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"Die Tagesmutter hat unseren Sonnenschein totgeschüttelt"

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In der Intensivstation im Schwabinger Kinderkrankenhaus hält Mama Natalie das kleine Handgelenk ihres Sohnes. Zu diesem Zeitpunkt war der 14 Monate alte Christopher bereits hirntot. Die Liebe und Wärme seiner Eltern hat er aber sicher gespürt
In der Intensivstation im Schwabinger Kinderkrankenhaus hält Mama Natalie das kleine Handgelenk ihres Sohnes. Zu diesem Zeitpunkt war der 14 Monate alte Christopher bereits hirntot. Die Liebe und Wärme seiner Eltern hat er aber sicher gespürt

Drei Tage und drei Nächte haben sie gebetet, geweint, gehofft. Keine Minute ließen Natalie und Josef ihren Sohn Christopher allein.

Sie streichelten sein Gesicht, seine Hände, seinen Bauch – am Samstag vor zehn Tagen starb Christopher in ihren Armen. Es war 14.40 Uhr, als sein Herz aufhörte zu schlagen. Sekunden zuvor hatten die Ärzte die Geräte abgestellt, die seinen Körper am Leben hielten. Er starb einen Gehirntod, ausgelöst durch ein Schütteltrauma. Unter Tatverdacht steht seine Tagesmutter – die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Es ist Donnerstag, der 25. September, als Christophers Leben eine ganz andere Wendung nimmt. Seit gut vier Wochen ist der Bub schon bei Tagesmutter Anja S. (34, Name geändert) aus Obergiesing – und es ist der zweite Tag, an dem Christopher dort seinen Mittagsschlaf machen soll.

Am Tag zuvor hatte der 14 Monate alte Bub zwei Stunden geweint, als er schlafen sollte. Seine Mutter Natalie (29) hatte mit der Tagesmutter deshalb abgesprochen, Christopher abzuholen, wenn er nicht zu beruhigen wäre. „Sie hat mich gegen 14 Uhr angerufen und sagte, er würde schlafen.“

Eine Dreiviertelstunde später klingelt wieder das Handy – es ist die Tagesmutter. „Schnell, komm. Christopher geht es schlecht!“ Natalie sitzt in der Tram. An der Haltestelle am Ostfriedhof steigt sie aus – und läuft los zur Wohnung der Tagesmutter. „Ich bin gerannt wie um mein Leben“, sagt Natalie.

Vor dem Haus sieht sie einen Notarztwagen stehen, sie hetzt zu ihrem Sohn. Christopher liegt in einem Zimmer auf dem Boden, ein Notarzt und Sanitäter beugen sich gerade über ihn. „Es war furchtbar, ich konnte nichts für ihn tun. Er hat nicht mehr reagiert.“

Josef und Natalie mit ihrem Sonnenschein beim Urlaub in Andalusien
Josef und Natalie mit ihrem Sonnenschein beim Urlaub in Andalusien

Christopher kommt ins Kinderkrankenhaus Harlaching. Inzwischen ist auch sein Vater Josef (34) dort. Der Designer hat sein Büro Hals über Kopf verlassen. Die Ärzte stellen erstmals Fragen. Ist Ihr Kind gefallen, die Treppe hinunter gestürzt? „Wir waren völlig perplex. Unser Sohn war doch pumperlg’sund am Morgen“, sagt sein Vater Josef. „Christopher war unser Ein und Alles. Wir haben auf ihn aufgepasst wie auf unseren Augapfel, haben nur für ihn gelebt.“

Dann wird der Bub, der ein paar Tage zuvor seine ersten Schritte gemacht hat, ins Kinderkrankenhaus Schwabing verlegt. Eine Computertomografie zeigt eine massive Gehirnblutung. Ein Ärzteteam operiert den Buben die ganze Nacht. Seine Eltern sitzen in einem Warteraum. „Wir haben die ganze Zeit für sein Leben gebetet.“

Die Operation rettet Christophers Leben nicht. Sein Herz wird an eine Maschine angeschlossen, die auch seine Atmung steuert. Sein Gehirn zeigt fast keine Reaktion mehr. Natalie und Josef weichen keine Sekunde von ihrem Buben. Am Samstagnachmittag stirbt Christopher.

Christophers Eltern bei ihrem schwersten Gang: Sie müssen ihren kleinen Engel zu Grabe tragen
Christophers Eltern bei ihrem schwersten Gang: Sie müssen ihren kleinen Engel zu Grabe tragen

Am Sonntag befragen Polizisten die Eltern – und die Tagesmutter. Die Ärzte hatten den Verdacht geäußert, dass Christopher wohl an den Folgen von Gewalt gestorben ist. „Am Montag hat uns ein Beamter angerufen und gesagt, dass die Tagesmutter gestanden hat. Zweimal habe sie den Buben geschüttelt“, sagt Vater Josef.

Eine Obduktion erhärtete den Verdacht, dass Christopher durch ein Schütteltrauma die lebensgefährliche Hirnblutung erlitten hatte. Am Dienstag, sechs Tage nach der Gewalttat, beerdigen Natalie und Josef ihren Sohn am Ostfriefhof – nur hundert Meter entfernt von der Wohnung der Tagesmutter Anja S.

Die Pflegemutter, die zwei eigene Kinder und drei Tageskinder hat, wurde vom Jugendamt vermittelt. „Eigentlich wollten wir Christopher in einer Kinderkrippe unterbringen. Bei elf Einrichtungen haben wir uns beworben. Aber wir hatten keine Dringlichkeitsstufe“, sagt Vater Josef. „In einer Krippe wäre das nicht passiert. Unser Christopher könnte noch Leben. Jetzt ist unser Leben dunkel. Unser Engel, unser Sonnenschein ist nicht mehr da.“

tz-Stichwort: Schütteltrauma

Da Babys über eine noch sehr schwache Halsmuskulatur verfügen, führt Schütteln zu starken Bewegungen des Kopfes und damit zu gefährlichen Beschleunigungskräften im Gehirn. Dies kann zum Abreißen von Blutgefäßen und damit zu einer Hirnblutung führen. Die Folge kann eine schwere Behinderung oder auch der Tod des betroffenen Kindes sein. Das Schütteltrauma ist häufigste Todesursache bei misshandelten Kindern.

Das Schütteln ist meist eine Überreaktion entnervter Eltern oder Betreuer, die das Schreien ihrer Babys nicht mehr ertragen. Die Folgen dieser Misshandlung war bis in die 70er Jahre hinein nicht erkannt und oft als „plötzlicher Kindstod“ erklärt worden. Bei einer gerichtsmedizinischer Untersuchung kann ein Schütteltrauma heute eindeutig erkannt werden. Doch die Dunkelziffer ist vermutlich hoch.

Liegt keine Tötungsabsicht vor, wird die Tat als Körperverletzung mit Todesfolge (§ 227 StGB) verfolgt. Die Mindesstrafe beträgt drei Jahre Haft! Erst im Juli verurteilte das Münchner Landgericht einen unbescholtenen Vater zu fünf Jahren Gefängnis, weil er sein Kind zu Tode geschüttelt hatte.?Ebu.

Quelle: tz

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