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Die mysteriöse Leiche mit zwei verschiedenen DNA

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Bei einer Knochenmarkspende wandern auch genetische Merkmale vom Spender auf den Empfänger.
Bei einer Knochenmarkspende wandern auch genetische Merkmale vom Spender auf den Empfänger. © dpa

DNA-Muster gelten als unverwechselbar — das gilt jedoch nicht bei Empfängern von Knochenmark.

Rudolph Mooshammers Mörder war mit Hilfe einer DNA-Spur überführt worden. Im Prozess um den Mord an der Parkhaus-Millionärin Charlotte Böhringer spielten DNA-Spuren eine wesentliche Rolle in der Indizienkette, die zur Verurteilung ihres Neffen Benedikt T. führten. Aber sind Gen-Treffer wirklich immer eine hundertprozentige Sache? Nein: Bei der Untersuchung eines unbekannten Selbstmörders stießen Münchner Rechtsmediziner auf zwei unterschiedliche DNA-Merkmale!

Der Unbekannte hatte sich im Februar vor einen Zug geworfen und war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. Beim Versuch, den Toten zu identifizieren, stießen die Gerichtsmediziner im Blut auf weibliche DNA, während die Hautzellen männliche Gene aufweisen. DNA-Expertin Dr. Katja Anslinger sagte gegenüber Focus erstaunt: „So etwas ist uns noch nie untergekommen.“

Es stellte sich heraus, dass der Unbekannte Jahre vor seinem Selbstmord an Leukämie erkrankt war und eine Knochenmarkspende einer Frau erhalten hatte. Deshalb wies das Blut des Mannes die genetischen Merkmale der Spenderin auf.

„Der Fall sollte Fahnder und Ermittlungsbehörden sensibilisieren, Genspuren noch kritischer zu hinterfragen“, warnte Dr. Anslinger gegenüber Focus. Wenn die Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen nicht von einer Knochenmarkspende weiß, könne dies zu fatalen Fehlinterpretationen und falschen Verdächtigungen führen.

Beispiel: Ein Straftäter verletzt sich am Tatort und hinterlässt Blutspuren. Die Polizei weiß nicht, dass dieser eine Knochenmarkspende erhalten hatte. Zufällig ist der Spender in der DNA-Kartei der Polizei. Folglich fällt der Verdacht automatisch auf diesen. Denn der „genetische Fingerabdruck“ gilt als unverwechselbar. Sollte der Knochenmarkspender kein sicheres Alibi haben, sieht es für ihn schlecht aus vor Gericht. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar nicht groß, aber: In Deutschland gab es seit 1998 immerhin über 17 600 erfolgreiche Knochenmark-Transplantationen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass einer der vielen Spender oder Empfänger mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist oder noch kommt. Was ist dann ein genetischer Fingerabdruck noch wert?

Quelle: tz

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