CSU-Parteitag: Starkes Ergebnis - Markus Söder als Parteichef wiedergewählt

CSU-Parteitag: Starkes Ergebnis - Markus Söder als Parteichef wiedergewählt

Was sie waren, was sie wurden

Die Auflösung der APO

Die großen Demos gegen den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze, die sexuelle Revolution, die Hoffnung auf die Arbeiterklasse, die im September 1969 mit wilden Streiks aufgestanden war – das „Prinzip Hoffnung“ (so der Titel eines Hauptwerks des marxistischen Philosophen Ernst Bloch) für eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft war bald vorbei.

Die 68er-Bewegung begann, sich aufzulösen.

Den Anfang machte die vermeintliche Speerspitze der Revolution, der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der im März 1970 aufhörte zu existieren. Die heftig verfeindeten Fraktionen der Linken waren sich in nur einem einig: Schluss mit dem SDS!

Wer waren diese Fraktionen und wohin wollten sie?

Der „Weiberrat“ des SDS setzte die „Befreiung der Frau“ auf die Tagesordnung. Die Genossinnen wollten nicht mehr länger die Miezen der Machos sein und probten den Aufstand. Denn trotz Pille und freien Kommunen – den Ton in der Politik der Außerparlamentarischen Opposition (APO) gaben fast ausschließlich die Männer an.

Die sogenannten „Traditionalisten“, zum Teil seit dem Sowjet-Einmarsch 1968 in Prag als „Konterrevolutionäre“ bereits aus dem SDS ausgeschlossen, formierten sich unter dem Schild der neu gegründeten DKP (und mit reichlich Kohle aus der DDR) zum Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB) und versuchten mit dem Koalitionspartner SHB (der später von der SPD ausgeschlossen wurde), die wichtigsten Asten und den studentischen Dachverband VDS zu übernehmen – was ihnen teilweise auch gelang.

Bis zu 8000 Kader konnte der stramm auf die DDR ausgerichtete „Spartakus“ an westdeutschen Universitäten organisieren und eine Politik der „gewerkschaftlichen Orientierung“ propagieren – was auch immer das sein mochte. Nach der Auflösung der DDR löste sich auch der MSB auf.Diesen sogenannten „Revisionisten“ stellten die Revolutionäre des SDS das Konzept des „kommunistischen Parteiaufbaus“ entgegen. In Berlin gründeten Christian Semler, Jürgen Horlemann und Peter Neitzke die KPD/Aufbauorganisation, die sich später schlicht KPD nannte. Eine maoistische Kaderorganisation mit eigenem Studenten- und Jugendverband (KSV und KJV) und einer relativ großen „Massenorganisation“, der „Liga gegen den Imperialismus“, die die Vietnamkriegs-Gegner organisierte. In ihrer Hochphase hatte die KPD rund 10 000 Mitglieder und Sympathisanten und kandidierte (erfolglos) bei den Bundestagswahlen. Bei mehreren spontanen Arbeiterstreiks (wie bei Ford oder bei Hella) mischte die KPD zwar recht erfolgreich mit, doch die Arbeiterschaft zeigte der jungen Partei die kalte Schulter. In Intellektuellen-Kreisen hatte sie durchaus einen gewissen Reiz. Das halbe Ensemble von Peter Steins „Schaubühne“ in Berlin gehörte ebenso zu den Sympathisanten wie der Maler Jörg Immendorff.

Die Ex-Genossin Antje Vollmer brachte es später als Grüne sogar bis zur Bundestags-Vizepräsidentin. Der Frankfurter KPD-Chef Frank Herterich gehörte zum Brain-Trust von Joschka Fischer im Außenministerium. Die Partei, mit der auch Ex-Kommunarde Dieter Kunzelmann und Rüdiger Safranski vom „Philosophischen Quartett“ der ARD zeitweise sympathisierten, propagierte erfolglos die „sozialistische Wiedervereinigung Deutschlands“ und löste sich 1980 auf.

Aus der Heidelberger SDS-Fraktion ging der (ebenfalls maoistische) Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) hervor. Der Kopf der Organisation war Joscha Schmierer, der später ebenfalls im Bundesaußenministerium unter Joschka Fischer landete. Die straff geführte Kaderorganisation verfügte über ein großes Geldvermögen, aus Spenden von Sympathisanten, und leistete sich in Frankfurt am Main eine riesige Parteizentrale. Der KBW überlebte die Konkurrenz von der KPD um einige Jahre, dann war auch hier Schluss.

In Norddeutschland gründete sich der Kommunistische Bund (KB), der in der Anti-AKW-Bewegung einigen Einfluss hatte und später die Grün-Alternative Liste (GAL) in Hamburg teilweise dominierte. Einer der KB-Sprecher, Thomas Ebermann, wurde Fraktions-Sprecher der Grünen im Deutschen Bundestag. Ex-KB-Genosse Jürgen Trittin, kommender Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahlen 2009, brachte es zum Umweltminister in der Regierung Schröder.

