Böllerschläge reißen Anwohner aus dem Schlaf

Die Paniknacht von Grünwald

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Mit einer Ladung China-Böller wurde in der Nachbarvilla von Dr. Eric Frohn (45) und seiner Ehefrau, der Ärztin Dr. Leila Frohn (35, im Bild mit einem ihrer Söhne) ein Brautpaar geweckt. Für das Ehepaar Frohn klang es wie Gewehrfeuer.

Grünwald - Der Manager und ungekrönte „Kanisterkönig von Grünwald“ Eric Frohn ist kein ängstlicher Mensch.

Aber als ihn und seine Familie am Samstagmorgen um 4.45 Uhr ein lauter Knall aus dem Schlaf riss, begann eine Erfahrung, die ihn das Fürchten lehrte. Auch wenn letztlich doch kein Amokschütze im Villenviertel unterwegs war, sondern nur Burschen außer Rand und Band feierten, war Frohn am Sonntag immer noch auf 180: Weil sich die örtliche Polizei nicht um die „zu Tode erschreckten Anwohner“ gekümmert habe, sondern er als Beschwerdeführer im Gegenteil auch noch von einem Beamten „schikaniert wurde“.

Zurück zur Horrornacht, als der 45-Jährige glaubte, einen Schuss aus einem großkalibrigen Gewehr gehört zu haben. Als eine zweite Detonation in unmittelbarer Umgebung seines Hauses folgte, konnten sich er und seine Frau, die 35-jährige Beauty-Ärztin Dr. Leila Frohn, nicht mehr gegenseitig damit beschwichtigen, es sei vielleicht ein Jäger im nahen Forst gewesen.

Die Scheiben in der Villa des „Kanisterkönigs von Grünwald“ wackelten, die Alarmanlage heulte los. „Ich dachte, es ist jemand im Haus.“ Der siebenjährige Lennart kam zitternd ins elterliche Schlafzimmer, der einjährige Levin ließ sich nicht mehr beruhigen. Die ganze Familie flüchtete aus dem Erdgeschoss unters Dach. Von dort aus rief Eric Frohn, dessen Vater mit der Erfindung von Kunststoffbehältern für Gefahrgut ein mittlerweile weltweit vertretenes Unternehmen aufgebaut hat, aus dem Fenster laut um Hilfe.

In Panik verständigte der 45-Jährige dann die Polizeiinspektion, seinen Angaben zufolge ist sie „maximal drei Fahrminuten entfernt“. Man werde sofort kommen, sei ihm versichert worden, aber die Frohns sahen weder Blaulicht noch Streifenwagen. Weitere Schüsse ertönten, „ingesamt acht oder neun. Wir robbten auf dem Boden und verschanzten uns, um dem vermeintlichen Amokschützen zu entkommen“. Von der Polizei immer noch keine Spur, kein Entwarnungsanruf.

Als Frohn nach einer weiteren halben Stunde in der Inspektion anrief, hieß es, es handle sich um eine von der Gemeinde genehmigte Veranstaltung des Burschenvereins. Eric Frohn war an diesem Morgen nicht der Einzige, der zu Tode erschrak. Etliche Nachbarn alarmierten die Polizei und meldeten die Schüsse. Ihnen gaben die Beamten eine andere Erklärung: „Es waren China-Böller“.

Als es langsam dämmerte, meinte Eric Frohn, „selbst kein Kind von Traurigkeit“, in Nachbars Garten eine „etwa 20-köpfige Horde von 50- bis 60-jährigen Betrunkenen“ zu erkennen, die nach den Salven noch bis 10 Uhr weiterpichelten, begleitet von Trinksprüchen wie „Prost, du Sack!“

Am Samstagabend gegen 18 Uhr fuhr der verärgerte Manager mit Frau und kleinem Sohn zur Polizei. Als er sich nicht mit der schon gehörten Brauchtums-Erklärung zufrieden gab, habe der Beamte den Spieß umgedreht und ihn, den Beschwerdeführer, ins Röhrchen blasen lassen – er mache einen angetrunkenen Eindruck. Frohn war stocknüchtern und ist weiterhin stocksauer.

Der Grünwalder Burschenverein legt Wert darauf, dass es sich bei den frühmorgendlichen „Detonationen“ nicht um eine Aktion des Vereins handelte. Jedenfalls nicht um eine offizielle – obwohl einige Mitglieder des Burschenvereins „Einigkeit“ anwesend waren. „Es war eine private Feier, bei der das Brautpaar um sechs Uhr mit China-Böllern geweckt wurde“, sagte einer, der dabei gewesen war. „Das ist in Bayern so ein Brauch“, sagt er in perfektem Hochdeutsch. Angemeldet bei der Gemeinde sei die Aktion nicht gewesen. „Man muss doch nicht alles anmelden, es war doch Brauchtum“. Und einen Streifenwagen der Polizei habe man auch nicht gesehen. „Wir haben fünf Böller um sechs Uhr in der Früh abgefeuert. Nicht mehr“.

Weshalb die Grünwalder Polizei gegenüber Eric Frohn von einer „angemeldeten Brauchtums-Veranstaltung“ sprach, bleibt ihr Geheimnis. An jenem Samstagmorgen liefen jedenfalls die Telefone in der Polizeidienststelle heiß – etliche Bewohner rund um die lautstarke Feier im Nobel-Ort hatten sich Sorgen wegen der Schüsse gemacht.

Renate Nöbel, 3. Bürgermeisterin von Grünwald, meinte auf tz-Nachfrage: „Also, dieser bayerische Hochzeitsbrauchtum ist hier in der Gemeinde nicht gerade usus.“

bw./jam.

Quelle: tz

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