolgte, durchaus bewährt.

Noch vor den Osterunruhen hatten Sie im Münchner Rathaus eine Kontroverse mit dem SDS-Studentenführer KD Wolff. Wie war das?

Der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) hatte seine Jahresversammlung in München abgehalten und ich habe die Studentenvertreter zu einem Empfang ins Rathaus eingeladen. Es kamen so viele, dass wir in den Großen Sitzungssaal umziehen mussten. Dort kam es zu einem Sit-in, was mir bis dahin neu war. Dann trat KD Wolff auf. Ein exzellenter Redner, aber kalt, teilweise zynisch und völlig humorlos. Diese Humorlosigkeit der APO ist mir immer wieder aufgefallen. Ich antwortete ihm auf jeden Redebeitrag, und am Ende des Abends ging es unentschieden aus. Trotzdem muss ich sagen: Wir waren schlecht vorbereitet. Ich habe an diesem Abend begriffen, dass hier eine radikale Opposition mit neuen gesellschaftspolitischen Thesen antritt, auf die wir bis dahin nur unzureichende Antworten hatten.

Und dann haben Sie Marx und Marcuse gebüffelt?

Das nicht. Aber ich habe mich ausreichend informiert. Die „gelben Seiten“ im „Spiegel“ zum Beispiel waren eine gute Quelle.

War es nicht ein Fehler, dass die Große Koalition aus Union und SPD den amerikanischen Vietnam-Krieg bedingungslos unterstützt hat?

Ob eine Erklärung, wie sie 2002 von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Ablehnung einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg abgegeben hat, damals eine besondere Wirkung auf die APO gehabt hätte, bezweifle ich. Außerdem: Die Verhältnisse waren damals, zwanzig Jahre nach Kriegsende, anders. Offen gegen die USA zu opponieren, stand einer deutschen Regierung damals schlecht zu Gesicht. Allerdings war die Kritik der Studentenbewegung am Vietnam-Krieg im Grunde gerechtfertigt – trotz aller radikalen Übertreibungen.

Der Einfluss der APO auf die Münchner SPD war groß. Sie haben sich 1972 nicht mehr zur OB-Wahl gestellt. Waren Sie ein Opfer der APO?

So sehe ich das nicht. Aber es ist richtig, dass die Diskussionen zermürbend waren und ich über bestimmte Entwicklungen in meiner Partei sehr enttäuscht war. Ich habe meine bereits gegebene Zustimmung zur OB-Kandidatur zurückgezogen und war mehrere Wochen so frustriert, dass ich aus der Politik ausscheiden und mich als Anwalt niederlassen wollte. Willy Brandt und der bayerische SPD-Vorsitzende Volkmar Gabert haben mir das aber – Gott sei Dank – ausgeredet.

Rückblick ohne Zorn: Gab’s was, das Sie gut an „68“ fanden?

Aber ja. Erstens haben die Studenten die Reform der Universitäten entscheidend vorangebracht. Zweitens gab es jetzt ein freieres Diskussionsklima. Drittens wurde eine kritische Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit angestoßen. Und viertens haben sich die demokratischen Strukturen bewährt, weil sie die Rebellen im positiven Sinne integrieren konnten. Denken Sie nur an Joschka Fischer. Der war Straßenkämpfer und brachte es zum respektablen deutschen Außenminister. Letztlich haben sich Grundgesetz und Demokratie in Deutschland als stabil erwiesen. Und darüber bin ich bis heute froh.

Quelle: tz

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