Rathauschef auf Olympia-Mission

Die Pekinger Notizen von OB Christian Ude

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Auf olympischer Mission in Peking: Christian Ude.

Peking - "Obwohl ich bestellte Gefühlsaufwallungen und gigantische Inszenierungen nicht mag, hat mich die Eröffnungsfeier gepackt.

Ich bekam eine Gänsehaut bei den mitreißenden Rhythmen der 2000 Trommler, bei der perfekten Choreographie der tanzenden Massen, bei der explodierenden Begeisterung des Publikums, vor allem aber, als Li Ning über allen Köpfen am Stadiondach entlanglief, um die riesige Fackel zu entzünden. Dass Milliarden Menschen diesen Vorgang im selben Augenblick miterlebten, ist faszinierend. Sind wir bestechlich durch Massenszenen und symbolträchtige Bilder?

Manche fürchten dies und suchen pedantisch nach Negativem, das es auch gibt. Natürlich hat sich die Großmachtpolitik Chinas genauso wenig geändert wie die der Präsidenten Putin und Bush. Doch die Feier macht deutlich, dass China anders ist, als es war. Das Vorprogramm stellte ein multiethnisches Gastgeberland vor, und die Feier selbst würdigte Chinas Kulturgeschichte quer durch die Jahrtausende. Traditionspflege mit modernsten Mitteln – in einem Land, in dem vor einigen Jahrzehnten noch jeder Hinweis auf Traditionen verhöhnt, verboten, ausgemerzt und geahndet wurde. Wenn das kein Fortschritt ist!

Ude zu Olympia

Auch die Stadt hat sich geändert, und damit meine ich nicht die Kulissen wie Fahnen- und Blumenschmuck und festlich dekorierte Bauzäune. Das verschwindet wieder. Aber die Millionen Bäume und Sträucher, die fast alle wichtigen Straßen säumen, werden bleiben. Die Fahrt zur Regattastrecke gleicht einem Ausflug ins Grüne. Letztes Jahr noch war es hier trist. Auch zahlreiche umweltbelastende Betriebe sind für immer verschwunden.

Ingo Weiss, der Präsident der deutschen Sportjugend, war bislang stolz auf seine 9,5 Millionen Mitglieder. Ein Gespräch mit seinem chinesischen Kollegen hat ihm die Sprache verschlagen: Der ist für 455 Millionen Mitglieder zuständig. 200 000 davon wurden als Volunteers verpflichtet. Sie stehen schon am Flughafen, an U-Bahnstationen und Bushaltestelle, vor jedem Security-Check und Hotel, wimmeln auf den olympischen Anlagen herum. Man muss nur unbedarft dreinschauen, was mir offenbar mühelos gelingt, schon wird man gefragt: „Can I help you?“ Der anschließende Smalltalk kann keine freie Presse ersetzen, aber hier wächst eine ganze Generation auf mit dem Leitbild der Offenheit, der Begegnung mit Fremden, der Freude an der Vielfalt. Das wird selbst ein autoritäres Regime nicht mit Knopfdruck ungeschehen machen können.

Der erste sportliche Höhepunkt hätte eine Medaille für die Münchnerin Sonja Pfeilschifter werden sollen. Als Hauptschützenkommissar der Königlich-privilegierten Hauptschützengesellschaft von 1406 (das bin ich wirklich) hätte ich ihr gerne zum Triumph bei ihren vierten (!) Olympischen Spielen gratuliert. Stattdessen: Misserfolg in der Qualifikation. Nein, jetzt will sie niemand sehen. So nah sind Triumph und Absturz beieinander.

Die Medien lieben die Sieger, die anderen verliert man schnell aus dem Auge. So viele Jahre harter Arbeit, Unterstützung durch den Verein, Konzentration auf Peking – aus. Wenigstens gibt es eine Chance, am Donnertag, beim Luftgewehrschießen. Ich drücke die Daumen…

Aber eigentlich bin ich wegen 2018 hier, wegen der Münchner Bewerbung um Winterspiele. Ein Empfang jagt den anderen: Das koreanische Haus lädt ein (Vorsicht, Konkurrenz!), die polnische Botschaft, mal der Senegal, mal Indien, dann jeder Sponsor und immer wieder das deutsche Haus im Kempinski Lufthansa Center. Eine deutsche Parallelgesellschaft. DOSB-Präsident Thomas Bach residiert hier, bei der Gartenparty erzählt Siemens-Chef Peter Löscher, wie toll die Rad-Schiene-Technik zwischen Peking und Tianjin funktioniert (gab’s da nicht mal was anderes?, am Nachbartisch plaudert Gerhard Schröder mit Professor Bernd Rürup, am nächsten Tag begrüßt Daimler-Chef Dieter Zetsche IOC-Chef Jacques Rogge. Sonia und Willy Bogner wohnen hier, Zubin Mehta grüßt aus der Lobby. Aber Gäste aus aller Welt sind auch da, schauen zumindest vorbei. Eine ideale Kontaktbörse, um Münchens Vorzüge en passant ins Gespräch zu bringen. Eine „g’mahte Wiesn“.

Nur bei einem älteren Afrikaner blamiere ich mich sehr. Ob er schon mal in München war, frage ich ihn. Dann fragt er mich zweimal, ob ich dort wirklich der Bürgermeister sei. Denn in München hat Keino Kipkoge für Kenia 1972 zwei Medaillen geholt, das war der Höhepunkt seines Lebens!"

Quelle: tz

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