Die früheren Münchner SDS-Aktivisten Thomas Schmitz-Bender und Helge Sommerrock gründeten in München den Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD (AB), der bis heute existiert, aber unter der Münchner Arbeiterschaft und den Gewerkschaften nahezu einflusslos ist.

OB Christian Ude, der Thomas Schmitz-Bender noch aus 68er-Zeiten kennt und mit ihm per Du ist, berichtet: „Wir treffen uns ab und zu auf irgendeiner politischen Veranstaltung, und dann will er immer für seine Organisation städtische Räumlichkeiten. Ob ich da nicht helfen könnte?“ Er selbst habe keine Räume, sagt ihm dann der OB, und schmunzelt.

Die stärkste Organisation der „Neuen Linken“ ging aus der Uni-Bewegung der „Roten Zellen“ an der LMU hervor: die Marxistische Gruppe (MG), deren theoretische Köpfe die promovierten Doctores Herbert L. Fertl, Karl Held und Theo Ebel waren. Die MG organisierte in den 1980-er Jahren über 10 000 Mitglieder und Sympathisanten in einer straff organisierten Kader-Truppe. Im Unterschied zu den „K-Gruppen“ war die MG auf eine harte theoretische Schulung der Werke von Hegel und Marx ausgerichtet und kritisierte alle Revolutions-Theorien von Lenin bis Mao Tse-tung, die sie als „voluntaristisch“ und „unwissenschaftlich“ ablehnte. 1991 kapitulierte die MG vor den Ermittlungen des Verfassungsschutzes, der zahlreiche Kader im öffentlichen Dienst enttarnt hatte, und löste sich auf.

Die vor allem in Frankfurt am Main und in Tübingen starken Spontis oder Basisgruppen hatten einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Studentenbewegung der 1970-er Jahre. Sie lehnten alle Parteiaufbau-Modelle ab und sympathisierten mit einem hedonistischen Anarchismus. In Frankfurt gab es die „Putz-Truppe“ unter Leitung des Taxi-Fahrers Joschka Fischer, die auch die direkte Konfrontation mit der Polizei suchte. „Die Bullen putzen“ – wie es hieß. Viele Spontis wurden später Mitglieder der Grünen und gingen einen friedlichen Weg. Die bemerkenswerteste Karriere machte Joschka Fischer, der die Lederjacke gegen den Armani- Anzug tauschte und zum Außenminister aufstieg. Einen Sonderweg aus der APO nahmen die Militanten, die sich schließlich in der Rote Armee Fraktion (RAF) organisierten. Eine kleine Gruppe unter Führung des Münchners Andreas Baader, der konkret-Journalistin Ulrike Meinhof und des SDS-Anwalts (und heutigen Neo-Nazis) Horst Mahler.

Des Weiteren gehörten auch Irmgard Möller, Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler zum späteren harten Kern. Baader, den der Philosoph Jean-Paul Sartre nach einem Besuch im Stammheimer Gefängnis als „unglaublich dumm und völlig ahnungslos“ bezeichnete, hatte eine militante Revolutions-Strategie. Der „faschistische Staat“ sollte durch „individuellen Terror“ gegen Einzelpersonen in die Knie gezwungen werden.

Die RAF begriff sich folglich als Stadt-Guerilla, die „Charaktermasken des Kapitals“ (wie den Unternehmer-Präsidenten Hanns Martin Schleyer) ermordeten oder Repräsentanten der Justiz (Generalbundesanwalt Siegfried Buback) liquidierten. Diese Strategie war ebenso blutig wie aussichtslos. Am Ende nahmen sich alle Protagonisten der verhafteten RAF-Avantgarde (wie Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin) im Gefängnis das Leben – das Ende einer Utopie, die keine war.

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

Unglaublich: Münchner (14) läuft versehentlich ganzen Marathon: „Als ich merkte, dass ich falsch bin ...“
Unglaublich: Münchner (14) läuft versehentlich ganzen Marathon: „Als ich merkte, dass ich falsch bin ...“
Frau nach Spaziergang verschwunden - Polizei startet Zeugenaufruf
Frau nach Spaziergang verschwunden - Polizei startet Zeugenaufruf
Junge Frauen lassen sich nachts heimlich bei Kaufland einsperren - und filmen sich
Junge Frauen lassen sich nachts heimlich bei Kaufland einsperren - und filmen sich
Spur des Schreckens: Jugendliche ziehen nachts durch Stadt und legen Brände - Feuerwehr verhindert Schlimmeres
Spur des Schreckens: Jugendliche ziehen nachts durch Stadt und legen Brände - Feuerwehr verhindert Schlimmeres

Kommentare