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Neues Buch: Interview mit Pfarrer Rainer M. Schießler und Kirchenpfleger Stephan Maria Alof

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Von: Leoni Billina

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Pfarrer Rainer Maria Schießler und Kirchenpfleger Stephan Maria Alof sitzen an einem Tisch, im Hintergrund die Kirche St. Maximilian
Pfarrer Rainer Maria Schießler und Kirchenpfleger Stephan Maria Alof © Marcus Schlaf

Sie sind bekannt für ihre unkonventionellen Ideen und ausgefallenen Aktionen: Pfarrer Rainer Maria Schießler und Kirchenpfleger Stephan Maria Alof sind in der Kirchengemeinde St. Maximilian seit über 25 Jahren ein Team. Jetzt haben sie ein Buch geschrieben: „Seid ihr noch zu retten?! Einfach mal machen und so Kirche verändern“, das heute am 1. April 2022 erscheint. Im Interview sprechen Sie über den ganz eigenen Weg ihrer Gemeinde.

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Stephan Maria Alof: Weil wir wenigstens einen Ausschnitt von dem, was wir hier in 27 Jahren gemeinsam gemacht haben, festhalten wollten. Die katholische Kirche hat ein schlechtes Marketing zur Zeit. Absolut zu Recht wird über all das Schlimme, was passiert, berichtet. Aber trotzdem ist eine lebendige und Halt gebende Kirche immer notwendig, zu allen Zeiten. Unser Buch will klar machen, dass die Kirche noch zu retten ist. Dafür braucht es uns alle, mit Engagement, mit Leidenschaft.

„Einfach machen“ steht als Motto im Buch-Untertitel – was bedeutet das für Sie?

Alof: Weder wir noch die Gemeinde haben nur stur oder ängstlich zum Kardinal oder nach Rom geschaut – kann man das machen, dürfen wir das? Hier entstehen Ideen auf dem kurzen Dienstweg in einer Pfarrgemeinde.
Rainer Maria Schießler: Wir fragen uns immer, was wir speziell hier mit den Leuten machen können. Wir müssen, ja wir können gar keine ausgefeilte Liturgie präsentieren, sondern eine, in der sich alle wiederfinden. Wenn dann Leute extra anreisen, bestätigt uns das in dieser Annahme.

Herr Pfarrer Schießler, Sie werden gerne mal als „Kirchenrebell“ bezeichnet. Sind Sie das?

Schießler: Ich mag das Wort Rebell nicht, da steckt „Krieg“ drin. Wir sehen uns als Gestalter, die versuchen, die Zeichen der Zeit zu akzeptieren. Wenn wir nur eine winzige dogmatische Spurbreite hätten, die wir nicht andiskutieren würden, wären wir alleine hier. Aber unsere Kirche ist voll.

Woran liegt das?

Alof: Weil wir versuchen, unsere ganz eigene Leidenschaft zu Kirche und Glauben zu praktizieren. Das spüren die Leute. Hier wird so gesprochen, dass man uns auch versteht, wir sind für alle da – die Türen von St. Maximilian stehen jedem und jeder offen.

Ecken Sie damit auch an?

Schießler: Natürlich, ständig. Darum auch das Buch.
Alof: Aktuell hängt ein blauer Jesus in der Kirche, dem haben wir einen gelben Lendenschurz angezogen, damit er die ukrainischen Farben hat. Da hieß es dann – Blasphemie!

Lassen Sie sich auf Diskussionen mit Leuten ein, die Ihre Vorstellung von Religion nicht teilen?

Alof: Ja, aber viele schreiben anonym. Der Vorwurf lautet, wir wollten provozieren und uns wichtig machen.
Schießler: Nichts davon ist in unserem Sinne. Wir wollen die Botschaft des Evangeliums nachvollziehen. Die Gemeinschaft der Kirche muss eine vergebende sein, keine bestrafende. Im Strafvollzug gibt es den Begriff der Resozialisierung. Und was macht die Kirche? Wer geschieden ist oder eine andere sexuelle Lebensweise hat, wird „asozialisiert“, ausgesperrt. Wir hier wollen genau das Gegenteil. Christus hat resozialisiert. Kirche muss gerade diejenigen, die vermeintlich draußen sind, reinholen.

Verstehen Sie es, dass so viele Leute aus der Kirche austreten?

Schießler: Ich nicht. Vor kurzem hat Kardinal Marx einen Queer-Gottesdienst abgehalten und gesagt, er hätte sich das vor zehn Jahren nicht einmal für sich selbst vorstellen können – jetzt wird es doch erst richtig spannend. Man hat was davon, wenn man die Veränderung selbst mitgestaltet. Wir brauchen so viele Initiativen wie möglich.

Viele Menschen sehen nicht, dass sich in der Kirche etwas ändert...

Alof: Ich sehe das auch ein bisschen anders. Ich kann verstehen, dass Leute mit all dem nichts mehr zu tun haben wollen. Bei allem was passiert ist. Ich denke das, was wir versuchen, ist ein positives Christentum auszustrahlen.
Schießler: Das sag ich auch oft nach der Sonntagsmesse: Das, was wir hier machen, ist die beste Werbung gegen Kirchenaustritte. Hier darfst du sein, mit allem was zum Leben dazugehört.

Welche Konflikte erleben Sie?

Schießler: Viele Konflikte, die es in anderen Gemeinden gibt, kann ich nicht verstehen. Dass wir uns darüber unterhalten, ob jemand, der homosexuell ist, Kommunionausteilung machen darf – wenn er lesen kann und zwei Hände hat, dann kann er das. Ich darf ihn doch nicht danach beurteilen, welche sexuelle Ausrichtung er hat.
Alof: Ich wurde auch angegriffen. Einmal hat eine Ordensfrau versucht, gegen mich Stimmung zu machen. Sie sagte, ich könne die Kommunion nicht austeilen, weil ich in einer homosexuellen Beziehung lebe.

Man kann also nicht mit allen reden.

Schießler: Das Problem sind die, die ohne theologisches Wissen die Bibel zitieren „in der Bibel steht schon, wenn der Mann beim Manne schläft“ – das hat nichts mit Homosexualität in unserem Kontext zu tun. Da geht’s um Tempelprostitution, um Erniedrigung des Menschen durch sexuelle Gewalt. Das hat mit einer homosexuellen Ehe nichts zu tun. Aber das wird einfach wie eine Schablone drübergesetzt.

Was kann man dagegen tun?

Alof: Ich selbst bin die Veränderung. Ich kann eine Antwort geben durch mein Leben. Das ist, was wir die letzten Jahrzehnte hier geschafft haben, wir haben gemeinsam Kirche gelebt und verändert.
Schießler: Jemand hat mal zu mir gesagt, er wäre gar nicht so sehr der sonntägliche Kirchgänger, aber er wäre einfach gespannt, was wir heute wieder machen würden. Viele, die zu uns kommen sagen, wir rütteln da was auf. Das macht uns schon ein wenig stolz und treibt uns an, hier so weiter zu machen.

Und wie?

Alof: Wir hören Jahr für Jahr dieselben Geschichten. Die Feier der Liturgie lebt auch von der Wiederholung. Aber diese Würze aus den Texten, die Leute damit heute noch anzusprechen, darin liegt unsere Aufgabe.
Schießler: Ich überlege mir, wie man Dinge neu aufbereiten kann. Es muss Spaß machen, Kirche muss Spaß machen.

„Seid ihr noch zu retten?! Einfach mal machen und so Kirche verändern“, 20 Euro, 256 Seiten.

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