Die Ballade vom revolutionären Café

Für Münchens Rebellen ist Platz im kleinsten Café.

Es befindet sich in nächster Nähe der Universität und besticht den Fremdling durch den Reiz seiner revolutionären Behaglichkeit: Am oberen Teil der Wände kleben, den ideologischen Überbau symbolisierend, überlebensgroße Fotos von Mao, Marx und Ho Tschi Minh, darunter sind Flugblätter der Berliner Kommune, erquicklich zu lesen, und viele, viele Zeitungsberichte über SDS-Aktionen in Hamburg, Berlin, Frankfurt und vor allem in München angeheftet.

Die Kaffeetassen kann man auf den Brettern eines großen Regals abstellen, das hauptamtlich den populären Werken der marxistisch-kommunistischen Literatur westlichen Unterschlupf bietet. In der winzigen Auslage – das Café (die Tasse 40 Pfennig) ist auch ein Buchladen – liegen Schriften von Che Guevara und Régis Debré und auch Neuerscheinungen der Verlage Luchterhand und Suhrkamp. Dazwischen einige Exemplare einer Schwabinger Schülerzeitung, die der schulischen Zensur zum Opfer fiel. Von der Decke hängt ein Band mit „Enteignet Springer!“-Plaketten. Anderswo stehen Gedanken im Raum. Hier hängen sie in der Luft.

Während des Semesters brodelt hier die revolutionäre Unruhe. Ein Gewimmel von Wuschelköpfen, Ballonmützen und Kappen im Military-Look demonstriert in winzigstem Rahmen, wie man sich die künftigen revolutionären Massen vorzustellen hat. Der unkundige Zeitgenosse wird sich das Hauptquartier der Revolution sicherlich ein wenig anders vorstellen – ein bisschen untergründiger, bedrohlich, voller Geheimdienstatmosphäre. Doch er irrt: Die Zentrale der Münchner Studentenunruhen ist tatsächlich in einem jedermann zugänglichen Café von drei mal drei Metern untergebracht.

Hier planten sie, dichtgedrängt, auf welches Einsatzzeichen hin man bei der Rektoratsfeier Seifenblasen und Konfetti von der Empore herablassen sollte. Hier wurde ausgebrütet, wo man sechs Uniformen der Münchner Stadtpolizei herbekommen könnte, um in verschiedenen Hörsälen während der Vorlesungen zu demonstrieren, wie es enden wird, wenn die Polizei ungeschoren das Universitätsgelände betreten darf.

Hier knobelten die Chefideologen auch aus, in welcher Formation man am günstigsten zum Landtag ziehen könnte, um den Innenminister zur Diskussion zu zwingen. Von hier aus begab man sich in die Autos, um nach Stadelheim zu fahren, des Protestes wegen.

„Ich habe jetzt meinen vierten Schrieb wegen Hausfriedensbruchs bekommen“, jubelt ein Neuankömmling, und bestellt Kaffee. Damit ist das Stichwort gegeben: Minutenlang erzählen die Genossen von den polizeilichen Verfahren, die sie, gleichsam als Schmuck, am Halse hängen haben. „Du hast wohl noch nie Ärger mit den Bullen gehabt?“, fährt mich ein Bärtiger an. Beflissentlich suche ich nach einer Rechtfertigung: „Doch, doch, mich haben sie erwischt ohne Klingel am Fahrrad …“ Die Umstehenden wenden sich angewidert ab.

Wenn nicht gerade von Polizeimaßnahmen und Gerichtsverfahren die Rede ist, schlägt man im „Trikont“-Café mit Schlagwörtern von der „Repression“ über die „Strukturierung“ bis zur „Umfunktionalisierung“ herum und witzelt. Ja, es wird auffallend viel gewitzelt. Dass die Münchner Umwelt nicht ganz so schlimm ist, wie sie eigentlich sein müsste, um die Rebellen immer wieder mit revolutionärem Zorn zu beflügeln, das ist nur mit Hippie-Heiterkeit zu ertragen.

Doch ein Trost bleibt ihnen immerhin erhalten: Auch nach einem völlig missglückten Happening können sie am nächsten Tag in jeder ortsansässigen Zeitung einen Artikel und meist auch ein Foto über ihre Aktion finden, zum allgemeinen Gaudium vorlesen und dann an die Wand heften. Besonders Leitartikel, die vor dem „roten Terror“ oder vor den „destruktiven Wühlmäusen“ warnen, tragen viel zum Amüsement im Café bei.

Wenn die Studentenrebellen ihren Erben auch wahrscheinlich keine aufregend verbesserte Gesellschaft werden hinterlassen können, so doch auf jeden Fall ein Familienalbum, in das, fein säuberlich ausgeschnitten, Zeitungsberichte und Pressefotos von Studentenaktionen eingeklebt sind. „Schau“, wird die Mutter dann zu ihrem Ältesten sagen, wenn das Album der 60er durchgeblättert wird, „was der Großvater noch für ein Kerl war: Der brauchte nur Seifenblasen zu blasen, und schon zitterte der ganze Staat.“

Christian Ude

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

Junge Frauen lassen sich nachts heimlich bei Kaufland einsperren - und filmen sich
Junge Frauen lassen sich nachts heimlich bei Kaufland einsperren - und filmen sich
Spur des Schreckens: Jugendliche ziehen nachts durch Stadt und legen Brände - Feuerwehr verhindert Schlimmeres
Spur des Schreckens: Jugendliche ziehen nachts durch Stadt und legen Brände - Feuerwehr verhindert Schlimmeres
Zwei mal landeten Autos in U-Bahn-Abgang: Jetzt reagiert die Stadt
Zwei mal landeten Autos in U-Bahn-Abgang: Jetzt reagiert die Stadt
Bombendrohung gegen Gericht in München: 40 Beamte im Einsatz - Polizei gibt später Entwarnung
Bombendrohung gegen Gericht in München: 40 Beamte im Einsatz - Polizei gibt später Entwarnung

Kommentare